Wegen der Corona-Krise gekündigt: Mit diesem Grund scheint der Jobverlust geringeres Stigma zu haben.

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Arbeitslosigkeit kann jeden treffen. Das zeigt die Corona-Krise besonders: Die meisten Branchen sind von den wirtschaftlichen Folgen der Pandemie betroffen, Lehrlinge wie Akademikerinnen haben ihren Job verloren.

Aktuell sind in Österreich 448.792 Personen ohne Job, davon 382.135 arbeitslos und 66.657 in Schulung, teilte Arbeitsministerin Christine Aschbacher (ÖVP) am Dienstag mit. Das sind um rund 88.000 mehr arbeitslose Personen als im Vergleichszeitraum im Vorjahr.

Die Gründe für Arbeitslosigkeit sind vielfältig, doch oft gilt sie als selbstverschuldet und wird stigmatisiert. Arbeitslose werden als faul, ungebildet oder Sozialschmarotzer angesehen.

Diese Wahrnehmung könnte sich durch die Corona-Krise verändern. Das legt zumindest eine Umfrage der Jobplattform Linkedin nahe, die dem STANDARD vorab vorliegt. Das Marktforschungsinstitut Censuswide hat dafür 2002 Arbeitssuchende in Deutschland befragt – 1516 haben vor der Pandemie ihren Job verloren, 486 währenddessen. Auch in weiteren europäischen Ländern wurden Daten erhoben.

Externe Gründe

Zwar stimmen acht von zehn Arbeitslose in Deutschland der Aussage zu, dass mit dem Jobverlust ein negatives Stigma verbunden ist. Gleichzeitig sind 70 Prozent der Meinung, dass "Arbeitslosigkeit oder Entlassungen" als Folge der Corona-Krise in weniger schlechtem Licht stünden. Auch in Großbritannien beobachten laut Linkedin 68 Prozent der dortigen Befragten, dass sich das Stigma verändere. Drei Viertel der britischen Millennials, die besonders von der Krise betroffen sind, sind dieser Meinung.

Wohl auch, weil externe Faktoren der Grund waren und nicht die eigene Leistung oder Eignung für den Job. Die Pandemie dürfte also auch von der Schuld an der Arbeitslosigkeit befreien. Menschen, die durch Corona ihre Stelle verloren haben, gehe es besser, sagte die Sinnforscherin Tatjana Schnell kürzlich im STANDARD: "Es ist leichter, die Verantwortung auf die Pandemie zu schieben, das ist eher auszuhalten." Dennoch belastet der Jobverlust: Etwa je ein Drittel der deutschen Befragten sagte, dieser habe Ängste ausgelöst oder sie deprimiert.

Die eigene Betroffenheit baue jedenfalls laut der Umfrage Vorurteile gegenüber Arbeitslosen ab. Etwas mehr als die Hälfte der Jobsuchenden verstehe die Situation Arbeitsloser nun besser. Immerhin 28 Prozent sagten, sie hätten vor ihrem Jobverlust auf diese "herabgeschaut". Ein Viertel hielt sie für faul, ein Fünftel für schlechter qualifiziert und knapp ein Sechstel für "weniger fähig".

Folgen der Vorurteile

Wohl auch wegen dieser Vorurteile haben fast zwei Drittel der Befragten laut eigenen Angaben die Arbeitslosigkeit gegenüber Familie, Freunden oder künftigen Arbeitgebern verborgen. Die Gründe: Es war ihnen peinlich, sie schämten sich oder wollten die Chance auf eine neue Stelle nicht beeinträchtigen. Denn 54 Prozent glauben, sie hätten bei der Bewerbung wegen der Arbeitslosigkeit einen Nachteil.

Je länger man arbeitslos ist, desto eher empfindet man, von negativen Vorurteilen betroffen zu sein. Das zeigt eine Studie der Unis Würzburg und Hannover sowie des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung. Die Folge: negative Selbstwahrnehmung, verringertes Selbstwertgefühl, verschlechterte Leistungen und häufigere Isolation – Faktoren, die bei der Jobsuche wenig hilfreich sind. Die Vorurteile können also den Wiedereintritt ins Arbeitsleben erschweren – und zu Langzeitarbeitslosigkeit führen.

Umso wichtiger ist also auch die Unterstützung des sozialen Umfelds – auch bei der Jobsuche. Jene, die in der Krise ihre Stelle verloren haben, erhalten laut Linkedin-Umfrage von Freunden, Familie und Ex-Kollegen mehr Unterstützung und Rückhalt bei der Jobsuche als jene, die vor der Pandemie arbeitslos wurden. (set, 28.11.2020)