Clickworker erledigen von zu Hause aus monotone Arbeit, oft für wenig Geld.

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Angenommen, Sie eröffnen ein Konto bei einer Onlinebank. Damit das niemand in Ihrem Namen tut und unter Ihrer Identität Geldwäsche betreibt, muss die Bank verifizieren, dass es sich tatsächlich um Sie persönlich handelt. Sie filmen also mit Ihrem Smartphone Ihren Reisepass, halten ihn neben Ihr Gesicht, bewegen vielleicht Pass und Kopf nach Anweisung in bestimmte Richtungen. Wenige Sekunden oder Minuten später kommt die Bestätigung: Sie sind verifiziert.

Auf den ersten Blick mag das so aussehen, als wären Sie der einzige Mensch in diesem Geschäftsabschluss, als hätte der Computer den Bankmitarbeiter vollständig ersetzt. Doch am anderen Ende der Leitung sitzt eine echte Person, die überprüft, ob die Gesichter auf Ausweis und Video zusammenpassen, wie der Bankberater in der Filiale. Nur dass dieser Mensch nicht Ihnen gegenüber, sondern irgendwo auf der Welt sitzt – und jeden Tag hunderte oder tausende Gesichter vergleicht.

Es sind sogenannte Clickworker, die tagtäglich die monotone Fließbandarbeit erledigen, die im Internetzeitalter anfällt: Sie überprüfen gemeldete Postings in den sozialen Medien, tippen Kassabons in Datenbanken ein, schreiben Produkttexte oder erledigen einfache Arbeiten in Photoshop. In der Regel tun sie das in strenger Akkordarbeit, pro Mini-Aufgabe gibt es wenige Cent.

Die App ist der Boss

Wie Uber-Fahrer, Paket- oder Essenszusteller sind sie Teil der Gig-Economy, arbeiten also selbstständig Aufträge ab, die ihnen eine Software zuteilt. Für gewöhnlich heißt das: keine Arbeitnehmerrechte, schwankende Einnahmen und kaum soziale Absicherung.

Doch Fahrradkuriere prägen mit ihren bunten Rucksäcken das Stadtbild, vor allem in Corona-Zeiten. Sie schaffen es immer häufiger in die gesellschaftliche Debatte um Arbeitsverhältnisse genauso wie Uber-Fahrer, über die vor allem in Wien seit Jahren hitzig diskutiert wird. Die Clickworker hingegen sitzen isoliert vor ihren Computern, in Indien, den USA, vielleicht sogar im Nachbarhaus. Ihre Arbeit nutzt jeder, ihre Gesichter kennt niemand.

Sie sitzen am anderen Ende der Welt oder im Nachbarhaus: Ghostworker erledigen Mini-Aufgaben, um das Internet smart aussehen zu lassen.
Illustration: Fatih Aydogdu

Genau diese Unsichtbarkeit ist das, was die Anthropologin Mary L. Gray kritisiert. Gemeinsam mit dem Informatiker Siddharth Suri prägte sie den Begriff "Ghost Work" – Geisterarbeit. 2019 erschien auch ein Buch unter gleichlautendem Titel, für das sie mit dutzenden Geisterarbeitern in aller Welt gesprochen hat. Mit einigen ist sie noch heute in Kontakt.

Herzensprojekt von Jeff Bezos

"Viele Menschen haben in der großen Rezession vor zwölf Jahren damit begonnen, weil sie offline keine Jobmöglichkeiten mehr sahen", sagt Gray zum STANDARD. Viele von ihnen würden jetzt, in der nächsten Wirtschaftskrise, immer noch im System der Geisterarbeit festhängen. Dazu strömen viele Arbeitslose aus Lockdown-geschädigten Branchen auf die Plattformen. Arbeit gibt es genug: Die Tech-Branche ist eine der wenigen Wirtschaftszweige, die trotz – oder wegen – Corona gut läuft. Dazu setzen viele Institutionen für das Contact-Tracing auf die Arbeit aus der Crowd, so Gray.

