Vom Leben im Wohnmobil und den Schattenseiten des amerikanischen Traums: "Nomadland"-Regisserin Chloé Zhao (links) mit ihrer Hauptdarstellerin Frances McDormand.

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Amazon hat mit "Camper Force" ein umstrittenes Programm entwickelt, um ausgemusterten Arbeitern Jobgelegenheiten zu bieten. In einer der dokumentarischen Szenen von Nomadland kann man diesen älteren Menschen beim Paketeschupfen zusehen. Sie haben seit der wirtschaftlichen Depression kein Dach mehr über dem Kopf. Oder genauer: nur ein Dach mit Rädern. Unterwegs in ihren Wohnmobilen, erinnern sie an jene frühen Siedler, die sich im Westen Amerikas in kleinen Communitys organisierten. Eine neue "frontier", wenn man so will, die den Mythos des Aufbruchs vom anderen Ende aus betrachtet.

Chloé Zhao hat diesen Film der Stunde gedreht, den Goldenen Löwen in Venedig und seitdem zahlreiche andere Preise dafür eingesammelt. Bei der 93. Oscar-Gala am Sonntag ist sie die klare Favoritin, vor allem die Auszeichnung für die beste Regie ist ihr für Nomadland wohl nicht mehr zu nehmen. In einem viel grundsätzlicheren Sinn begreift sich die chinesischstämmige Filmemacherin jedoch als Außenseiterin: "Das Wort ist wirklich der Schlüssel", sagt sie im STANDARD-Gespräch. "Ich fühle mich überall als Außenseiterin. Deshalb hat es mich stets zu ihnen hingezogen. Das sind die Leute, um die es in meinen Filmen geht."

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Zhaos Selbstbeschreibung ist eng mit ihrer Biografie verknüpft, die selbst für Hollywood, diesen Hafen für Emigranten, außergewöhnlich ist. 1982 kam sie – damals hieß sie Zhao Ting – als Tochter eines Stahlunternehmers und einer Krankenhausbeschäftigen in Peking auf die Welt. Ihre ersten Kontakte mit Pop und Film waren Mangas, Michael Jackson und Hongkong-Regisseur Wong Kar-wei – seinen Liebesfilm Happy Together schaut sie bis heute vor jedem neuen Projekt als Ritual der Einstimmung.

Film stand dennoch nicht an erster Stelle in ihrem Lebensplan. Über England, wo sie ein Internat besuchte, kam Zhao erst im Jahr 2000 in Los Angeles an. Sie studierte im College Politwissenschaften, weil sie mehr über ein Land erfahren wollte, das sie, wie sie sagt, romantisierend betrachtet hat. Ihre chinesische Herkunft hat sie auch geschützt. "Jeder in China hat so ausgesehen wie ich. Ich musste mich nicht wie Asian Americans damit auseinandersetzen, warum Gesichter wie meines nicht öffentlich sichtbar sind." Ein Privileg: Die damit verbundenen Emotionen, ja Frustrationen blieben ihr so erspart.

Mythos des Westens

Das muss man wissen, um Zhaos offenen Blick auf die USA zu verstehen, ihre Faszination für die Landschaften des Westens und die Menschen dort, denen sie unvoreingenommen begegnet. Bis zu ihrem Debüt, Songs My Brother Taught Me (2015), den sie mit gerade einmal 100.000 Dollar finanzierte, war es ein weiter Weg. Doch ihre Perspektive wurde schon damals durch eine Sensibilität für das Land und die darin eingravierte Mythologie geprägt. In jedem ihrer Filme ist auch die Vergangenheit zu spüren.

Zhao studierte an der New York University Film, Spike Lee war einer ihrer Lehrer. Durch einen Bildband wurde sie auf das Indianerreservat von Pine Ridge in South Dakota aufmerksam. Dort sollte sie dann mit Laiendarstellern ihren Film über einen elfjährigen Jugendlichen drehen, der eigentlich nichts lieber will als fortzugehen. Doch die Nähe zu seiner Schwester hindert ihn daran. Er möchte sie nicht in einer dysfunktionalen Gemeinschaft zurücklassen, in der Alkoholsucht und Depression Hand in Hand gehen.

Kultur des Draufgängertums

Der Film lief in Sundance, zum Karrieremotor wurde aber erst der zwei Jahre später realisierte The Rider. Er schaffte es auf Barack Obamas Jahresbestenliste und bewog Parasite-Regisseur Bong Joon-ho dazu, Zhao als einen der Regiestars der nächsten 20 Jahre zu bezeichnen. Wieder ein Film über ein uramerikanisches Milieu: Ein Rodeoreiter zieht sich bei einem Sturz eine Kopfverletzung zu, er darf seiner Leidenschaft nicht mehr nachgehen. Wie bewahrt man mit diesem Handicap in einer Kultur des Draufgängertums sein Selbstbild? Das Feingefühl, mit dem Zhao diesen Konflikt beschrieb, begeisterte auch Frances McDormand.

Sie war es, die Zhao dann Jessica Bruders Sachbuch Nomaden der Arbeit vorschlug. Nun spielt McDormand, bärbeißig und gewitzt, die verwitwete Hauptfigur von Nomadland. Schon vor diesem Erfolg hat auch die Industrie die Hände nach Zhao ausgestreckt. Mit der Marvel-Comics-Adaption Eternals hat sie ihren ersten Blockbuster fertiggestellt. Vom Independentfilm zur Großproduktion, das ist im Hollywood der Gegenwart kein Novum. Doch man muss es sich zutrauen.

Balance in der Filmwelt

Dass die Filmwelt zwischen Kommerz und Arthouse auseinanderdriftet, ist ihr jedoch bewusst: "Ich erinnere mich, dass sich diese beiden Welten schon einmal viel näher waren. Die besten Filme bei den Oscars waren auch einmal diejenigen, die am besten unterhalten haben." Zuversichtlich bleibt Zhao trotzdem: "Ich glaube, dass wir diese Balance wieder finden können. Ich weiß nur nicht genau, wie." Vielleicht ist sie ja selbst schon die Antwort. (Domink Kamalzadeh, 24.4.2021)