Markus Kupferblum: "Die Kunst beschäftigt sich mit Scheinwichtigkeiten".

Foto: Kupferblum

Constanze Ruhm: "Alle wollen alles nachholen – das ist auch beängstigend".

Felix Kofler

Carolina Schutti: "Ich rechne damit, dass der Kalender sich nun füllt."

Foto: APA/Neubauer

Christof Dienz: "Reisen, Gigs organisieren, das ist mir nicht abgegangen."

Foto: Lukas Beck

Der Lockdown, der noch für die österreichische Kultur gilt (Ausnahme: Vorarlberg), wirft die Planungen durcheinander. Jeden traf und trifft es anders, jede und jeder Kulturschaffende geht damit anders um. Was tun, wenn alles stillsteht und die Perspektiven vage geworden sind? Ein Normalbetrieb scheint noch weit entfernt.


Markus Kupferblum, Opernregisseur

Markus Kupferblum: "Die Kunst beschäftigt sich mit Scheinwichtigkeiten".
Foto: Kupferblum

Trotz der äußeren, oktroyierten Ruhe sind es gerade höchst turbulente Zeiten. Alles ist wahr, und sein Gegenteil auch. Wie ein japanischer Nô-Theater-Schauspieler bewegen wir uns vorwärts und gleichzeitig, mit derselben Intensität, in die entgegengesetzte Richtung, bis sich unser Körper in unbeweglicher Hochspannung befindet, im regungslosen, ewigen Augenblick. Jeder leistet Übermenschliches, und doch stecken wir bis über die Ohren in der Krise. Die Kunst wird auf Nebenschauplätzen geparkt und beschäftigt sich folgerichtig mit Scheinwichtigkeiten. Darf man "Kulturschaffende" sagen? Darf man Satire machen über eine Pandemie? Ist Österreich eine "Kulturnation"? Muss man "canceln", womit wir nicht mehr umgehen können?

Wie es mir geht? Von mir ist kaum mehr etwas übrig. Alles, was mich ausmacht, ging nicht mehr in den letzten Monaten: inszenieren, Projekte erfinden, Publikum spüren, mit Freunden herumspinnen, zufällig Menschen treffen … Mir fehlt die Kunst, die Inspiration, mir fehlt die Abwechslung. (poh)

Markus Kupferblum (56) ist Opernregisseur, Autor, Moderator und Pädagoge.


Constanze Ruhm, Filmemacherin

Constanze Ruhm: "Alle wollen alles nachholen – das ist auch beängstigend".
Felix Kofler

Ich bin überhaupt nicht exemplarisch. Denn ich kenne niemanden, der so gern wie ich einfach nur alleine arbeiten möchte. Schwierig war für mich jedoch, dass mit Gli appunti di Anna Azzori zu Corona-Beginn mein Film herauskam – einer, der mir besonders wichtig ist. Es gab eine Premiere auf der Berlinale, und das war’s. Er läuft zwar auf Festivals, aber ich kann nicht hin. Also: kein Publikum, dafür absurde Gespräche auf Zoom, wo man in eine Leere spricht.

Sorgen bereiten mir meine Studierenden auf der Akademie. Wir haben drei Semester online verbracht. Man konnte erkennen, wie schwierig es für sie ist – etwa wegen der Jobsituation. Man weiß nicht einmal so genau, ob sie in der Lage sind, künstlerisch arbeiten zu können. Dann ist da noch unser Chor, den wir mit Online-Proben retten konnten. Bald geht’s wieder los. Die Öffnungen finde ich aber auch beängstigend: Alle wollen alles nachholen. Sollten wir nicht besser wie nach einer Fastenkur erst langsam wieder zu essen anfangen? (kam)

Constanze Ruhm (56) ist Filmemacherin und Künstlerin.


