Vertrauen in die Behörden haben die Aktivistinnen aus dem Bloque Negro, dem schwarzen Block, nicht.

Foto: Reuters / RAQUEL CUNHA

Sie nennt sich "Matancera" – jene, die tötet. Die junge Aktivistin trägt schwarze Kleidung, ihr Gesicht ist vermummt. Nur anonym möchte Matancera vor die Kamera treten, aus Sicherheitsgründen, wie sie betont. Für die kürzlich erschienene Reportage "Im schwarzen Block der Feministinnen" traf die Arte-Reporterin Manon Heurtel eine Gruppe radikaler Aktivistinnen in Mexiko-Stadt. Ihr Hauptquartier ist ein besetztes Gebäude, die Zentrale der nationalen Menschenrechtskommission. Frauen und Mädchen, die Männergewalt erfahren haben, finden dort Zuflucht, es ist ein Schutzraum.

Mexiko hat eine der höchsten Raten geschlechtsspezifischer Gewalt weltweit. Täglich werden im Durchschnitt zehn Frauen ermordet, wie ein Bericht der Regierung zeigt. 2018 erreichte die Zahl der Frauenmorde einen Höchststand, insgesamt 3.752 verzeichnet die nationale Statistik. Es ist ein anhaltender Anstieg seit 2007, jenem Jahr, in dem seit 1985 die wenigsten Frauen getötet wurden.

Gewalt im Lockdown

Die Pandemie scheint nun als Brandbeschleuniger zu wirken: 2020 wurden mehr als 260.000 Notrufe wegen Gewalt gegen Frauen verzeichnet – ein Plus von rund dreißig Prozent im Vergleich zum Vorjahr, wie die Thomson Reuters Foundation berichtete.

Zwei Drittel der Frauen in Mexiko haben bereits eine Form von Gewalt erfahren, 44 Prozent erleben Gewalt durch den eigenen Partner. Wie die Plattform Animal Politico recherchierte, führten zwischen 2014 und 2018 nur etwa fünf Prozent aller Anschuldigungen wegen sexueller Übergriffe, einschließlich Vergewaltigung, zu einer strafrechtlichen Verurteilung.

Vertrauen in die Behörden haben die Aktivistinnen aus dem Bloque Negro, dem schwarzen Block, keine. Sie selbst habe von der Polizei massive Gewalt erfahren, erzählt eine junge Frau dem Arte-Team. Als ein Streifenwagen sich in die besetzte Zone wagt, schlagen die Aktivistinnen mit Hämmern auf das Auto ein, die Beamten flüchten. Ob sie keine Angst habe, dafür im Gefängnis zu landen? "Nein, in Mexiko ist es wahrscheinlicher, dass du umgebracht wirst, weil du eine Frau bist, als im Gefängnis zu landen", so die Antwort einer vermummten Kämpferin.

Kritik an Präsident López Obrador

Im Kampf gegen Gewalt an Frauen werfen Feministinnen auch dem amtierenden Präsidenten Untätigkeit vor, wie die "New York Times" berichtete. Seit Ende 2018 regiert der Linkspopulist Andrés Manuel López Obrador im Land, seine Regierung steht aktuell für die schleppende Pandemiebekämpfung im Kreuzfeuer der Kritik: Das von sozialer Ungleichheit geprägte Mexiko rangiert unter den Ländern mit den meisten Corona-Toten, Touristinnen und Touristen können dennoch ohne Beschränkungen einreisen.

Am Internationalen Frauentag kam es in diesem Jahr zu Ausschreitungen in Mexiko-Stadt. Bereits im Vorfeld hatte López Obrador zum Schutz des Präsidentenpalasts einen Metallzaun aufbauen lassen. Er unterstütze die Frauenbewegung, aber er toleriere nicht Gewalt und Vandalismus. Demonstrantinnen und Demonstranten rissen schließlich Teile der Barrikade nieder, die Polizei feuerte Blendgranaten in die Menge. 62 Polizistinnen und Polizisten sowie 19 Zivilistinnen und Zivilisten seien verletzt worden, meldeten die Behörden. Für Wut und Empörung sorgte auch die ungebrochene Unterstützung Präsident López Obradors für einen Gouverneurskandidaten: Mehrere Frauen werfen Félix Salgado Macedonio Vergewaltigung vor.

Im Gegensatz zum Vorjahr, als Zehntausende am 8. März auf die Straße gingen, blieb der Andrang in den mexikanischen Städten überschaubar – Beobachterinnen und Beobachter führen das auf die Folgen der Pandemie zurück. Die feministische Mobilisierung in den sozialen Medien ist dennoch ungebrochen. "Das Virus heißt Machismo", ist auf einer Facebook-Seite zu lesen, Bilder von Kreuzen und Wandmalereien werden gepostet. Damit erinnern Aktivistinnen an die Opfer der Femizide, ihre Namen, ihre Geschichten sollen nicht vergessen werden.

"Sie sollen Angst vor uns haben, so wie wir früher vor ihnen", sagt eine Aktivistin aus dem Bloque Negro, die selbst sexuelle Gewalt erlebt hat. Der Täter kam straflos davon, er lebe heute glücklich mit seiner Familie. "Wir kämpfen heute, damit wir nicht morgen sterben", so ein Schlachtruf der Feministinnen. (Brigitte Theißl, 14.4.2021)