Junge Menschen sind schwer an die Wahlurne zu locken – ein Trend, der sich schon in den 1970er-Jahren abgezeichnet hat. Die Rezepte von damals haben aber nicht gewirkt.

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Linz – Haben Sie, als Sie etwa 14 Jahre alt waren, schon eine politische Meinung gehabt? Diese Frage ließ DER STANDARD Ende Februar 800 repräsentativ ausgewählten jungen Wahlberechtigten stellen – und bekam von 36 Prozent eine positive Rückmeldung. Ein frühes Interesse an Politik bekunden vor allem jene Befragten, die sich jetzt als Wähler von Neos, Grünen und FPÖ bekennen. Auffallend ist, dass bei jungen Leuten an der Grenze von der Kindheit zur Jugend in einer städtischen Umgebung eher politisches Interesse erwacht als auf dem Land.

Politik lernt man als Kind

Eine weitere Frage, die das Linzer Market-Institut für den STANDARD gestellt hat, lautete: "Wie sieht das bei Ihnen aus: Wurde während Ihrer Kindheit, etwa bis zum 14. Lebensjahr, in Ihrem engeren Umkreis über Politik geredet?" Ein Viertel der jungen Leute erinnert sich, dass das immer wieder der Fall gewesen ist, ein weiteres Drittel erinnert sich an gelegentliche politische Gespräche im engeren Umfeld. Politik ist demnach in österreichischen Familien ein häufiges Thema – und zwar häufiger als vor 40 oder 50 Jahren.

Market-Institutsleiter David Pfarrhofer hat in den Zahlen dieser Umfrage noch einen Zusammenhang entdeckt: "Jene jungen Leute, die schon in ihrer Kindheit immer wieder mit politischen Fragen zu tun hatten, neigen als junge Erwachsene stärker zum Optimismus als andere – und sie bleiben politisch interessiert, sie sprechen auch jetzt noch viel öfter über Politik als andere."

Nur 23 Prozent sprechen nie über Politik

DER STANDARD ließ das politische Interesse mit mehreren Fragen ausloten – unter anderem wurde ein Statement vorgelegt, das Market vor einem Vierteljahrhundert Kindern und Jugendlichen schon einmal zur Bewertung angeboten hatte: Damals, 1996, sagten 52 Prozent, dass sie mit ihren Freunden eigentlich nie über Politik sprechen würden. Der Wert ist auf 23 Prozent gesunken. Pfarrhofer: "Auch wenn die Teilnehmerkreise methodisch nicht ganz vergleichbar sind, ist doch merkbar, dass Politik mehr zum Thema geworden ist. Gleichzeitig ist die Zustimmung zur EU gestiegen – 46 Prozent der jungen Leute sagen, dass sie froh sind, dass Österreich in der EU ist, 1996, kurz nach dem EU-Beitritt, waren das erst 20 Prozent."

Mehr als die Hälfte der jungen Befragten vergibt die (Schul-)Noten eins oder zwei für das Lebensziel, "sich für die Gesellschaft, die Allgemeinheit" einzubringen. Noch etwas größer (nämlich in Summe 62 Prozent) ist die Bereitschaft, "soziale Verantwortung zu leben und bei den eigenen Entscheidungen Rücksicht auf jene zu nehmen, denen es weniger gut geht".

Pfarrhofer: "Das ist keine Generation von Egomanen – junge Leute sind durchaus bereit, sich zu engagieren, etwa im Bereich des Klimaschutzes. Dessen Folgen fürchten 42 Prozent, Männer übrigens weniger als Frauen, die über alle Generationen hinweg weiterhin besonders sensibel für Umweltthemen bleiben."

Kaum jemand will sich einer Wahl stellen

Aber: Verantwortung zu übernehmen, indem man sich einer Wahl stellt, und ein politisches Mandat zu übernehmen, wird von 34 Prozent der Befragten kategorisch abgelehnt. Pfarrhofer: "Dass die Ablehnung durch junge Frauen besonders stark ist, hängt damit zusammen, dass sie die Erreichung eines Mandats auch für besonders unrealistisch halten." Nur zwölf Prozent der jungen Männer und sechs Prozent der jungen Frauen halten die Erreichung eines politischen Mandats für ein besonders erstrebenswertes Ziel (Note eins).