Carolina Schutti, Autorin

Carolina Schutti: "Ich rechne damit, dass der Kalender sich nun füllt."
Foto: APA/Neubauer

Zuerst dachte ich, Corona wird keine Auswirkungen auf meine Arbeit haben, denn ich sitze sowieso alleine am Schreibtisch. In Schreibphasen bewege ich mich außerdem nur zwischen dem Schreibtisch und der Natur, und das war ja nicht beeinflusst. Außer im ersten Lockdown, als man sich in Tirol beim Spazierengehen vor der Polizei hinter Bäumen verstecken musste. Inzwischen glaube ich aber, Corona macht etwas mit meiner Perspektive. Ich beschäftige mich immer mit existenziellen Themen, aber mein Blick ist noch schärfer.

Im Februar ist mit Der Himmel ist ein kleiner Kreis mein zweites Buch in der Pandemie erschienen, und das ist bitter. Ich falle wieder um Messen und Lesungen um, Reisen sind verschoben. Bei virtuellen Lesungen in Warschau, Paris und Rom habe ich aber teils vergessen, dass ich in meinem Wohnzimmer sitze. Veranstaltungen mit Publikum, die auch gestreamt werden, wären ein gutes Zukunftsmodell. Mit Buchungen sind Literaturhäuser und Festivals noch zaghaft. Ich rechne damit, dass der Kalender sich nun füllt. (wurm)

Carolina Schutti (45) ist Schriftstellerin.


Christof Dienz, Komponist "Reisen, Gigs organisieren, das ist mir nicht abgegangen."

Christof Dienz: "Reisen, Gigs organisieren, das ist mir nicht abgegangen."
Foto: Lukas Beck

Zu Beginn des Lockdowns war man belustigt, dann bekam man in schwachen Momenten Angst, und schließlich gewöhnte man sich an die Langsamkeit. Jetzt, da es wieder losgeht, fällt es mir gar nicht so leicht, wieder volle Fahrt aufzunehmen. Reisen, Equipment herumschleppen, Gigs organisieren, das ist mir nicht besonders abgegangen. Musikalisch habe ich nicht viel gemacht. Ich komponierte zwei kleinere Auftragsstücke, gab ein paar Onlinekonzerte, schrieb zwei Filmmusiken, machte ein Quarantänevideo und konzipierte ein paar Stücke – für das neue Album der Knoedel.

Bisweilen schrieb ich einfach Ideen auf, ohne Absicht: Zeit haben, ohne Zeitdruck komponieren, das hat es so schon lange nicht mehr gegeben, das wäre ein positiver Effekt der momentanen Situation. Neu ergeben hat sich allerdings, dass ich zusammen mit Clara Iannotta ab 2022 die künstlerische Leitung des Klangspuren-Festivals übernehmen werde. Das freut mich, bei dem Gedanken komm ich doch glatt wieder in Fahrt! (tos)

Christof Dienz (53) ist Komponist, Fagottist und Zitherspieler.


Elisabeth Tambwe Tänzerin

Elisabeth Tambwe: "Aus dieser Krise könnte eine neue Erotik entstehen"
Evalnrdt

Die derzeit geltenden Einschränkungen bringen meiner Meinung nach einen neuen Erfindungsreichtum. Viele gewohnte Schöpfungsorte sind versperrt, das kann Energien freisetzen. Abseits der Unbeweglichkeit, in die die Gesellschaft eingetaucht ist, haben Künstler Problemumgehungsstrategien entwickelt.

Die Pandemie eröffnet neue Blickwinkel auf unseren eigenen Körper. Wir sind zu so etwas wie neuen Migranten unter Hausarrest geworden, in einem Raum, der unser eigener Wohnsitz ist. Die Unterscheidung zwischen kontaminierenden und nicht kontaminierenden Körpern hat sogar Vorrang vor der Unterscheidung zwischen Mann und Frau. Aus dieser Krise könnte eine neue Erotik entstehen, eine, die noch neu erfunden werden muss. (afze)

Elisabeth Bakambamba Tambwe ist Tänzerin und Choreografin in Wien.


