Gipfel in Persien: Churchill, Roosevelt und Stalin trafen einander 1943 in Teheran, um das weitere Vorgehen der Alliierten zu besprechen.

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Im November 1943 kamen die Mächtigen der drei Alliierten im Krieg gegen Nazideutschland persönlich zusammen, um die weitere Strategie zu besprechen. Churchill, Roosevelt und Stalin trafen einander in Teheran. Bei einer Quizshow im Fernsehen könnten wahrscheinlich immer noch viele den Namen der Stadt nennen, in der diese so wichtige Konferenz stattfand.

Doch warum eigentlich in Teheran? Wie kamen die USA, England und die Sowjetunion damals auf den Iran? Die Frage ist interessant, weil man daran auch ermessen kann, wie sich bei einem Thema wie dem Zweiten Weltkrieg notwendigerweise immer Wissen mit Halbwissen und Unwissen mischt. Wer ein bisschen besser eingelesen ist, wird die Bedeutung der Nachschubrouten kennen, die damals vom Persischen Golf über den Kaukasus führten. Und wenn man erst einmal verstanden hat, dass es bei allen taktischen Manövern sehr oft letztendlich um Öl und um Treibstoffe ging, wird man besser ermessen können, in welchem Maß das von deutschen Angriffen ausgelöste Kriegsgeschehen tatsächlich ein Weltkrieg war.

Perspektivenverschiebung

Der Jerusalemer Historiker Dan Diner hat diesem Krieg nun eine neue Darstellung gewidmet, die in vielerlei Hinsicht bei Bekanntem anknüpft und doch auf fast jeder Seite mit unerwarteten Aspekten verblüfft: Ein anderer Krieg. Das jüdische Palästina und der Zweite Weltkrieg (DVA) steht zu Recht in der Kategorie Sachbuch auf der Liste der Nominierten für den Leipziger Buchpreis, der dieses Jahr auf Ende Mai verschoben wurde. Es handelt sich um eine Meisterleistung der Darstellung von Geschichte.

Dan Diner, "Ein anderer Krieg". € 33,– / 352 Seiten. DVA, München 2021
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Palästina ist nicht nur wegen der Shoah ein maßgeblicher Orientierungspunkt für einen Krieg, bei dem man in Europa immer noch zuerst an Auschwitz, Stalingrad und die Normandie denkt. In Palästina entstand wenige Jahre nach 1945 auch der Staat Israel als eine der vielen Folgen der globalen Auseinandersetzung. Und Israel ist bis heute in vielen geopolitischen und geschichtspolitischen Konstellationen ein entscheidender Faktor.

"Zweihundert Tage Furcht"

Im Jahr 1942 war das jüdische Palästina in höchstem Maß nervös. Denn durch die nordafrikanische Wüste rückten deutsche Einheiten unter Rommel immer näher. Für Diner stehen diese "zweihundert Tage Furcht", die mit der deutschen Niederlage im ägyptischen El Alamein endeten, im Schatten der Ereignisse von 1947/48, als sich die Auseinandersetzung zwischen Juden und Palästinensern zuungunsten eines "paritätischen arabisch-jüdischen Gemeinwesens" entschied. Er holt diese Erfahrungen wieder hervor und stellt sie in den größeren Zusammenhang der Southern British World, also der Bemühungen, das britische Imperium von Singapur bis Ägypten zusammenzuhalten.

Dabei ging es immer schon um eine politische Auseinandersetzung mit dem Islam. Bei einem niedergeschlagenen Aufstand in Bagdad kam es dazu, dass "die irakischen Kommunisten mit den Deutschland- und nazifreundlichen arabischen Nationalisten im Zeichen eines gegen Britannien gerichteten Antiimperialismus gemeinsame Sache machten". England sah sich zwischen Jerusalem und Kalkutta mit einer muslimischen Welt konfrontiert, in der Religion und Nationalität ähnlich vermengt waren wie bei den jüdischen Siedlern in Palästina.

Zug ins Universalhistorische

Diner beschreibt das alles aus einer Perspektive, die ins Universalhistorische zielt. 2015 hat er diesen Begriff schon für sich reklamiert mit seinem Buch Das Jahrhundert verstehen – 1917–1989. Eine universalhistorische Deutung. Die Universalgeschichte zielt auf die großen Bögen, versucht diese aber in den Details zu verankern. Eigentlich ist die Zeit von souveränen Draufsichten auf das Ganze der Geschichte ja schon lange vorbei, bei Dan Diner zeigt sich aber, dass diese Aufgabe nach wie vor ihre Berechtigung hat.

In den Jahren 1935 bis 1942, von denen das Buch berichtet, dachte Großbritannien immer auch an Indien und den Irak, wenn es um das Verhältnis zwischen Juden und Arabern in Palästina ging. Nach dem Krieg, als Europa sich mit sehr vielen Displaced Persons konfrontiert sah und die Ausmaße der Vernichtungspolitik gegenüber den Juden erkennbar wurden, kollabierte die "südliche britische Welt". Und der Zionismus, der eigentlich langfristiger orientiert war, bekam einen nationalen Staat, allerdings um einen unerträglichen Preis – die sechs Millionen Toten der Shoah. Für Diner verbinden sich in solchen Ereignissen immer "Telos und Kontingenz". Das heißt: Die Geschichte erreicht ihre Ziele durch Zufälle. Wäre Rommel in der Wüste nicht der Sprit ausgegangen – nicht auszudenken! (Bert Rebhandl, 4.5.2021)