Auch mit den halluzinogenen Wirkungen so mancher Pilzart (hier: ein junger Fliegenpilze) befasst sich Merlin Sheldrake eingehend.

Bei Pilzen denken die meisten von uns als Allererstes an die essbaren Schwammerln, die man im Wald findet und für deren Bestimmung es dutzende Pilzbücher gibt. Doch genauer betrachtet handelt es sich dabei nur um die Fruchtkörper der Pilze, also quasi um die Äpfel am Apfelbaum. Der ganze große Rest, die hochkomplexen Myzel- und Mykorrhiza-Netzwerke, mit denen die Pilze etwa mit Bäumen verbunden sind, ist im Boden verborgen.

Genau darüber hat Merlin Sheldrake, der Sohn des nicht ganz unumstrittenen britischen Biologen Rupert Sheldrake ("morphische Felder"), seine Dissertation an der Universität Cambridge verfasst. Doch auch dieses Wood Wide Web, das der Mykologe unter anderem im Regenwald von Panama studierte, ist nur ein weiterer Ausschnitt des schier unendlichen Universums der Pilze, die neben den Pflanzen und den Tieren das dritte große Reich der eukariotischen Lebewesen bilden (also jener mehrzelligen Lebensformen mit Zellen inklusive Zellkern).

Pilze allüberall

Pilze leben nämlich auch in und an uns, sie retten als Medikamente leben, etwa als Penicillin. Wir brauchen sie zur Bier- und Broterzeugung sowie zur Herstellung verschiedener Milchprodukte. Und weitere biokatalytische Prozesse mit Pilzen könnten für eine grünere Zukunft des Planeten sorgen, wie Sheldrake anhand von mehreren Beispielen zeigt. So können Pilze als Destruenten beim Abbau unerwünschter Substanzen helfen.

Natürlich dürfen kommen bei Sheldrake, der sich als talentierter "Nature Writer" erweist, auch die halluzinogenen Pilze nicht zu kurz, seine Erfahrungen mit dem auf Pilzen basierten Brauen alkoholhaltiger Getränke zu Studententagen oder Trüffeljagten im Piemont, wo regelmäßig die größten Weißen Trüffel (Tuber magnatum) für ein sechsstelliges Anbot an Restaurants in den Fernen Osten verkauft werden.

Die 900 Gramm schwere Weiße Trüffel aus dem Piemont wechselte Anfang November 2020 um 100.000 Euro den Besitzer bzw. nach Hong-Kong.
Foto: AFP / APA / MARCO BERTORELLO

Zeichnungen aus Schopftintlingstinte

Über all das, aber auch über über Zombiepilze, die Ameisen und anderes Getier auf wundersame Weise manipulieren oder die größten Pilze der Welt (etwa so groß wie Zypern), hat Sheldrake ein ganz wunderbares Buch geschrieben, das stilecht mit Zeichnungen illustriert ist, deren Tinte vom Schopftintling stammt. "Verwobenes Leben" erschließt nicht nur eine unseren Augen verborgene Welt. Es lässt uns auch die Welt, die wir kennen, mit anderen Augen betrachten.

P.S.: Das Buch lässt sich mit Pilzen auch weiterverarbeiten, wie Sheldrake selbst demonstriert hat: Ein angefeuchtetes Exemplar versetzte er mit Pleurotus-Mycel und züchtete damit Austernpilze. Die Seiten eines anderen Exemplars stampfte er ein und baute die Cellulose mit schwacher Säure zu Zucker ab. Der Zuckerlösung setzte er Hefe zu, um sie zu Bier zu vergären. Prost! (Klaus Taschwer, 23. 12. 2020)