Peter Hein, Musiker

Peter Hein: "Wer ist schuld? Klar, Arsch mit Ohren"
Fehlfarben

Platten hören im Büro, Weltarchiv basteln, warten auf Mail vom Impfzentrum. Am Nachmittag ein Kühlregalbier, Marktstandlkaffee, wo pinkeln? Stinkt es nicht nach Pommesbude, ist die Pizza labbrig oder es hat nur Flüssignahrung für Säuglinge und Risikogruppe: Suppe, Bowl.

Im Fallwind geht selbst bei Sonne kein gekauftes Fingerfood unfallfrei in den Mund. An Lesen ist nicht zu denken, der Trafikant hat ja nix. Mistkübel voll, Liefermafia war schon da. Obwohl nie privat unterwegs, jeder Schritt Broterwerb, Recherche ist, will keiner proben, man weiß ja nie …

Und wer ist schuld daran? Klar, Arsch mit Ohren. Wo man sich unbehelligt treffen kann auf ein Getränk außer daham, das wird geheim getestet bleiben. (schach)

Peter Hein (64) ist Sänger der deutschen Band Fehlfarben und lebt in Wien.


Harri Stojka Gitarrist

Harri Stojka: "Natürlich fehlt mir das Kaffeehaus ..."
Foto: Robert Newald

Frische Luft schnappen? Hab ich früher nicht oft gemacht ... Meine Frau und ich gehen jetzt aber viel spazieren, wohnen beim Wilhelminenberg, wo es ziemlich bergauf geht. Anstrengend! Aber es macht den Kopf frei. Die Zeit fülle ich nicht anders als sonst, da ich kein großer Fortgeher bin. Die Konzerte gehen mit zwar ab. So konnte ich mich jedoch auf Dinge konzentrieren, für die früher kaum Zeit blieb. Ich meine: solistisch neue Wege finden, in neue harmonische und technische Welten eintauchen.

Das Publikum will ja bestimmte Sachen hören, dem muss man sehr oft entsprechen. Wenn es konzertmäßig wieder losgeht, möchte ich aber mit neuen Klängen aufwarten, die man von mir nicht kennt! Ich konnte die Zeit also nutzen; insofern fällt mir diese Situation, in der ich auch Salut to Jimi Hendrix eingespielt habe, nicht so schwer wie vielleicht anderen.

Natürlich fehlt mir das Kaffeehaus oder dass ich nicht mit meinem Freund Walter Schmögner Schach spielen kann. (tos)

Harri Stojka (63) ist Wiener Gitarrenvirtuose und Komponist.


Katie La Folle Kabarettistin, Sängerin

Katie La Folle: "Es fühlt sich an, als wäre ich aus einem Erdloch gekrochen".
Xenia Trampusch

Gefühlter Lockdown Nummer 243, mein zweiter "Bitte bleiben Sie zu Hause"-Geburtstag und fünf Kilo extra. Im Moment fühlt es sich an, als wäre ich aus einem Erdloch herausgekrochen. Ich beobachte manche Erdfrauchen und -männchen, die sich noch in ihren Löchern wälzen, während andere auf einer wilden Wiese g’schaftig herumrennen und sich um Luft ringend im Kreis drehen.

Bore-out meets Burn-out, und alle versuchen, bei klarem Verstand zu bleiben. Ich unterrichte zwar seit Lockdown eins online Yoga, konnte aber erfolgreich jeglichem Drang der Selbstoptimierung widerstehen. Natürlich habe ich ein paar Onlineformate ausprobiert, es gab E-Castings und den einen oder anderen TV-Beitrag, aber Kabarett ohne Publikum? Not funny! Da ich jetzt aber schon aus dem Erdloch heraußen bin, habe ich meine Spaziergänge in Laufrunden umgewandelt, schreibe an Songs und meinem eigenen Blog.

