Bob Dylan hat die Rechte an 600 seiner Songs an Universal Music verkauft. Für große Musikverlage sind derlei Anschaffungen langfristig lukrative Deals, für Künstler kurzfristig.

Foto: AP

Als klassischer Kunsthändler hätte er es wohl nicht all zu weit gebracht. Denn als Bob Dylan von Andy Warhol 1966 ein Original der Elvis-Porträtserie Double Elvis geschenkt bekam, tauschte er es bald gegen etwas, wie er sagte, Praktisches ein: gegen ein Sofa. Dieses erhielt er von seinem Manager Albert Grossman. Als der das Bild 1988 bei einer Auktion verkaufte, fiel der Hammer bei 720.000 Dollar – Dylan saß damals möglicherweise auf dem teuersten Sofa aller Zeiten.

Ende der 1960er entzweiten sich Grossman und Dylan. Denn irgendwann hat jemand getan, was der Musiker hätte tun sollen, bevor er den Vertrag mit Grossman unterschrieben hat: ihn lesen. Grossman gestand sich nämlich großzügige 50 Prozent von Dylans Veröffentlichungsrechten zu und wurde damit reich. Dylan erstritt in einem langwierigen Prozess, der bis in die 1980er hineinreichte, seine Songrechte vollumfänglich für sich zurück – nun hat er sie verkauft.

Universal Music soll für 600 Songs 300 Millionen Dollar bezahlt haben. Das wären je 500.000 Dollar für Lieder wie Blowin' in the Wind, Knockin' on Heaven's Door, Like a Rolling Stone oder das in diesem Zusammenhang gerade gerne zitierte The Times They Are a-Changin'.

Shoppingtouren

Bestätigt ist diese Zahl nicht, möglicherweise liegt sie weit höher. Sony Music hat 2016 aus dem Nachlass des Michael Jackson die von ihm gehaltenen 50 Prozent des Beatles-Katalogs um 750 Millionen Dollar gekauft, wobei der Deal noch die Rechte von Marvin Gaye und ein paar anderen Größen mehr umfasste. Andererseits wurden eben die Rechte von Taylor Swift für kolportierte 300 Millionen Dollar verkauft – sehr zu ihrem Missvergnügen. Auch sie hätte zuerst lesen und dann signieren sollen.

Derlei Shoppingtouren zählen zum gängigen Geschäftsgebaren der Musikverlage. Je größer deren Katalog ist, desto lukrativer ist dessen Vermarktung. Aufwendig gestaltete Wiederveröffentlichungen verkaufen sich oft besser als Werke neuer Acts. Klassiker in den Charts sind gang und gäbe: Das 1984 posthum erschienene Best-of-Album Legend von Bob Marley ist hierzulande jedes Jahr monatelang in den Charts – bezeichnenderweise nach der Urlaubssaison. Weltweit sollen sich wöchentlich zwischen 3.000 und 5.000 seiner Alben verkaufen.

"These Boots Are Made of Money"

Doch der Markt hat sich mit Musikstreaming stark zuungunsten der Musikschaffenden verändert. Aus Tonträgerverkäufen wurde laut dem IFPI Global Music Report 2020 noch rund ein Fünftel des Umsatzes generiert, Downloads machen 7,2 Prozent aus, Konzerte 12,6 Prozent, Synchronisation, das ist die Verwendung von Musik in Filmen etc., lukriert 2,4 Prozent, Tendenz steigend: Das kann sich auszahlen.

In einem Interview mit dem STANDARD sagte Lee Hazlewood vor 20 Jahren, dass ihm jede Lizenzierung von These Boots Are Made For Walking für Filme oder Werbung eine Viertelmillion Dollar einbringen würde. Bis zu zwei Dutzend Anfragen soll er im Schnitt pro Jahr erhalten haben. Kein schlechtes Geld für einen Song, der zwei Minuten und 40 Sekunden dauert und in 20 Minuten geschrieben war. Doch der Wachstumstreiber der Branche ist Streaming, das 56,1 Prozent des Umsatzes verbuchte.

Unangetastete Masterbänder

Prominente Kataloge wie jener von Bob Dylan sind also viel Geld wert. Denn ab sofort entscheidet Universal Music, wer Dylans Musik zu welchem Zweck verwenden darf – und die Erlöse daraus gehen nicht mehr an den 79-Jährigen, sondern an Universal. Gleichzeitig bleiben Dylans Rechte an seinen Masterbändern unangetastet, so kann niemand damit Schindluder treiben.

Was sich dadurch ändert? Wenig. Dylans Songs sollen bisher, je nach Quelle, in bis zu tausend Filmen und Serien Einsatz gefunden haben sowie in dutzenden Werbungen — von US-Dünnbierbrauer Budweiser bis zum Unterwäscheversorger Victoria's Secret. Weniger wird es nicht werden. Doch Dylan und sein Stab müssen sich nicht mehr darum kümmern. Sie sind jetzt damit ausgelastet, das Geld aus Dylans Deal anzulegen.

Brosamen vom Streaming

Damit ist zurzeit auch Stevie Nicks von Fleetwood Mac beschäftigt. Sie soll große Teile ihrer Verlagsrechte für kolportierte 100 Millionen Dollar an Primary Wave verkauft haben. Betrachtet man die möglichen Einnahmen aus dem Streaming-Geschäft, werden solche Verkäufe nachvollziehbar.

Laut dem US-Provider Atlas VPN ist der Ertrag bescheiden, den Musiker von Streaming- und Download-Plattformen erhalten. Napster/Rhapsody schüttet gut 9.000 Dollar pro eine Million Mal gestreamten Titel aus. Apple Music 6.750, Amazon 4.260, Spotify 3.480 und Youtube 1.540. Das sind vergleichsweise Brosamen, wenn davon mehrere Bandmitglieder bedacht und Steuern abgeführt werden müssen. Für weniger bekannte Bands bleibt es ein Affront.

Notverkäufe

Durch die Pandemie und das dadurch verursachte Wegfallen des Tagesgeschäfts durch Auftritte sieht sich selbst ein anderer alter Hase wie David Crosby genötigt, seinen Katalog zu verkaufen. Und der Mann soll mit Bands wie den Byrds, Crosby, Stills, Nash & Young und als Solokünstler immerhin über 100 Millionen Platten verkauft haben.

Von Bob Dylan wird man in der Angelegenheit wohl nichts hören. Der Literatur-Nobelpreisträger ist nicht nur der legendärste Singer-Songwriter unserer Tage, His Bobness gilt zugleich als der Große Schweiger des Fachs. (Karl Fluch, 22.12.2020)