Herbert Prohaska erinnert sich an die WM 1978: "Rossi hat damals in der Anfangsphase getroffen, wir haben in der Defensive einen Fehler gemacht."

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Paolo Rossi im Match seines Lebens. Am 5. Juli 1982 erzielt er bei der WM drei Treffer gegen Brasilien. Italien gewinnt 3:2.

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Fußball-Ikone Paolo Rossi ist am Donnerstag im Alter von 64 Jahren gestorben. Rossi schoss Italien 1982 als Torschützenkönig zum Weltmeistertitel. Herbert Prohaska, Österreichs Spieler des Jahrhunderts, erinnert sich an den Stürmer – und an seine Zeit in der Serie A.

STANDARD: Was hat Paolo Rossi als Stürmer ausgezeichnet?

Prohaska: Er war so ein richtiger Schleicher im Strafraum. Nicht der Größte, aber sehr beweglich und spielerisch auch ganz gut. Wie alle großen Stürmer wusste er instinktiv, wo er zu stehen hat, um zum Abschluss zu kommen. Unbestritten einer der gefährlichsten Mittelstürmer seiner Zeit.

STANDARD: Beruht sein Mythos allein auf seiner Leistung bei der Weltmeisterschaft 1982?

Prohaska: Er hatte schon vor der WM einen Namen. Zum Mythos wurde er dann aber tatsächlich bei der Weltmeisterschaft. Italien ist damals ohne Sieg durch die Vorrunde gestolpert. Und dann trifft dieser Rossi in der entscheidenden Phase drei Mal gegen Brasilien, zwei Mal gegen Polen und auch noch im Finale gegen Deutschland. Das war eine der großen Geschichten des Fußballs.

STANDARD: Wissen Sie, wie oft Sie Paolo Rossi gegenüberstanden?

Prohaska: Sechs, sieben Mal?

STANDARD: Es waren vier Begegnungen. Alle endeten für Ihre Mannschaft mit einer Niederlage. Drei waren es mit AS Roma gegen Juventus Turin, eine mit Österreich gegen Italien bei der Weltmeisterschaft 1978 in Argentinien.

Prohaska: Daran kann ich mich natürlich erinnern. Rossi hat damals in der Anfangsphase getroffen. Wir haben in der Defensive einen Fehler gemacht, er hat ihn ausgenützt. Das war eine bittere Niederlage, eigentlich war es ein typisches 0:0. So konnten wir in Cordoba gegen Deutschland wenigstens ohne Druck spielen.

Österreich verliert am 18. Juni 1978 bei der Weltmeisterschaft gegen Italien. Rossi erzielt in der 14. Minute den entscheidenden Treffer.
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STANDARD: Obwohl die Matches mit Roma gegen Juventus verloren gingen, behielt die Roma in der Meisterschaft 1982/83 die Oberhand.

Prohaska: Ja, wir sind Meister geworden, das war nicht unangenehm. Juventus ist mit Michel Platini, Zbigniew Boniek, Paolo Rossi und etlichen Weltmeistern als klarer Favorit in die Saison gestartet. Diese Mannschaft galt als unschlagbar. Man sagte, die würden spätestens im Winter den Titel feiern.

STANDARD: Wie gut ist die Roma damals gewesen?

Prohaska: Einen großen Anteil am Erfolg hatte Trainer Nils Liedholm. Er hat in Italien eine Revolution eingeführt. Wir waren die erste Mannschaft, die Raum- statt Manndeckung gespielt hat. Wir waren die erste Mannschaft, die hinten eine Viererkette stehen hatte. Das hat uns massiv geholfen.

STANDARD: Die großen Namen haben aber auch in Ihrer Mannschaft nicht gefehlt.

Prohaska: Wir hatten Weltmeister Bruno Conti und den Brasilianer Falcão im Team. Carlo Ancelotti, heute großer Trainer, war aufstrebend. Wir waren von der Qualität der Spieler sicher nicht schlechter als Juventus. Bei der ersten Besprechung meinte Liedholm, unser Ziel sei der Titelgewinn.

STANDARD: Waren Sie von den Ambitionen überrascht?

Prohaska: Nun, die letzte Meisterschaft der Roma lag rund vier Jahrzehnte zurück. Ich habe etwas an meinen Italienischkenntnissen gezweifelt. Ich dachte, ich hätte mich verhört. Nach außen hin haben wir Juventus in den Himmel gehoben. Wir haben so getan, als könnten sie ganz locker Meister werden.

Prohaska zweifelte an seinen Italienischkenntnissen. Zu Unrecht.
Giorgio Capmilord

STANDARD: War die Roma mit Herbert Prohaska die beste Roma aller Zeiten?

Prohaska: Sie war zumindest nicht die schlechteste. Die Meistertruppe von 2001 mit Gabriel Batistuta und Francesco Totti war aber schon auch eine sehr gute Mannschaft. Roma ist nur dreimal Meister geworden, diese Mannschaften waren in der Geschichte des Vereins natürlich herausragend.

STANDARD: Der Fußball hat mit Diego Maradona und Paolo Rossi zwei seiner Ikonen in kürzester Zeit verloren. Macht man sich Gedanken?

Prohaska: Man musste kein Arzt oder Mediziner sein, um zu erahnen, dass Maradona nicht ewig leben würde. Mit seinem Lebensstil hat er wohl 120 Jahre verlebt. So gesehen ist er eigentlich alt geworden. (Philip Bauer, 11.12.2020)