Seinen Ausgang fand die Geisterarbeit in den Nullerjahren: Der Online-Versandhändler Amazon, der damals vor allem Bücher verkaufte, wollte seine Produktdatenbank bereinigen: Hunderttausende Produktbeschreibungen mussten mit den richtigen Buchcovers verknüpft und auf Formatierungs- und Rechtschreibfehler überprüft werden. Zunächst heuerte Amazon Leiharbeiter an, später lagerte der Konzern auf die eigens gegründete Plattform Mechanical Turks aus.

MTurks, wie Clickworker die Plattform bald selbst nannten, soll ein Herzensprojekt von Amazon-Gründer und -Boss Jeff Bezos gewesen sein. Amazon, so seine Vision, sollte langfristig nicht nur das Kaufhaus für Produkte aller Art sein. Auch Arbeit sollte für jeden und jede in gewünschter Menge einfach handelbar sein. Von nun an konnten Programmierer nicht nur Codes für Maschinen, sondern auch für Menschen schreiben. Heute sind allein auf MTurks zu jeder Tages- und Nachtzeit tausende Arbeiterinnen und Arbeiter auf Knopfdruck verfügbar, hunderttausende sind registriert. Der durchschnittliche Stundenlohn, so zeigen Studien, liegt dabei häufig unter den gesetzlichen Standards.

Künstliche Intelligenz ersetzt Menschen? Vielleicht. In Algorithmen stecken aber oft tausende Stunden menschlicher Arbeit.
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Menschen, die Maschinen spielen

Die prekären Arbeitsbedingungen der Gigworker sind den Arbeitnehmervertretungen schon länger ein Dorn im Auge. Bereits 2016 forderten mehrere europäische Gewerkschaften in einer gemeinsamen Erklärung einen Mindestlohn sowie Zugang zu den Sozialsystemen für Crowdworker. Noch in diesem Jahr will die EU-Kommission Pläne für einen stärkeren Schutz derselben vorlegen.

Der nie abreißende Strom an Miniaufgaben komme vor allem aus zwei Quellen, erklärt Gray. Einerseits wären da Dienstleistungen, wo es wohl immer einen Menschen braucht, etwa Support-Chats oder Telehealth-Anwendungen. Die andere Quelle ist der immer größer werdende Tagging-Markt. Dabei beschriften Menschen auf Bildern bestimmte Gegenstände, tippen abfotografierten Text ab oder transkribieren Audioaufnahmen. Diese Daten werden wiederum an Algorithmen verfüttert, die dadurch immer besser werden. Ziel ist es, dass künstliche Intelligenz diese Aufgaben einmal selbst erledigen kann. Mit jedem Klick kommen die Geisterarbeiterinnen ihrer eigenen Abschaffung etwas näher. Bis es so weit ist, spielen die Menschen Maschine – für User soll es von außen so aussehen, als würde alles vollautomatisch funktionieren.

Geister sichtbar machen

"Wir überschätzen oft, was sich automatisieren lässt", sagt Gray. Aus dieser Überschätzung ergebe sich dann die merkwürdige Situation, dass sich Menschen als Maschinen ausgeben müssen. Dabei gebe es viele Bereiche, in denen der persönliche Kontakt, Spontaneität und Kreativität wichtig sind, auch wo man es zunächst nicht vermutet. Gerade im Kundenservice wünschen sich viele echte Menschen, etwa wenn die Selbst-Scan-Kassa einmal ausfällt.

"Wir sollten uns nicht davor fürchten, dass Menschen durch Technologie ersetzt, sondern dass sie entwertet werden", sagt Gray. Sie fordert, diese unsichtbaren Geisterarbeiterinnen und Geisterarbeiter durch Wertschätzung sichtbar zu machen und so in die politische Debatte zu holen. "Wenn wir nicht morgen aufhören, soziale Medien zu nutzen, werden wir weiterhin dringend Content-Moderatoren brauchen – so wie wir Leute in der Notrufzentrale brauchen. Wir müssen lernen, die Arbeit dieser Menschen zu schätzen." (Philip Pramer, 11.3.2021)