Die Boxhandschuhe wurden ausgezogen, der Clinch lief auf einen Rechtsstreit hinaus.

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Dienstagnachmittag wurde es ernst. Der Aufstand von Österreichs sechs besten AmateurboxerInnen gegen Nationaltrainer Daniel Nader bekam seinen ersten gerichtlichen Prozesstag. Als die Sportler gegen Nader schwere Vorwürfe von Mobbing bis Sexismus erhoben, stand in einem von der Boxerin Deshire Kurtaj geteilten Instagram-Post das Wort "Betrüger". Nader klagte sie zivilrechtlich wegen Kreditschädigung und wollte eine einstweilige Verfügung, weiters erhob er Privatanklage wegen übler Nachrede.

Ersteres sollte am Dienstag am Wiener Handelsgericht ausjudiziert werden. So viel vorweg: Von einem Urteil ist die Causa weit entfernt. Warum die Angelegenheit für den Sportteil dieser Zeitung relevant ist? Kurtaj muss den Wahrheitsbeweis antreten. Würde dieser vor Gericht für glaubhaft befunden, könnte das Bewegung in die Causa bringen. Österreichs Boxverband hält bekanntlich an seinem Trainer fest, Präsident Daniel Fleissner betonte stets: "Ich kann nicht meinen Nationaltrainer entlassen, wenn ich keinen Beweis habe." Die Anschuldigungen der Boxer gingen freilich weit über das Gebiet hinaus, um das es in dem Zivilprozess geht.

Saal zu klein

Der Prozess begann mit einem Umzug. Mit journalistischer Begleitung hatte man am Handelsgericht Wien offenbar nicht gerechnet, aber auch ohne sie wäre das Corona-bedingte Sechs-Personen-Limit des Verhandlungssaals mit dem ersten Zeugen gesprengt worden. Drei Stockwerke höher war genug Platz und die Aussicht umso blendender.

Man begann mit Bestandsaufnahmen, die Auftaktfrage von Richter Alexander Sackl: "Was sind Sie alles, Herr Nader?" Der selbständige Trainer, Obmann des Bounce-Boxclubs, Bundestrainer und Vorstandsmitglied des Boxverbandes bestätigte seine vielen Funktionen. Vertreten wurde er von Ex-Boxverbands-Präsident Florian Höllwarth und Constantin Eschlböck.

Auf der anderen Seite: Die vom Sportanwalt Johannes Reisinger vertretene Kurtaj, Amateurboxerin, nach Eigenaussage noch bis Ende April Bounce-Mitglied. Schon hier zeigte sich die Uneinigkeit der Streitparteien: Dass Kurtaj nach der vergangenes Jahr eingereichten Kündigung noch Mitglied sei, bestritt Naders Seite – allerdings nicht, dass sie noch Mitgliedsbeitrag bezahlt. Egal, ein Nebenschauplatz.

Muss das sein?

Nach kurzer Zeit warf Sackl ein: "Die Frage ist, ob das so gescheit ist, dieses Verfahren zu führen." Kurtaj betonte ja, Nader nie selbst Betrüger genannt zu haben, schließlich war der Post nur ein geteilter Kommentar jemand Anderes. Der Richter schlug vor, man könne sich doch vergleichen: Kurtaj bezeichnet Nader in Zukunft nicht als Betrüger und die Sache hat sich. Naders Seite hätte in diesem Fall aber Prozesskostenforderungen gestellt.

Die Boxerin lehnte einen Vergleich ohnehin ab. Also fragte das Gericht: Wolle sie Nader etwa in Zukunft als Betrüger bezeichnen dürfen? Kurtajs Antwort: "Es geht hier um viel mehr. Es geht darum, dass ich mir nicht meine Stimme wegnehmen lasse. In den letzten sieben Monaten wurde das versucht."

Also der Versuch des Wahrheitsbeweises. Kurtaj nannte drei Punkte, die sie freisprechen sollen:

1. Der Kickback-Vorwurf

Kurtaj behauptete, dass der vom Verband bezahlte Co-Trainer Cagdas Celik dem Nationaltrainer Nader die Hälfte seiner 540€ Reiseaufwandsentschädigung in bar zurückzahlte. Celik war auch als Zeuge geladen und würde Kurtajs Aussagen bestätigen, seine Befragung ging sich am ersten Verhandlungstag nicht mehr aus. Auch solle als Beleg dienen, dass Celik genau 270€ abgehoben habe.

