Im Gastkommentar hält Wissenschafter Giulio Superti-Furga ein Plädoyer für biomedizinische Forschung.

Die Rettung, und ich glaube, man kann wohl von Rettung sprechen, kommt bei der Covid-19-Krise aus der biomedizinischen Forschung. Niemand will sich vorstellen, was hätte geschehen können, wenn das Virus nicht so schnell isoliert und sequenziert geworden wäre oder die Entwicklung und Herstellung von Impfstoffen die doppelte Zeit gedauert hätte. Hingegen werden sie bereits patientenreif produziert. Zudem wurden PCR- und Antikörpertests entwickelt und Medikamente getestet. Alles innerhalb eines Jahres.

Biomedizinisches Wissen fällt nicht vom Himmel: Es kommt aus Investitionen und gesellschaftlicher Wertschätzung der Forschung.
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Man könnte glauben, dass die Pharmafirmen auf so etwas vorbereitet wären und alles auf Knopfdruck geschehen kann. Nein, die rasche Reaktion und die beispiellose internationale und interdisziplinäre Zusammenarbeit haben das ermöglicht, was sonst bei ähnlich oder weniger komplexen Herausforderungen Jahrzehnte braucht. Woher kommt diese Leistungsfähigkeit. Mit Blick auf Österreich: Welche Weichen kann man stellen?

Mangel an Mut

Biomedizinisches Wissen kommt aus Investitionen und gesellschaftlicher Wertschätzung der Forschung. In Österreich wurde eine einzigartige medizinische Tradition von den Nationalsozialisten abrupt gestoppt, es dauerte Jahrzehnte, bis wir wieder international mithalten konnten. Aber können wir auch gestaltend mitwirken? Sodass Innovation über Unternehmenswertschöpfung großartige Investitionsrückflüsse verursacht und über eine Verbesserung der gesunden Lebensspanne der Gesellschaft zugutekommt? Mitnichten! Die Forschungsquote sei ohnehin hoch, heißt es. Ja, sie bezieht sich aber hauptsächlich auf industrienahe Förderung über die FFG, viel zu geringe Mittel gehen an universitäre und außeruniversitäre Pionierforschung. Der unterdotierte FWF ist gezwungen, Projekte lange und penibel zu prüfen, bis sie zwar kein Risiko mehr aufweisen, aber auch nur ein geringes Innovationspotenzial darstellen. Aus Mangel an Geld entsteht ein Mangel an Mut.

Mit geplanten 267 Millionen Euro im Jahr 2021 hat der FWF weniger als ein Drittel des Budgets des schweizerischen Nationalfonds SNF. Zusätzlich sollen heuer auch noch die Ausschüttungen aus der Nationalstiftung auslaufen, dadurch fehlen jährlich weitere 50 Millionen Euro für die Forschung und Forschungsinfrastruktur. Für das Gesundheitswesen hingegen gab Österreich 2019, laut Angaben des Sozialministeriums, mehr als 40 Milliarden Euro aus, zumindest zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Wegen Covid werden 2020 und 2021 sicherlich noch mehr zusätzliche Kosten anfallen. Ich schätze, dass man jährlich für die Behebung der Konsequenzen dieser Krise in der Größenordnung 1000-mal mehr ausgibt als für die Erforschung der Ursachen und Prävention. Ist das nicht absurd? Es fehlt eine gewidmete Förderinstitution für die biomedizinische Forschung, wie es sie in den USA, Frankreich und England gibt.

Nur Informationen aus anderen Ländern

Als ich 2013 der damaligen Regierung mein Plädoyer für ein österreichisches Äquivalent zum National Institute of Health (USA) vorlegte, stieß ich auf freundliches Interesse, aber geschlossene Türen. Dabei war der erste Punkt die Warnung vor geringer Vorbereitung und Kenntnis bei Infektionserkrankungen, mit einer neuen Sars-Infektion als Bedrohung namentlich erwähnt. Ähnlich ging es dem CeMM, als wir mit "Genom Austria" ein Wissenschafts-, Kultur- und Bildungsprojekt zur Erforschung unseres Erbgutes gestartet haben (genomaustria.at).

Wie können wir eine auf uns zukommende genombasierte Medizin nutzen? Großbritannien ist dabei, die Genome von 500.000 Britinnen und Briten zu bestimmen. Wir mussten mangels finanzieller Unterstützung bei 22 Beispielgenomen aufhören. Dabei sind Genome in der Welt unterschiedlich, und es ist zum Nachteil der Österreicherinnen und Österreicher, wenn die Forschung neuer Diagnosen und Therapien sich rein auf Informationen aus anderen Ländern stützt.

Als das CeMM im April 2020 die ersten österreichischen Sars-CoV-2-Sequenzen aus eigenen Mitteln online gestellt hat und wir mindestens 1000 Virusgenome zur Verfolgung der Mutationsdynamik ermitteln wollten, gab es ebenfalls kein Finanzierungsangebot aus dem Gesundheits- oder Forschungsbereich. In der Zwischenzeit sieht es besser aus, weil, wie immer spät, auch Österreich die Wichtigkeit erkannt hat. Ist es ein Zufall, dass die Briten gleich im März 2020, mit 20 Millionen Pfund vom Gesundheitswesen finanziert, verkündet haben, mehr als 200.000 Virusproben zu sequenzieren? Ist es wiederum ein Zufall, dass die meisten Vakzine aus den USA und dem Vereinigten Königreich kommen? Ich behaupte, es ist vielmehr ein Spiegel der Wertschätzung der biomedizinischen Forschung und der entsprechenden Finanzierung.

Löcher stopfen

Im Märchen von den drei kleinen Schweinchen geht es um drei Häuser aus unterschiedlichen Materialien. Aus dem ersten Häuschen aus Stroh wurden wir vom Wolf namens "Covid" einfach rausgeblasen. Jetzt sitzen wir voller Furcht im zweiten Häuschen aus Holz. Der Wolf späht durch die Bretterluken. Wir geben viel Geld aus, um überall Löcher zu stopfen, und machen, auf fremde Hilfe hoffend, die Augen zu. Wann werden wir ein Häuschen aus Stein bauen, nicht in Eile und Not, sondern mit Weitsicht, gebaut aus Wissen?

Biomedizin braucht mehr Wertschätzung und eine bessere Finanzierung. Das beginnt bei der Aufwertung der Mint-Fächer (auch gezielt für Mädchen) in den Schulen. Appellieren wir nicht nur an die Politik und Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger, sondern auch an Privatpersonen, denen unsere Zukunft am Herzen liegt. Investieren Sie bitte in Forschung, über Stiftungen, gezielte Exzellenz-Institute und Förderinstitutionen. Die Fridays-for-Future-Generation wird uns die große Staatsverschuldung und die Sünden am Klima nicht leicht verzeihen. Zumindest sollten wir den Mut und den Anstand haben, Investitionen in Forschung und unsere Zukunft voranzutreiben, selbst wenn die Früchte erst später kommen. Besseres können wir nicht vererben. (Giulio Superti-Furga, 17.3.2021)