STANDARD: Wann haben Sie das letzte Mal etwas gekauft, das Sie nicht gebraucht haben?

Nunu Kaller: Ich blinder Maulwurf habe eine Schwäche für Brillen und besitze definitiv mehr Modelle, als ich brauche.

STANDARD: Ihr erstes Buch handelte vom Konsumverzicht. 2012 haben Sie ein Jahr lang den Kauf von Kleidung vermieden. Was hat sich verändert?

Kaller: Die Auswahl an fairer Kleidung hat sich vergrößert. Außerdem gilt Secondhandmode wieder als cool und wird auch mit dem Nachhaltigkeitsaspekt aufgeladen. Und immerhin: Große Konzerne nehmen kritische Konsumenten als Zielgruppe wahr, auch wenn leider viel Greenwashing dabei herauskommt.

STANDARD: Sie haben sich nun auf die Suche nach dem "guten Konsum" gemacht. Was haben Sie herausgefunden?

Kaller: Ich habe oft beobachtet, dass der Wunsch nach einem nachhaltigen Leben in Konsumismus endete: Wenn für einen plastikfreien Haushalt alles in Metall nachgekauft wurde, zum Beispiel. Für mich ist der bewusste und reduzierte Konsum die Richtschnur. Und: Wir müssen aufhören, uns so stark über unseren Konsum zu definieren.

Nunu Kaller beschreibt in ihrem neuen Buch, wie man "gut" konsumiert.
Foto: Kremayr & Scheriau/Julius Hirtzberger

STANDARD: Ist "guter Konsum" nicht auch eine elitäre Sache?

Kaller: Dieser Meinung bin ich nicht mehr, es hat sich viel verändert. Eine österreichische Supermarktkette bietet nichtverkauftes Obst und Gemüse in einer Fünf-Kilo-Box um drei Euro an, Secondhand ist nicht mehr sozial stigmatisiert. Das Shamen von Menschen, die kein Bioshirt tragen, halte ich aber für sinnlos.

STANDARD: Konsum ist mehr denn je identitätsstiftend. Auf Instagram definiert man sich selbst über den Kauf eines Buttercroissants. Haben die sozialen Netzwerke diese Entwicklung beschleunigt?

Kaller: Die Ich-Kultur der Influencer hat diese Entwicklung sicher massiv befeuert. Ich stehe Plattformen wie Instagram aber nicht ausschließlich negativ gegenüber: Die Body-Positivity-Bewegung beispielsweise hätte ohne Social Media nicht diese Kraft entwickelt.

STANDARD: Selbst eine nachhaltige Lebensweise demonstriert man heute in den sozialen Netzwerken über die richtigen Produkte. Ist das nicht absurd?

Kaller: Das sehe ich genauso.

STANDARD: Kann Verzicht etwa nicht so gut bebildert werden?

Kaller: Das glaube ich nicht. Die Achtsamkeitsbewegung beispielsweise ist in den sozialen Netzwerken sehr präsent. Sie wird nur schon wieder industriell ausgenutzt: Ob ich mich einfach nur beim Yoga zeige oder ob ich das gleiche Bild mit einem Rabattcode versehe, um damit den Verkauf der Yogamatte anzukurbeln, ist ein großer Unterschied.

"Wir erleben beim Einkaufen einen Endorphinausstoß. Wenn man darauf konditioniert ist, fühlt sich Verzicht natürlich wahnsinnig schlecht an", sagt Nunu Kaller.
Foto: Getty Images

STANDARD: Warum fällt uns Verzicht so schwer?

Kaller: Ist das so? Ich kann mich an meinen Shopping-Entzug erinnern. Ich habe diese Zeit als sehr entspannend empfunden. Wer schon einmal seine Wohnung so richtig ausgemistet hat, wird wissen, wie befreiend sich das angefühlt hat. Verzicht vermittelt nicht per se ein schlechtes Gefühl.

STANDARD: So scheint es nur einer Minderheit zu gehen. Anders lässt sich der Erfolg der Fast-Fashion-Industrie nicht erklären …

Kaller: Wir erleben beim Einkaufen einen enormen Endorphinausstoß. Wenn man darauf konditioniert ist, fühlt sich Verzicht natürlich wahnsinnig schlecht an.

STANDARD: Gleichzeitig hat der minimalistische Kleiderkasten eine quasireligiöse Überhöhung erfahren. Ist die Beschränkung auf wenige Stücke die Lösung aller Dinge?

Kaller: Der Minimalismus wird die Welt nicht retten, die strikte Reduktion ist sicherlich kein breitenwirksames Konzept für die Zukunft. Was heute ein Trend ist, verschwindet auch sehr schnell wieder. Als in den Social-Media-Kanälen all die geleerten Regale gezeigt wurden, dachte ich mir nur: In zwei Jahren sind die wieder angefüllt.

STANDARD: Ist die Idee, dass wir mit unseren Kaufentscheidungen die Welt verbessern können, nicht illusorisch? Ist nicht auch die Politik in die Verantwortung zu nehmen?

Kaller: Die Idee ist noch dazu bis ins Mark neoliberal. Ich habe oft gesagt: Wir haben mit unserer Geldbörse die Macht. Doch seit selbst Fast-Fashion-Konzerne ähnliche Appelle äußern und damit ihre Verantwortung an die Konsumenten abgeben, halte ich mich zurück. Unsere Macht ist enden wollend. Es braucht radikale Transparenzgesetze: Wie soll ich eine nachhaltige Kaufentscheidung treffen, wenn ich der Produktionsweise von Dingen nicht auf den Grund gehen kann? Es braucht auch viel strengere soziale und ökologische Kriterien bei der Herstellung. Ich bin ein Fan der ökosozialen Steuerreform. Die ökologische Belastung von Produkten in den Preis miteinzuberechnen, finde ich spannend – dann wird Bio erschwinglicher als konventionell Produziertes.

STANDARD: Wachsen mit der "Generation Klimaschutz" konsumkritischere Menschen heran?

Kaller: Für die junge, "woke" Generation ist mein Buch sicher nicht radikal genug. Das ist auch gut so. Parallel dazu gibt es aber eine in erster Linie konsumgesteuerte Generation – der ist diese ganze Debatte völlig egal. (Anne Feldkamp, RONDO, 10.4.2021)