Glaubt man Ursula von der Leyen und Boris Johnson, wird die Welt am Sonntag erfahren, wie es mit der Europäischen Union und Großbritannien weitergeht. Die beiden haben bei einem langen "Dinner for two" am Vorabend des EU-Gipfels diese Verhandlungsfrist vereinbart.

Boris Johnson tritt auf wie ein ökonomischer Voodoo-Zauberer.
Foto: AP/Kirsty Wigglesworth

Wieder einmal, muss man einwenden. An Fristen, gebrochenen Versprechen, Ultimaten und wieder neuen Fristen hat es in dem seit Juni 2016 dauernden Trennungsprozess wahrlich nicht gefehlt. Sicher schien bisher nur, dass im Notfall verlängert wird. Aber vielleicht ist diesmal nicht wieder alles nur Show und Bluff, was der britische Premier der Kommissionschefin auftischte. Vielleicht glaubt er all das wirklich.

Fiele die Entscheidung nur nach vernünftigen Kriterien aus, müsste Johnson einlenken. Sein Land exportiert gut die Hälfte seiner Produkte in EU-Staaten. Es ist logisch, dass das zollfrei und ohne Mengenbegrenzungen für die EU-27 nur akzeptabel ist, wenn britische Produkte wie im Binnenmarkt fair – unter vergleichbaren gleichen Regeln – erzeugt werden. Alles andere wäre Wettbewerbsverzerrung.

Johnson sieht das offenbar umgekehrt: "Fair" sei nur, wenn Märkte möglichst ungeregelt sind. Und sein Credo lautet, dass die britische Wirtschaft in jedem Fall stärker wird, ob mit oder ohne EU-Handelsvertrag. Das ist eher schräg, noch dazu, nachdem Brexit und Corona-Krise bereits schwere Schäden angerichtet haben. Boris tritt auf wie ein ökonomischer Voodoo-Zauberer. (Thomas Mayer, 10.12.2020)