Im ehemaligen deutschen Vernichtungslager Auschwitz wurde der Internationale Holocaust-Gedenktag heuer nur online begangen.

Foto: Reuters / Kacper Pempel

Holocaust-Gedenken im Schatten der Corona-Pandemie: Wie jedes Jahr am 27. Jänner wurde im ehemaligen NS-Vernichtungslager Auschwitz auch heuer wieder an die Ermordung von Jüdinnen und Juden während der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft erinnert – diesmal allerdings ausschließlich online.

Vor genau 76 Jahren, am 27. Jänner 1945, hatten sowjetische Soldaten das von den deutschen Besatzern im polnischen Oświęcim (Auschwitz) errichtete Lager befreit. Seit einem Vierteljahrhundert wird dieser Tag als Internationaler Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus begangen, seit 2005 ist er Internationaler Holocaust-Gedenktag der Vereinten Nationen.

Miejsce Pamięci i Muzeum Auschwitz-Birkenau

Wer sich am Mittwochnachmittag in die Corona-bedingt rein virtuelle Veranstaltung in Auschwitz einloggte, sah ein Programm ganz ohne Zuschauermengen, Rednerpult und internationale Politprominenz. Rund um die minimalistisch gehaltene Moderation aus einer Schlafbaracke des Lagers kamen in eingespielten Video-Statements zunächst Zeitzeuginnen mit ihren Erinnerungen zu Wort. Erst danach folgten kurze Ansprachen von Polens Präsident Andrzej Duda, der Geschäftsträgerin der israelischen Botschaft in Warschau, Tal Ben-Ari Yaalon, des russischen Botschafters Sergej Andrejew sowie von Piotr Cywiński, dem Direktor des staatlichen Museums Auschwitz-Birkenau.

Kinder im Fokus

Abgeschlossen wurde die ungewöhnliche Veranstaltung mit einer "Podiumsdiskussion" via Split-Screen. Hauptthema war dieses Jahr das Schicksal der mehr als 200.000 Kinder, die von den Nazis nach Auschwitz deportiert wurden. Nur knapp über 700 von ihnen überlebten. Eine von ihnen ist die 1925 geborene Anita Lasker-Wallfisch, die ihr Leben nach eigenem Bekunden der Tatsache verdankt, dass sie Cello spielte und im "Mädchenorchester" von Auschwitz mitspielen durfte.

Vergangenes Jahr war Lasker-Wallfisch auch als Rednerin bei den Salzburger Festspielen aufgetreten. Bei der Online-Gedenkveranstaltung am Mittwoch wandte sie sich einmal mehr gegen das Vergessen: Nach ihrer Befreiung hätten sie und ihre Schwester geglaubt, die Erzählungen vom Grauen des Lagers würden das Ende von Xenophobie und Antisemitismus einläuten. Der bittere Nachsatz: "Wir haben uns geirrt."

Zwist vor einem Jahr

Museumsdirektor Piotr Cywiński verwies in seiner Rede auf die tausenden Kinder, die auch heute noch in vielen Konflikten weltweit getötet, verwundet, gefangen und versklavt würden. Cywiński war es auch, der in einem vorab aufgezeichneten Video zu sehen war, wie er in der Gedenkstätte einen Kranz niederlegt und eine Kerze entzündet – Corona-bedingt alleine.

Vor genau einem Jahr waren die Gedenkveranstaltungen zum 75. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz von diplomatischem Zwist begleitet gewesen. Polen hatte wegen bilateraler Spannungen den russischen Präsidenten Wladimir Putin nicht dazu eingeladen. In Moskau wurde das als Affront aufgefasst, zumal das Lager gegen Ende des Zweiten Weltkriegs von der Roten Armee befreit worden war. Polens Präsident Andrzej Duda wiederum blieb der Veranstaltung in der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem fern, weil er dort keine Rede hätte halten dürfen. Der Disput begleitete die immer wieder aufflackernden Antisemitismusvorwürfe in Richtung Warschau.

Österreichische Länderausstellung

Trotz Corona-Krise soll in der Gedenkstätte Auschwitz übrigens noch heuer die neue österreichische Länderausstellung eröffnet werden. Einen konkreten Termin dafür gibt es allerdings noch nicht, wie der Österreichische Nationalfonds am Mittwoch bekanntgab. Im Block 17 im ehemaligen Stammlager Auschwitz war bereits von 1978 bis 2013 die erste österreichische Ausstellung zu sehen. Bei der Generalsanierung, die Ende 2020 abgeschlossen wurde, seien unter anderem auch von den Häftlingen versteckte Objekte freigelegt worden.

"Die neue Ausstellung wird das Schicksal der österreichischen Opfer in Auschwitz, den Widerstand von österreichischen Häftlingen im Konzentrationslager sowie die Involvierung von ÖsterreicherInnen als TäterInnen und HelferInnen an den dort begangenen Verbrechen darstellen", heißt es im Konzept der Neugestaltung. (Gerald Schubert, 27.1.2021)