Die Corona-Impfkampagne Österreichs läuft wegen diverser Fehler bei der Impfstoffbeschaffung bisher mehr als holprig. Doch mit der Entscheidung mehrerer Länder, die Impfung mit dem Vakzin von Astra Zeneca auszusetzen, gäbe es eine einmalige Gelegenheit, auf andere Länder aufzuschließen und die Durchimpfung der eigenen Bevölkerung stark zu beschleunigen.

Am Montag erklärten nacheinander Deutschland, Frankreich und Italien, vorerst keine Impfdosen des von der britischen Universität Oxford und dem schwedischen Pharmakonzern Astra Zeneca entwickelten Impfstoffs AZD1222 zu verabreichen. Spanien und Portugal folgten, zuvor hatten auch schon Irland, die Niederlande, Dänemark, Norwegen, Island, Slowenien und Bulgarien die Verimpfung ausgesetzt. Muss man sich Sorgen machen, dass der Impfstoff von Astra Zeneca schwerwiegende Nebenwirkungen hätte? Keineswegs.

Der Impfstoff von Astra Zeneca ist den Produkten von Biontech/Pfizer und Moderna in Sachen Wirksamkeit und Verträglichkeit ebenbürtig.
Foto: Reuters/Ruvic

Die Berichte über Blutgerinnungsprobleme sind natürlich zu prüfen, doch die Zahlen, mit denen die Regierungen ihre Entscheidungen zur Aussetzung der Impfung begründen, bilden keine rationale Basis für diesen Schritt. Die gemeldeten Fälle liegen nicht höher als die Hintergrundinzidenz: In der Gruppe der Geimpften gibt es anteilsmäßig nicht mehr derartige Ereignisse als beim Rest der Bevölkerung, der noch keine Impfung erhalten hat. Die in einer zeitlichen Koinzidenz mit der Impfung stehenden Zwischenfälle liegen außerdem bei Astra Zeneca sogar etwas niedriger als bei Biontech/Pfizer: In Großbritannien, wo beide Impfstoffe bereits massenweise verwendet wurden, kam es auf hunderttausend mit AZD1222 geimpfte Menschen zu 1,3 Fällen von Lungenembolien durch Blutgerinnsel, während es in der Gruppe der mit dem Biontech-Produkt Geimpften 1,5 waren. Ähnliche Werte sind auch in der nichtgeimpften Bevölkerung zu beobachten.

Panikdomino

Die Aussetzung der Impfung mit Astra Zeneca ist also keine evidenzbasierte Entscheidung, sondern eine politische. Die Akteure wollen lediglich kein Risiko eingehen und reagieren auf die wachsende Vertrauenskrise auf eine Weise, die das Vertrauen in einen sicheren Impfstoff weiter untergräbt.

Wie bei so vielen Maßnahmen in der Corona-Krise spielen die politischen Entscheidungsträger Panikdomino: Ein Staat fällt um, die anderen folgen blind. Fast könnte man den Eindruck erhalten, es stünde eine Agenda hinter der fortwährenden Beschädigung des Images des Impfstoffs von Oxford und Astra Zeneca: Obwohl Studien AZD1222 bescheinigen, ebenso wirksam und verträglich wie die Impfstoffe von Biontech/Pfizer und Moderna zu sein, wurde das britisch-schwedische Produkt ab seiner Zulassung von politischen Entscheidungsträgern in zahlreichen Stellungnahmen abgewertet. Auch Medien sind durch ihre alarmistische und auf Drama setzende Berichterstattung mitverantwortlich für diese Situation. Kein Wunder, dass das Vertrauen der Bevölkerung dadurch massiv Schaden genommen hat.

Erprobte Technologie

AZD1222 baut als Vektorimpfstoff auf einer ausgereiften und milliardenfach erprobten Technologie auf, während die Produkte von Biontech/Pfizer und Moderna als mRNA-Impfstoff auf einer wissenschaftlich spannenden Neuentwicklung beruhen. Da AZD1222 als Entwicklung der Universität Oxford außerdem kostenneutral und nicht gewinnorientiert vertrieben wird, ist er der günstigste. Der Astra-Zeneca-Impfstoff ist damit insbesondere für ärmere Staaten unverzichtbar. Wenn das Vertrauen in das Vakzin mutwillig so ramponiert wird, dass der Pharmakonzern die Produktion an Ende stoppen muss, wäre dies eine Katastrophe für Millionen Menschen, die auf die Impfung angewiesen sind.

Millionen ungenutzte Impfdosen

Jeden Tag infizieren sich tausende Menschen in Europa mit dem Coronavirus, zahlreiche sterben an den Folgen der Infektion. Gleichzeitig stehen nun Impfdosen von Astra Zeneca millionenfach ungenutzt herum, mit denen Menschenleben gerettet werden könnten. Österreichs Regierung sollte sich auf europäischer Ebene dafür starkmachen, dass die nichtgenutzten Impfdosen von jenen Staaten verimpft werden können, die das Impfprogramm nicht gestoppt haben. Könnte Österreich auf diese Impfstoffe zugreifen, hätten hierzulande Millionen Menschen innerhalb weniger Wochen Zugang zur ersten Impfdosis.

Die Weitergabe der Impfdosen an die Nachbarn wäre auch im Eigeninteresse der Staaten, die die Impfung ausgesetzt haben – helfen sie ja schließlich mit, die Verbreitung des Virus weiter einzudämmen. Falls die Astra-Zeneca-skeptischen Staaten die Verimpfung wiederaufnehmen, könnten die weitergegebenen Dosen ja aus den später verteilten Kontingenten wieder aufgefüllt werden.

Politiker vortreten

Weil aber die Skepsis in der Bevölkerung durch das nicht rationale, sondern gefühlsgesteuerte Handeln der Politik massiv geschürt wurde, müssen die Zweifel der Menschen ausgeräumt werden: In erster Reihe müssen sich daher nun die Spitzen des Staates mit AZD1222 impfen lassen. Wenn Bundeskanzler Sebastian Kurz und Bundespräsident Alexander van der Bellen gemeinsam mit Bundes- und Landesregierungen, aber auch führende Köpfen aus Wirtschaft und den Religionsgemeinschaften öffentlichkeitswirksam dem Impfstoff ihr Vertrauen geben, wird auch die Bevölkerung diesem Beispiel folgen. (Michael Vosatka, 16.3.2021)