Optimieren oder Erwachen, ich hätte mir nie gedacht, dass ich menschliche Ausdünstungen vermissen würde. Kunst und Dunst gehören zusammen! (stew)

Katie La Folle (34) ist Kabarettistin und Sängerin.


Patrick Pulsinger, Musikproduzent

Patrick Pulsinger: "Künstlerisch war es ein verlorenes Jahr".
Foto: Heribert Corn

Die Einbußen aus meinen geplanten Live-Auftritten – im Berghain, in Paris – waren gewaltig. Auch Kompositionsaufträge für Festivals sind zu 100 Prozent ausgefallen. Es war ein Segen, dass ich Überbrückungszahlungen erhalten habe. Mastering-Aufträge konnte ich im Studio machen. Fürs Abmischen müssen die Leute ja nicht unbedingt da sein. Je breiter man sich aufstellt, desto besser ist es.

Ich habe sehr viel Zeit mit meiner Familie verbracht. Meine Tochter wurde im September eingeschult, diese neue Welt mit dem ständigen On-off ist sehr herausfordernd. Meine Lebenspartnerin ist Soziologin – in der Wissenschaft hat die Pandemie quasi nicht stattgefunden, da haben die Leute ohne Kinder im Homeoffice 14 Stunden am Tag durchgearbeitet. Da hat sich eine Schere aufgetan. Auch ich kenne Musiker ohne familiäre Verpflichtungen, die die Lockdown-Zeit genutzt haben, um ins Studio zu gehen. Das hat’s bei mir überhaupt nicht gespielt. Künstlerisch gesehen ein verlorenes Jahr. (abs)

Patrick Pulsinger (50) ist Musikproduzent und lebt in Wien.


Claudia Bosse, Theaterregisseurin

Claudia Bosse: "Seit über 400 Tagen lerne ich jetzt Indonesisch"
Foto: theatercombinat

Ich bin damals aus Indonesien kommend direkt im ersten Lockdown hier gelandet und lerne nun seit über 400 Tagen Indonesisch. Es geht gut. Über Rituale und Praxen versuche ich, neue Schwerpunkte zu finden. Ich nütze diese ungewöhnliche Gegenwart als Zeit des Einhaltens und für die Suche nach Zukunftsperspektiven. Diese Selbsterregung, der man sich im Kunstbetrieb ja ständig hingibt, geht mir auf den Wecker.

Unser Performanceprojekt in Indonesien wurde auf November verschoben, und so arbeite ich in einem anderen Erfahrungsraum, er liegt zwischen Mythologie und Wissenschaft: der Wald. Die Begriffe von Zeit und Raum haben sich für mich sehr verändert. Es muss nicht der dunkle Probenraum sein. Die Pandemie verschiebt Blickwinkel. Für meine Inszenierungen waren das Reisen, das Fremde immer sehr wichtig. Momentan beschäftigt mich deshalb die Frage, wie wir translokal besser im Austausch bleiben können. Am meisten fehlt mir das Zufällige. (afze)

Claudia Bosse (51) ist Regisseurin sowie Gründerin von Theatercombinat.


Nikolaus Geyrhalter, Dokumentarfilmer

Nikolaus Geyrhalter: "Man kann nicht aus allem etwas lernen".
Foto: Robert Newald

Wir sind mit den Kindern im ersten Lockdown ins Waldviertel ausgewichen. Jetzt leben wir schon seit einem Jahr hier. Mittlerweile ist es zäh, eigentlich will ich nur mein altes Leben zurück. Es fehlt alles Informelle, alles, was man spürt. Als Chronist des Landes, als der ich gesehen werde, wurde ich aufgefordert, einen Film über Corona zu drehen. Das wurde zum Weg, die Krise gut zu überstehen. Es war ein Privileg zu sehen, wie das Land in der Ausnahmesituation funktioniert. Die Tagline war simpel: alles drehen, das anders ist. Wir haben uns aufs System konzentriert: auf Blaulichtorganisationen, das Bundesheer, die Gesundheitspolitik, Schulen. Es ist ein Film für Archive, für später. Anfangs wurde oft die Globalisierung infrage gestellt, eine bessere Welt herbeigesehnt. Es gebe Gravierenderes zu lösen als die Pandemie. Inzwischen höre ich das nirgends. Es heißt, man kann aus allem etwas lernen: Das glaube ich nicht mehr. Manche Dinge sind nur für den Arsch. (kam)

