Die Heilige Nacht könnte für viele Menschen heuer so still und vielleicht auch einsam werden wie noch nie: Wer mit den Großeltern feiert, geht in Zeiten von Covid-19 ein Wagnis ein.

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Die Planspiele laufen auf Hochtouren. In Zeiten der Pandemie gilt es längst nicht mehr nur die ewige logistische Frage – wann wo mit wem Bescherung feiern – zu lösen. Wer sich dieses Jahr auf das frohe Fest vorbereitet, muss Szenarien austüfteln, Risiken abschätzen, Teststrategien entwerfen. Juristisches und epidemiologisches Fachwissen sind Voraussetzung.

Dabei geht es um einen an sich banalen Wunsch. Die Familie will, wie über Jahrzehnte der Brauch, gemeinsam bei Karpfen, Keksen und Kerzenschein feiern. Doch die Großeltern sind über 80 Jahre alt und zählen – weil nicht mehr rundum gesund – zur Risikogruppe. Ist da "ein Weihnachten wie früher", wie es Minister Rudolf Anschober beschwor, zu verantworten? Wie können Familien vorsorgen, damit der Heilige Abend nicht zum Hasard wird?

Auf den ersten Blick bietet sich jene vermeintliche Wunderwaffe an, die auch Kanzler Sebastian Kurz bei den von ihm verordneten Massentests in Stellung bringt. Antigentests, die per Nasen-Rachen-Abstrich Virusproteine nachweisen, versprechen innerhalb von 15 Minuten ein Ergebnis. Doch die Sache hat einen Haken. Das Schnellverfahren liefert zwar eine Momentaufnahme, aber selbst bei größter Vorsicht im Anschluss keinen über Tage gültigen Persilschein.

Teststraße im Vorzimmer

Das liegt an der Tücke der Krankheit. Ab der Infektion dauere es mindestens 24 Stunden, in der Regel drei bis vier Tage, ehe der Träger ansteckend ist, erläutert der Infektiologe Gernot Walder, der in Außervillgraten in Osttirol ein Labor betreibt: "Da sitzt das Virus in der Schleimhaut und schaut, ob es angreifen kann."

Während dieser Inkubationszeit schlägt der Antigentest nicht an. Er habe schon Menschen mit negativem Ergebnis erlebt, sagt Walder, "die kurz später voll wie eine Haubitze mit Viren waren und die ganze Familie samt Nachbarn angesteckt haben".

"Einmal testen und dann Holladaro" wäre fatal, warnt auch der Facharzt Herwig Kollaritsch, der im Corona-Beraterstab des Gesundheitsministeriums sitzt. Um sich für alle Feiertage so gut wie möglich abzusichern, sei deshalb eine Drei-Etappen-Strategie mit Tests am 20., 24. und 31. Dezember ideal.

Geht es nur um einen Tag wie den Heiligen Abend, sollte die Aktion knapp davor stattfinden, sagt Kollaritsch, der sein Vorzimmer zur privaten Teststraße umfunktionieren will: "Wer mich besuchen möchte, muss sich mit dem Staberl in die Nase fahren lassen."

Doch Kollaritsch ist Arzt. Weder Beschaffung noch Anwendung der Tests bereiten ihm Probleme. Für einen Normalsterblichen hingegen ist beides nicht so einfach.

Hemmungen beim Herumstochern

Die derzeit in Europa zugelassenen Antigentests sind ausschließlich für die Anwendung unter fachkundiger Aufsicht zugelassen, hält das Gesundheitsministerium fest, weshalb die meisten Hersteller gar nicht an Privatpersonen verkaufen.

Zwar finden sich im Internet trotzdem einige Angebote, und bei einem Rundruf stieß DER STANDARD auf zumindest eine Apotheke, bei der jedermann zugreifen darf. Aber dann gilt es noch, den Abstrich, womöglich bei einem Kleinkind, korrekt abzunehmen.

Die Hemmschwelle könne einen daran hindern, das Stäbchen tief genug einzuführen, warnt der Infektiologe Walder: "Nicht jeder ist zum Fakir geboren." Aber auch wildes Herumstochern könne gefährlich sein – und werde an der falschen Stelle geschabt, drohten ein falsches Ergebnis und Verletzungen.

Außerdem seien FFP2-Maske, Handschuhe und Schutzbrille bei der gegenseitigen Abnahme Pflicht. Wenn da jemand zu husten und niesen beginne, bekomme die Umgebung die volle Ladung an Viren ab. Und noch einen Rat hat Walder. Wer schon auf Do-it-yourself setze, sollte zuvor zumindest einen Arzt und ein Labor konsultieren, um einen guten und passenden Test zu erwischen.

Sündteure Test

In puncto Ansteckungsgefahr nicht weniger heikel, aber einfacher im Gebrauch, sind Gurgeltests. Ein solcher PCR-Test, der Erbgut des Virus nachweist, reagiert auch sensitiver, identifiziert also früher eine Infektion. Die Nachteile: Die Probe muss zur Auswertung ins Labor geschickt werden – vom Test bis zum Ergebnis sind also etwa zwei Tage zu rechnen.

