Kellyanne Conway mit ihrer Tochter Claudia anno 2017.

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Eigentlich hat alles recht unterhaltsam begonnen. Die mittlerweile 16-jährige Claudia Conway, Tochter der ehemaligen Beraterin von Ex-Präsident Donald Trump, Kellyanne Conway, ihres Zeichens Gesicht zur Phrase "alternative facts", tat, was alle Teenager tun: rebellieren. Nur eben vor einem großen Publikum. Der Digital Native nutzte seinen Tiktok-Account, um immer wieder mal gegen die politische Einstellung der beiden konservativen Eltern zu wettern, besonders auf ihre Mutter hatte sie es – nicht ganz zu Unrecht – abgesehen.

Interessant dabei ist auch, dass Claudia sich selbst auf der App politisierte. Sie sei dort mit linken Inhalten in Berührung gekommen, die sie dazu veranlasst hätten, die Einstellung ihrer Eltern zu hinterfragen. Claudia, die auf Tiktok natürlich auch ganz banalen, unpolitischen Content aus dem Leben eines im Hyperkapitalismus aufgewachsenen pubertierenden Teens postet, nutzte ihre Followerschaft aber auch für das Formulieren von tatsächliche Anliegen. So unterstützte sie zum Beispiel die Black-Lives-Matter-Bewegung und forderte die Verhaftung der Polizisten, die für den Tod Breonna Taylors verantwortlich waren, setzte sich für die Rechte der LGBT-Community ein.

Weniger Drama?

Der Rücktritt ihrer Mutter als Beraterin Trumps soll direkt mit ihrer Tochter Claudia zusammenhängen; er kam nur Stunden nachdem der Spross getweetet hatte, dass der Job ihrer Mutter ihr Leben zerstört habe. Kellyanne Conway sagte bei ihrem Rücktritt mit den Worten "less drama, more mama", dass sie sich nun mehr auf ihre Familie fokussieren wolle. Doch das Drama hörte nicht auf und erreichte dieser Tage einen neuen Höhepunkt. Wieder via Tiktok – ihr Account hat mittlerweile 1,6 Millionen Follower – bezichtigte Claudia Conway ihre Mutter, ein Nacktfoto von ihr auf Twitter gestellt zu haben. Bereits davor veröffentlichte sie Videos, auf denen es scheint, als würde ihre Mutter sie anschreien und versuchen, sie zu schlagen. Eine polizeiliche Ermittlung wurde aufgenommen.

Am Dienstag ruderte Claudia Conway dann zurück. In einer Reihe von Tiktok-Videos sagt sie nun, sie habe überreagiert und sei nach reiflicher Überlegung zu der Überzeugung gekommen, dass ihre Mutter wahrscheinlich gehackt wurde. Man wolle die Angelegenheit nun innerhalb der Familie klären. "Social Media is a dark place", kommentiert der sichtlich erschöpfte Teen.

Verbieten funktioniert nicht

Längst geht es nicht mehr um einen sehr publiken Familienstreit. Zahlreiche Follower der jungen Conway sollen – mit der Absicht, ihr zu helfen – nach wie vor die Polizei anrufen. Gewaltandrohungen sowohl von Claudia-Fans gegen die Mutter als auch umgekehrt machen die Runde im Netz. Die Kontrolle über die Situation liegt längst nicht mehr in den Händen der Familienmitglieder. Dieses traurige Beispiel einer Eskalation betrifft aber nicht nur öffentliche Personen wie die Conways und ihre minderjährigen Kinder, sondern ganz viele Familien, die Sprösslinge im, ja, man muss es "Tiktok-Alter" nennen, haben.

Wie verhindern, dass Kinder sich selbst schaden, ohne ihnen die Möglichkeit zu nehmen, sich in ihrer digitalen Realität auszudrücken? Vieles, was Claudia Conway in sozialen Netzwerken tat, war unüberlegt, gefährlich und tendenziös – aber nicht alle Vorwürfe, die sie gegen ihre Familie erhob, waren falsch, und, viel wichtiger: Ihre Gefühle und ihr Ärger waren es sowieso nicht. Was strafrechtlich relevant ist, werden Gerichte zu klären haben. Trotzdem bleibt die Frage, wie man es als Gesellschaft erreichen kann, dass Jugendliche, die in irgendeiner Form Hilfe benötigen – in psychisch belastenden Situation oder wenn es um innerfamiliäre Gewalt geht –, an die richtigen Stellen kommen, sich nicht zuerst auf sozialen Medien an ein großes Publikum, an die Follower wenden. Nicht weil es nicht okay wäre, seine Situation mit anderen zu teilen, sondern weil sich die Reaktionen der Fans – selbst mit den richtigen Intentionen – oft ganz schnell verselbstständigen können und dann nach hinten losgehen. Die Conways haben ihrer Tochter die Social-Media-Nutzung immer wieder mal verboten, das war offensichtlich keine Lösung. (Amira Ben Saoud, 27.1.2020)