Nikolaus Geyrhalter (49) ist Dokumentarfilmemacher und Produzent.


Denice Bourbon, Performerin

Denice Bourbon: "Endlich wieder stinkende Menschen!"
Foto: Mirjam Müllen @ one queer shot

Als das alles begonnen hat, hatte ich ein richtig schlechtes Gewissen, weil ich so erleichtert war. Als selbstständige Künstlerin traut man sich ja nie, Nein zu Aufträgen zu sagen. Also lädt man sich immer mehr und mehr auf. Ich habe mir keine Pause gegönnt. Dann kam der Lockdown. Blöderweise wurden dann recht schnell Wege gefunden, dass man trotzdem arbeiten konnte, haha. Zuerst der Kultursommer, dann die Onlineevents. Das einzige Problem, wenn man Comedy macht, ist die Frage, wo man Inspiration herbekommt. Es geht ja viel ums Beobachten. Ich kann ja nicht immer über meinen Hund schreiben! Ich weiß nicht, ob ich noch lustig bin. Mein Publikum finde ich ja nicht nur im Theater, sondern beim Tratschen in Bars, am Weg vom Tisch zum Klo. Mir war vorher nicht bewusst, wie wichtig dieses Geplänkel ist. Am meisten freue ich mich aufs Sozialleben. Endlich wieder stinkende Menschen! Was ich früher voll ekelhaft gefunden habe, Mengen, Schweiß, Hautkontakt – wie ich das vermisse! (abs)

Denice Bourbon (45) macht Comedy in Wien und im Internet.


Elfie Semotan, Fotografin

Elfie Semotan: "Ich musste mir mein privates Leben besser organisieren."
Studio Semotan

Mir ist es die ganze Zeit gut ergangen. Ich konnte viel Zeit auf dem Land verbringen und von dort aus gut arbeiten, immer wieder bin ich aber auch nach Wien gefahren. Aktuell bereite ich ein paar Ausstellungen vor. Ende April gibt es im Kunst Haus Wien eine große Retrospektive von mir. Darauf freue ich mich schon.

Aber natürlich ist es komisch: Alles, was man an Wien liebt, konnte man lange nicht wahrnehmen. Am meisten gehen mir Dinge des normalen Lebens ab: Kultur, Geselligkeit, Essen und Trinken. Ich musste mir überhaupt mein privates Leben besser organisieren. Sonst habe ich Menschen meistens auf Veranstaltungen oder zufällig getroffen. Jetzt muss man sie aktiv einladen, sonst sieht man niemanden mehr.

Positiv an dem Ganzen ist aber, dass man mehr Zeit hat. Gerade habe ich drei Biografien fertiggelesen, eine über Simone de Beauvoir. Die Tatsache, dass Frauen immer noch nicht gleich viel verdienen wie Männer, ist unfassbar. Es hat sich zwar schon einiges geändert, aber vieles noch nicht. (kr)

Elfie Semotan (79) ist Fotografin.


Jonathan Berkh, bildender Künstler

Jonathan Berkh: "Künstler sind es grundsätzlich gewohnt, einsam zu arbeiten."
Marko Zlousic

Der erste Lockdown war geprägt von Stille, Ruhe und Zurückgezogenheit, es wusste noch keiner so richtig, was los war. Diese Zeit habe ich genutzt, um mich zu orientieren: Wo stehe ich mit meiner Kunst? Was sind meine Ziele? Wie kann ich mich weiterentwickeln?