Obendrein ist der Preis geschmalzen. Bei mehrfachem Check einer größeren Familie gehen schon die Antigentests, die es im Multipack ab acht Euro das Stück gibt, ins Geld. Doch richtig teuer kommt mit 149 Euro pro Anwendung erst die Gurgelvariante.

Wem der Selbstversuch zu abenteuerlich ist, kann sich auch testen lassen. Die Liste jener Apotheken, die Antigentests vor Ort durchführen, wächst – die Nachfrage allerdings auch. Voranmeldung ist nötig, zumindest in Wien ist die Auslastung für die Tage vor Weihnachten mancherorts bereits hoch. Aus der Urania-Apotheke in der Innenstadt etwa heißt es: "Wir haben jetzt schon viele Buchungen für den 23. Dezember."

Unsichere Quarantäne

Und ganz ohne Tests? Einsiedlerisch motivierte Geister können sich – sofern es Beruf und Schule zulassen – samt Familie vor dem Heiligen Abend zehn Tage in freiwilliger Quarantäne kasernieren.

Doch abgesehen davon, dass Christbaumkauf und Lebensmittelversorgung zur Herausforderung werden: Sicherheit bietet diese Variante nur bedingt. Zu unterschiedlich fielen Inkubations- und Infektionszeiten von Fall zu Fall aus, erklärt Walder: "Die alte Tant’ mit 80 Jahren kann auch am 14. Tag nach der Ansteckung noch hochinfektiös sein."

Bleiben noch die seit Monaten gepredigten Klassiker. "Tragen alle Mund-Nasen-Schutz, halten die Abstände ein und reißen die Fenster ständig auf, wird es das Virus schwerhaben", sagt Miranda Suchomel, Hygienologin an der Med-Uni Wien: "Aber ehrlich: Wenn ich der Oma eine Maske ins Gesicht klatsche, kann ich das Fest gleich vergessen."

Den Abstandsengel mitdenken

Ob die Älteren nicht völlig gemieden werden sollten? Das komme darauf an, wie die jeweilige Person drauf sei, sagt Suchomel. Sie selbst etwa werde sich die Feier mit der Schwiegermutter nicht nehmen lassen. Die ist zwar schon 78 Jahre alt, aber eine umtriebige Frau, die sich im Alltag ebenfalls nicht verschanze: "Da könnten wir uns bei tausend anderen Gelegenheiten genauso anstecken."

Was die Expertin jedenfalls empfiehlt: Weihnachtslieder besser aus der Konserve, weil Singen virengeschwängerte Aerosole en masse durch den Raum fliegen lässt. Vor dem Christbaum und am Esstisch einen "Abstandsengel" zwischen Gästen mitdenken. Aufs Abbusseln besser verzichten – wobei man es aber auch nicht übertreiben müsse: "Bei einer raschen, schweigenden Umarmung kann original gar nichts passieren."

Fragt sich nur, ob es die Regierung darauf ankommen lassen will. Die derzeitigen Ausgangsbeschränkungen schließen Familientreffen weitgehend aus. Der Lockdown soll laut Plan ab dem 7. Dezember auslaufen, doch dass für die Feiertage sämtliche Schranken fallen, scheint illusorisch. Wer in koalitionäre Kreise hineinhört, erfährt: Denkbar ist etwa eine Regel, wonach sich maximal zwei Haushalte treffen dürfen. Kommenden Mittwoch könnte das Volk mehr erfahren.

Der Mulatschag erst nächstes Jahr

Mit strenger Kontrolle ist allerdings nicht zu rechnen. Abgesehen von den rechtlichen Schwierigkeiten: Die Polizei wird sich kaum trauen, am Heiligen Abend an den Türen zu klingeln. Der Mediziner Kollaritsch appelliert deshalb an den kollektiven Hausverstand, um das persönliche Risiko der Ansteckung vor Weihnachten möglichst zu minimieren: "Dann toure ich halt nicht mehr stundenlang durch die SCS, bis die Kreditkarte glüht."

Wer Symptome zeige, habe ausnahmslos daheimzubleiben, mahnt Kollaritsch. Darüber hinaus empfiehlt er, Gäste nur zizerlweise einzuladen – oder im Zweifelsfall ganz darauf zu verzichten. "Ich weiß, viele Leute fragen sich, ob denn die Omi beim nächsten Weihnachtsfest noch lebt", sagt er. Aber wenn sich ein gebrechlicher Mensch mit dem Coronavirus anstecke, bestehe die Gefahr, dass sich die Frage bald gar nicht mehr stelle: "Da veranstalte ich eben erst im nächsten Jahr den Mulatschag, dass die Bude wackelt." (Gerald John, 28.11.2020)