Das Phänomen, dass eine jüngere Generation nicht mehr so leicht für die etablierten Politikmechanismen zu gewinnen ist, hat sich schon in den Kreisky-Jahren gezeigt. Der kürzlich verstorbene Sozialforscher Ernst Gehmacher, seinerzeit Institutschef beim Ifes, schrieb im "Österreichischen Jahrbuch für Politik '79" angesichts einer noch hohen Wahlbeteiligung (91,18 Prozent bei der Nationalratswahl mit dem historisch höchsten Sieg der SPÖ): "Jungwähler weisen, empirisch eindeutig belegt, eine geringere Wahlbeteiligung auf als der Durchschnitt der Wahlberechtigten. Werden diese derzeitigen Jungwähler nun auch später weniger zur Wahl gehen als ihre Eltern — oder ist die geringere Wahlbereitschaft nur ihrer Jugend zuzuschreiben?"

Diese Frage ist durch die Wahlstatistik beantwortet – bei der Nationalratswahl 2019 ist die Wahlbeteiligung auf 75,6 Prozent gesunken. Die Jungwähler von 1979 erreichen das Pensionsalter, und auch nachfolgende Generationen sind dem gesenkten Wahlalter zum Trotz viel schwieriger an die Wahlurne oder zur Briefwahl zu bewegen.

Gehmacher versuchte in den 1970er-Jahren, verschiedene Wege zur Aktivierung der Jungwähler mit den Methoden der Meinungsforschung auszuleuchten – er fasste das Ergebnis seiner Jugendstudie 1976 so zusammen: "Die direkter erlebbaren Formen wie die Wahl von Jugendsprechern in der Gemeinde oder die Ernennung eines Jugendombudsmannes sprechen dabei die Jugend stärker an als die Aufstellung junger Kandidaten bei Wahlen. Am meisten versprechen sich die jungen Leute von jüngeren Kandidaten bei Gemeinderatswahlen, also auch in persönlicher Nähe."

Mitsprache neu organisieren

Die damaligen Vorschläge kämen aber bei den heutigen Jungwählern schlechter an als damals: So meinte ein Drittel der jungen Befragten 1976, dass eigene Wählerversammlungen für jüngere Leute attraktiv sein könnten – jetzt glaubt das nur noch ein Viertel der Jungen, am ehesten noch die jungen Grünen- und Neos-Anhänger. Die in den 1970er-Jahren populäre Idee von Jugendombudsleuten hat von 48 auf 31 Prozent an Zustimmung abgenommen – zugelegt hat die Forderung nach mehr Geld für politische und unpolitische Jugendorganisationen. Davon erwartet sich jeweils etwas mehr als ein Viertel der heutigen Jungwähler einen Anreiz für junge Leute, mehr in der Politik mitzureden.

Neu hinzugekommen in der Market-Umfrage ist die Idee, Politik in sozialen Medien von und für junge Menschen zu präsentieren – dieser Idee geben aktuell 39 Prozent eine Chance, Mädchen und junge Frauen würden damit besser erreicht als ihre männlichen Altersgenossen.

Gefragt wurde auch, welche politischen Entwicklungen die jungen Leute befürchten – auch hier gibt es teilweise Vergleichsmöglichkeiten mit der Ifes-Studie von 1976. Damals, mitten im Kalten Krieg, war die Furcht vor Kommunismus mit 14 Prozent nicht größer als heute (15 Prozent) – die Vorstellung vom Ausbruch eines Krieges schreckte damals aber nur 19 Prozent. Heute dagegen ist die Kriegsangst bei 50 Prozent der jungen Menschen verankert. Dazu kommt die Furcht vor Terrorismus (49 Prozent), Rechtsextremismus (29 Prozent), Islamismus (20 Prozent) und Linksextremismus (16 Prozent).

Jeder Vierte fürchtet Auflösung der Demokratie

Immerhin jeder vierte Befragte hält eine Auflösung der Demokratie für eine ernste Gefahr – in der jungen Grünen- und SPÖ-Wählerschaft ist die Sorge noch deutlich größer. Zum Vergleich: In den 70er-Jahren fürchtete das nur jeder zehnte Jungwähler.

Pfarrhofer lobt diese Sensibilität: "Im Grunde vertrauen die jungen Leute dem politischen System viel mehr als früher. In den 70er-Jahren haben noch 55 Prozent gemeint, dass Politiker Gesellschaft und Wirtschaft nicht im Griff hätten und Krisen nicht bewältigen könnten – das glauben jetzt angesichts der schweren Krise nur halb so viele wie damals. Und dass Konflikte in der Gesellschaft früher oder später auch in Österreich zwangsläufig mit Gewalt ausgetragen würden, hat damals jeder zweite junge Mensch geglaubt, jetzt glaubt das nur jeder Vierte." (Conrad Seidl, 7.3.2021)