Eine Corona-Infektion beeinträchtigt in 60 bis 80 Prozent aller Fälle den Geruchs- und Geschmacksinn. 20 Prozent leiden länger daran.

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Seit den ersten Fällen sind gut zehn Monate vergangen. Im Februar gab es auch in Österreich die erste Covid-19-Erkrankungswelle, bei der eine Besonderheit des Virus aufgefallen ist: Sars-CoV-2 beeinträchtigt den Geruchs- und Geschmackssinn. Eine Störung, die Neurologen wie Thomas Berger, Leiter der Universitätsklinik für Neurologie an der Medizinischen Universität Wien, besonders genau beobachten. Sie sammeln Daten und können eine Zwischenbilanz ziehen.

60 bis 80 Prozent der Infizierten dürften von dieser Störung betroffen sein. Es ist eine Erhebung, die sich allerdings auf Patientinnen und Patienten im Spital bezieht. Die Mehrheit sind jene, die eine Corona-Infektion zu Hause durchmachen – und insofern von der Statistik nur schwer erfasst werden können.

Was dabei passiert: Geruch und Geschmack sind Sinneseindrücke, bei denen chemische Reize, die von Aromen stammen, in elektrische Signale umgewandelt werden. Eine Schlüsselfunktion hat der Riechkolben, der am Dach der Nase liegt. Er besteht aus einer Vielzahl von Nervenzellen, die diese Signale ins Gehirn leiten. Riechzellen haben also eine Art Übersetzungsfunktion und können dann über den ersten Hirnnerv vom Gehirn erfasst, verarbeitet und interpretiert werden. Der Geruchssinn hat tatsächlich auch eine wichtige Schutzfunktion: Er erfasst die Gefahr von Feuer oder lässt uns verdorbene Speisen erkennen, darüber hinaus spielt er auch für die Psyche eine zentrale Rolle. Ein Geschmacks- und Geruchsverlust löst nicht selten auch Depressionen aus.

Vorübergehend entzündet

Anosmie ist der medizinische Fachausdruck für einen Geruchs- und Geschmacksverlust, denn auch das Schmecken geht über die Nase. Die Aromen aus Lebensmitteln werden vom Mund-Nasen-Raum zum Riechkolben geleitet. Auch an dieser zentralen Schaltstelle gibt es Zellen mit ACE-2-Rezeptoren, und wenn das Virus dort andockt, kommt es zu einer Entzündung. Bei 80 Prozent aller Betroffenen bildet sich diese Beeinträchtigung innerhalb von acht bis zehn Tagen wieder zurück.

Bei zehn Prozent dauert es einige Wochen und bei weiteren zehn Prozent einige Monate, wobei Betroffene von Verbesserungstendenzen berichten. "Nachdem es sich bei 80 Prozent zurückbildet, ist es ein starker Hinweis darauf, dass Sars-CoV-2 keine anhaltende Schädigung verursacht", sagt Thomas Berger, der die Publikationen zu diesem Themenbereich sehr aufmerksam verfolgt. "Es gibt weltweit nur ganz wenige publizierte Fälle, die zeigen, dass es tatsächlich auch zu einer isolierten Infektion und damit einer Schädigung des ersten Hirnnervs gekommen ist", sagt Berger. In diesen Fällen konnte die Schädigung durch Magnetresonanztomografie belegt werden.

Training der Nerven

Die Beeinträchtigung verschwindet bei den allermeisten dann, wenn das Immunsystem gegen das Virus Antikörper gebildet hat. Dann geht die Entzündung zurück, und die Riechzellen können ihre Funktion wiederaufnehmen.

Weil es keine medikamentöse Behandlung gibt, empfiehlt Berger allen, bei denen dieser Prozess länger dauert, den Geruchssinn zu trainieren. Wie das geht: sich bewusst starken Geruchsreizen aussetzen, vor allem den angenehmen – denn auf diese Weise werden sie dem Gehirn "in Erinnerung gerufen", sagt Berger. Je öfter, umso besser. Denn die Regenerationskraft des Gehirns bleibt durch das Coronavirus unbeeinträchtigt. (Karin Pollack, 29.11.2020)