Sein Charisma als Opernreformator versetzte nicht nur Paris in helle Aufregung: Richard Wagner mit Pickelhaube, karikiert von Henri Meyer.

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Für Satin und Spitze besaß der Komponist Richard Wagner (1813–1883) eine nicht zu leugnende Schwäche. Schon zu seinen Lebzeiten machte sich die Mitwelt über diesen gut dokumentierten Spleen des "Meisters" lustig. 1877 war ein Brief Wagners an seine österreichisch-jüdische Putzmacherin in die Hände des Satirikers Daniel Spitzer gefallen: Der ließ ihn prompt, zum Gaudium der gebildeten Stände, in der "Neuen Freien Presse" abdrucken. Der Deutschen liebster Abgott trug privat gerne "geschoppte Rüschen" an seinem Hausmantel. Die Leibwäsche war zartseiden und duftete obendrein nach Rosen.

Alex Ross, Musikkritiker des "New Yorker", enthält den Wagnerianern nicht das geringste Detail vor. Er sammelt in "Die Welt nach Wagner" ausgiebig Belege: Eineinhalb Jahrhunderte währt nun schon die Faszination für den kleinwüchsigen Sachsen, dessen Musikdramen durch kolossale Dimensionen bestechen und Empfindsame zu Tränen rühren.

Wagner? Faszinierte Ästhetizisten, Symbolisten und Satanisten. Er stimmte Kommunisten und Bombenleger weich. Er bezirzte einen waschechten König (Ludwig II. von Bayern) und erfreute sich, wenigstens einige Zeit lang, der Anhänglichkeit Nietzsches. Zugleich mutierten deutsche Oberstudienräte unter dem Eindruck seiner weithin schweifenden "unendlichen Melodie" zu geharnischten Helden (Siegfried) oder zu reinen Toren (Parsifal).

Mehr noch: In der Tetralogie "Der Ring des Nibelungen" wird der nordische Mythenvorrat belehnt, um die Schuldverstrickung des gründerzeitlichen Kapitalismus sinnfällig werden zu lassen. Wagner grub in den ältesten Tiefen der Überlieferung nach analogiefähigem Material. Zugleich würfelte er im "Bühnenweihfestspiel" "Parsifal" die Gehalte der Weltreligionen bunt durcheinander. Auch schmiedete er die Leitmotivtechnik zum Werkzeug der Tonsetzerei um. Fortan wurde man an die Herkunft von Figuren durch die Wiederkehr der ihnen zugeordneten Motive erinnert.

Antisemitischer Agitator

Wagner, der Hexer, war nicht etwa nur Künstler. Er dehnte den Geltungsanspruch des "Gesamtkunstwerks" aufs Weltanschauliche aus. Und er war, zumal als Essayist, ein widerwärtiger Agitator. Seine Schrift "Das Judenthum in der Musik" (1850) gehört zu den grauenhaftesten Erzeugnissen, die die antisemitische Mainstream-Kultur des 19. Jahrhunderts überhaupt hervorgebracht hat.

Wagners eingangs erwähnte Schwäche für Samt und Seide bedeutet für Ross‘ rund 900 Seiten umfassende Materialflut mehr als nur ein lässliches Detail. Als der reife Meister – Schöpfer des Venusbergs im "Tannhäuser" – 1883 im Palazzo Vendramin, malerisch an Venedigs Canal Grande gelegen, Quartier bezogen hatte, wurde der Wohnort umgestaltet. Unter der Zuhilfenahme von Seide und Spitze entstand eine "blaue Grotte". In diesem schwülen Ambiente werkelte Wagner bis zum letzten Atemzug an einer Schrift mit dem bezeichnenden Titel "Über das Weibliche im Menschlichen". Ehe er an Herzversagen starb.

Nicht nur Wagners Leben scheint aus lauter Ambivalenzen aufgebaut. Stärker noch spiegelt sich in seiner Inanspruchnahme das vielfältige Wähnen der Modernisten aller Herren und Länder – und, wie zum Dementi, der wichtigsten Reaktionäre. Wagner Werken und Wirken bildet in Ross‘ kolossaler Darstellung ein universell gebrauchsfähiges Medium.

Hastige Stelldicheins

Im Zeichen von "Wallala Weiala Weia!" (Rheingold) verständigten sich Rosenkreuzer und Kabbalisten untereinander. Literaten beinahe aller Kontinente reisen bis heute nach Bayreuth, um sich in Trance versetzen zu lassen. Andere wurden schon vom bloßen Hörensagen brünstig. Manche besonders empfängliche Seelen träumten von hastigen Stelldicheins im legendär ungemütlichen Parterregestühl des Festspielhauses. Oder man nahm einander, nur auf dem Papier, bei der Hand und sprang in trauter Verschmelzungslaune von irgendwelchen spitzen Klippen.

Von Auguste de Villiers de L’Isle-Adam bis zu den Präraffeliten sammelten sich die Adepten rund um Bayreuths Budenzauber. Nicht nur die Tristan-Erotik schindete Eindruck. Wagner wurde von namhaften Vertretern der Schwulen-Bewegung als einer der ihren beansprucht. Nicht so sehr der einfältige Held Siegfried machte auf sie Eindruck, sondern ausgerechnet der tumbe Parsifal. Hinzu kommt Wagners gelegentliche homoerotische Sprache, die er an König Ludwig, seinen Gönner, offensichtlich aus Berechnung richtete: "Mein angebeteter und engelsgleicher Freund".

Mitunter streckt man vor Ross‘ Anhäufung von Material die Waffen. Wo alles mit allem zusammenhängt, nimmt die Schärfe der Beweisführung stark ab. Gerade zum NS-Wagner-Kult finden sich bei Ross wenige neue Einsichten. Außer dass der gemeine Nazi sich in den Wagner-Aufführungen, abgehalten aus Anlass der Nürnberger Parteitage, zu Tode langweilte. Prompt schickte Hitler Streifen aus, die Funktionäre aus den Bierlokalen zu zerren und zurück in die Oper zu verfrachten. Dort angekommen, fingen die selbsternannten Herrenmenschen laut zu schnarchen an. (Ronald Pohl, 29.12.2020)