Vom Richter nach den 270€ gefragt, sagte Nader: "Das ist ein Blödsinn." Außerdem seien die 540€ kein Fixum, sondern das obere Limit. Der Nationaltrainer betonte die persönlichen Verbindungen: Ex-Boxer Ahmet Simsek habe Celik erst empfohlen, Simsek sei mit Dzambekov befreundet. Und er fragte: "Warum ist er nicht gleich zum ÖBV gegangen?"

2. Der Versicherungsbetrugs-Vorwurf

Kurtaj erzählte von einem Vorfall Anfang 2019. Daniel Naders Bruder Marcos, Österreichs erfolgreichster Profiboxer, habe sich im Sparring mit Dzambekov verletzt. Kurtaj sei dabei gewesen: "Ich habe hingeschaut, weil es einen lauten Schrei gab, Marcos am Boden lag und Schmerzen hatte." Nachdem Marcos Nader in Zeitungsartikeln davon erzählte, dass er sich beim Spazierengehen verletzte, als der Kinderwagen mitsamt Tochter Richtung Straße rollte, seien die bei dem Sparring Anwesenden stutzig geworden. "Dann begannen wir im Training drüber zu reden", erzählt Kurtaj. Marcos Nader habe gesagt, dass das für die Versicherung besser sei; sein Bruder postete in eine WhatsApp-Gruppe der Boxer, dass man über Verletzungen nicht reden solle.

Daniel Nader hielt freilich fest, seinem Bruder zu glauben. Was für eine Versicherung das konkret gewesen sei, wisse er nicht. Er betonte, dass bei Sparrings öfters etwas passiere – das hieße aber nicht, dass sich Marcos die konkrete Verletzung so zugezogen habe. Die WhatsApp-Nachricht erklärte er damit, dass es manchen Sportlern physisch und psychisch nicht immer gut gehe. Er habe schlicht nicht gewollt, dass zu viel darüber gesprochen würde.

3. Der Fördergeld-Vorwurf

Rund um diesen Punkt wurde lange diskutiert – teilweise auch aneinander vorbei. Kurtajs Kurzfassung: Die Athleten unterschrieben nach Naders Antritt als Nationaltrainer die gleichen Unterlagen wie davor, bekamen danach aber kein Geld mehr ausgezahlt – obwohl sich die Rahmenbedingungen nicht geändert hätten. Das sei wohlgemerkt vor ihrer Zeit gewesen, zahlreiche Kollegen hätten ihr aber davon berichtet – viele davon stehen auch auf der Zeugenliste.

Nader erklärte, dass sich das Fördergesetz seit 2012 drei Mal geändert habe. Die Unterschriften seien für Teilnehmerlisten gewesen. Wenn bei Trainingslagern die Verpflegung eingeschlossen sei, würden die Athleten kein Geld bekommen – wenn es kein Essen gäbe, erhielten sie Geld. "Früher hat es mehr Maßnahmen gegeben, wo die Verpflegung nicht dabei war", bestätigte er. Man versuche nun, soweit möglich alles all-inclusive zu machen – auch, um eine gesündere Ernährung zu gewährleisten. Kurtaj hielt dagegen, dass von dem inkludierten Essen in der Praxis nicht immer etwas übrig bliebe und die Sportler sonstige Verpflegung selbst bezahlen mussten.

Vertagung

So weit die Anschuldigungen und Erklärungen. Da jeder Verhandlungssaal am Handelsgericht aufgrund der Corona-Bestimmungen derzeit nur drei Stunden lang besetzt sein darf, war am ersten Verhandlungstag nur für einen einzigen Zeugen Zeit: ÖBV-Präsident Fleissner. Er verwies bei Fragen zu Förderdetails meist auf Generalsekretär Martin Maresch und Kassier Bernhard Hajek. Hajek hätte als erster Zeuge aussagen sollen, war laut Naders Anwälten aber beruflich verhindert.

Man wurde also noch nicht viel schlauer, eine zweistellige Zahl an Zeugen steht bevor. Für einige davon wurden zwei Verhandlungstermine via Zoom anberaumt. Spannend wurde es dann am Ende: Nach kurzem Überlegen wollte Nader die Medien von den kommenden Terminen ausschließen lassen. Der Richter klärte ihn auf, dass das im Fall einer Zoom-Verhandlung so nicht gehe und dass man dann auch wieder in Person tagen müsse – was eine längere Wartezeit auf passende Verhandlungssäle bedeuten würde. Da Naders Anwälte eine einstweilige Verfügung lieber bald bekommen wollen, einigte man sich doch auf einen Zoom-Termin am 23. April. Der STANDARD wird berichten. (Martin Schauhuber, 6.4.2021)