Der Kettenbrief lockte zahlreiche Leute zu Signal, allerdings mit problematischen Methoden.

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Die Änderung der Whatsapp-AGB inklusive der stärkeren Vernetzung des Dienstes mit Facebook schlägt weiter Wellen. Und es hat die Aufmerksamkeit auch auf alternative Messenger gelenkt, deren Popularität in den vergangenen Tagen sprunghaft angestiegen ist.

Einer davon ist die quelloffene und von Edward Snowden empfohlene App Signal. Viele Whatsapp-User rüsten dieser Tage um oder verwenden ihn nun zusätzlich. In Indien soll ausgerechnet ein viral gegangener Kettenbrief zahlreiche Nutzer zum Wechseln gebracht haben – allerdings auch mithilfe von Falschbehauptungen. Sein Autor hat nun gegenüber "Vice" Stellung bezogen.

Signal angeblich von Inder erfunden

Schon auf den Blick besitzt der Text die typischen Merkmale vieler Kettenbriefe. Ein emotionaler Aufruf, gepaart mit Emojis und natürlich dem obligatorischen Anreiz zur Weiterleitung. In diesem Fall die Chance, einen Gutschein für das Shoppingportal Flipkart in der Höhe von 500 Rupien (rund 5,60 Euro) zu gewinnen.

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Den Gutschein gibt es allerdings nicht. Und auch die Kernbehauptung des Briefes, der offenkundig patriotische Gefühle wecken soll, ist falsch. Demnach wurde Signal vom Sohn eines armen Dorfbewohners aus dem Bundesstaat Uttar Pradesh, der es an das Indian Institute of Technology geschafft und dort mit Auszeichnung abgeschlossen hat. Mit dem Download von Signal könne man die Vision eines autarken Indien [Anm.: Gemäß der des von Premier Narendra Modi ausgerufenen Leitbilds "Atmanirbhar Bharat"] unterstützen und "Indien vor der ganzen Welt glänzen lassen".

Tatsächlich ist Signal freilich eine Non-Profit-Unternehmung aus den USA. Ins Leben gerufen wurde es vom Verschlüsselungsexperten Moxie Marlinspike und dem Whatsapp-Mitgründer Brian Acton. Und ebenso wenig stimmt es, dass Whatsapp in sechs Monaten abgeschaltet wird, da die Server den Versand der vielen "Guten Morgen"-Botschaften in Indien nicht stemmen könnten. Auch die Behauptungen über die Programmierung in Sanskrit oder die Auszeichnung durch die Nasa und Unesco stimmen natürlich nicht.

Fake-News in Indien sehr erfolgreich

Was von vielen Leuten als offensichtlich frei erfundene Behauptungen erkannt wird, wurde in Indien scheinbar von zahlreichen Nutzern geglaubt, weswegen diverse Medien Fake-News-Warnungen zum Kettenbrief veröffentlichten.

Es ist nicht die erste Lügenbotschaft, die mit großem Erfolg ihre Kreise zieht. Mitunter kam es infolge von Kettenbriefen, in denen etwa Gastarbeiter zu Unrecht beschuldigt wurden, sich an Kindern von Einheimischen zu vergehen, zu Lynchmobs. Viele Menschen in Indien verfügen noch nicht lange über regelmäßigen Zugang zum Internet, dazu ist das Bildungsniveau in vielen Regionen niedrig. Dementsprechend fehlt es häufig an der Kompetenz beim Umgang mit digitalen Inhalten.

Gegen die "Weiterleitungs-Gang"

Erfunden wurde der Signal-Kettenbrief auf Reddit. Der Autor, er nutzt das Pseudonym "i_Killed Reddit", erklärt, dass er damit zwei Ziele verfolgte. Erstens wollte er aufgrund der neuen Whatsapp-AGB so viele Leute wie möglich zum Umstieg auf Signal bewegen. Zweitens war es ihm ein Anliegen, sich über die "Whatsapp-Weiterleitungs-Gang" lustig zu machen und dabei zu zeigen, wie leicht viele Menschen auf derlei Falschinformationen reinfallen.

Entstanden sei der Brief im Rahmen einer Debatte über Whatsapp, verschiedene Nutzer trugen diverse Schlüsselbegriffe und Ideen bei, um einen möglichst "viralen" Text zu schaffen – mit Erfolg. Es sei als gutgemeinte Satire gedacht, um leichtgläubige Nutzer davor zu schützen, Whatsapp weiter mit Daten zu füttern. Er habe zwar damit gerechnet, dass sich der Kettenbrief stark verbreiten werde, aber nicht damit, wie schnell es letztlich passierte. Zwischenzeitlich wurde der Kettenbrief auf Reddit als Falschinformation markiert und gelöscht, aber schließlich mit einer "Satire"-Kennzeichnung wiederhergestellt.

Die Menschen müssten gerade jetzt anfangen, zu verstehen, wie wichtig ihre Privatsphäre ist und das man selber die Kontrolle darüber wahren müsse. Mit der Botschaft habe man einen Beitrag dazu geleistet. "Es war ein guter Lauf", meint "i_Killed_Reddit", aber nun müsse man weiter nach vorne sehen.

Keine Reue wegen Fake-News

Dass der Kettenbrief eine Reihe von Unwahrheiten enthielt, sieht er nicht als problematisch. Es war "subtiler Sarkasmus", man habe lediglich Feuer mit Feuer bekämpft. Zudem betrachtet er sich auch nicht als Aktivisten, sondern nur als "normalen User mit höheren Zielen". Er hoffe, dass möglichst viele Leute auf Signal umsteigen, da dies die App auch nützlicher mache. Denn lange sei sie für ihn unbrauchbar gewesen, weil kaum jemand aus seinen Kontakten sie verwendet hatte.

Weiters fordert er Whatsapp und andere Techkonzerne dazu auf, mehr gegen Fake-News in Südasien zu machen und sich ernsthaft um die Moderation auf lokalem Level zu kümmern. Es würden immer noch täglich Desinformation und Hassbotschaften zirkulieren. Nach weltweiter Berichterstattung über mehrere Vorfälle schränkte Whatsapp schließlich die Weiterleitungsfunktion ein. Seitdem sei aber nichts mehr passiert. Die US-Konzerne, so der Reddit-User abschließend, interessierten sich nur dafür, wie sie in westlichen Medien dargestellt werden. (gpi, 14.1.2021)