Dementsprechend habe ich künstlerische, persönliche und wirtschaftliche Konzepte erstellt. Die weitere Zeit und die kommenden Lockdowns sahen dann anders aus. Die waren schon wieder aktiver. Networking, Kommunikation und Kontakte waren unter Einhaltung aller Richtlinien möglich. Diese Zeiten habe ich dann entsprechend genutzt, mich an die Umsetzung dieser Konzepte zu machen.

Künstler unterschiedlicher Bereiche – Schriftsteller, Komponisten, Maler – sind es ja grundsätzlich gewohnt, einsam zu arbeiten und wählen oft den Rückzug, um ihre kreativen Kräfte voll entfalten zu können. Aus dieser Sicht hat sich für viele dieser Berufsgruppe, auch für mich, nicht viel geändert außer dass der Rückzug auferlegt war und nicht freiwillig gewählt. (stew)

Jonathan Berkh (57) ist Maler in Wien.


David Helbock, Jazzpianist

David Helbock: "Körperlich bin ich deutlich fitter als früher."
Hohenberg

Einerseits will ich nicht klagen, vielen Kollegen geht es noch schlechter, manche denken ans Aufhören ... Aber auch mich hat die Ausnahmesituation getroffen. Ich habe ja vor der Krise nichts anderes getan, als Konzerte zu geben und CDs aufzunehmen, um Konzerte zu bekommen – meine einzige Einnahmequelle. Wenn ich an 2018 oder 2019 denke, als ich weit über 100 Gigs jährlich spielte, fühlt sich das an wie ein anderes Leben. Ich arbeite aber normal weiter, komponiere, mache viele Videos.

Es wechseln einander halt lethargische Phasen mit solchen voller Schaffensdrang ab. Ich pendle zwischen "Jetzt erst recht" und dem Gefühl, nicht mehr zu können. Schon vor der Pandemie hatte ich das Bedürfnis, Musik aufzunehmen, die entschleunigter, ruhiger ist. So ist nun The New Cool entstanden, ein Gegenpol zu dem Wahnsinn, der da draußen tobt. Körperlich bin ich deutlich fitter als früher, da die Reisestrapazen weggefallen sind. Ich stehe früher auf und bin auch viel draußen. (tos)

David Helbock (37) ist Jazzpianist und Komponist aus Vorarlberg.


Nana Mandl, bildende Künstlerin

Nana Mandl: "Hier hat es die bildende Kunst einfacher als die darstellende."
Miro Kuzmanovic

Momentan empfinde ich die Situation als bisschen frustrierend. Mir fehlt der Input von außen enorm. Das habe ich auch bei meiner aktuellen Ausstellung gemerkt, die erst kürzlich in der Galerie Kandlhofer eröffnet wurde. Ich brauche den Austausch mit anderen, auch für meine Arbeit als Künstlerin. Gespräche nicht immer mit den gleichen Menschen zu führen geht mir total ab. Langsam wäre es wieder an der Zeit, andere Leute und neue Dinge zu sehen.

Aber natürlich bin ich privilegiert, da ich meinen Beruf ja bis auf ein paar Abstriche weiter ausüben kann. Hier hat es die bildende Kunst einfacher als die darstellende. Das habe ich auch durch meine Beteiligung an dem Künstlerinnen-Kollektiv Club Fortuna bemerkt. Da wir performativ arbeiten und vor Publikum auftreten, sind wir hier gerade sehr eingeschränkt. Viele unserer Projekte mussten auf unbestimmte Zeit verschoben werden. Leider bin ich kein großer Fan von diesen Zoom-Meetings. Oft raubt das sogar mehr Energie und der Output ist auch geringer. (kr)

Nana Mandl (30) ist Malerin und Performancekünstlerin. Sie lebt in Wien.