Aus einer anonymen Anzeige gehen brisante Anschuldigungen hervor: Hinter den Kulissen soll bei der Immofinanz ein verdecktes Aktionärssyndikat die Fäden ziehen.
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An der Wiener Börse hat Ronny Pecik als Investor eine lange Historie. Frühere Teilstaatsbetriebe wie Telekom Austria oder VA Tech führte er ab den 2000er-Jahren über seine Beteiligungen neuen Eigentümern zu, dazwischen wirkte er in der Schweiz an Firmendeals mit. Im Februar 2020 stieg der 59-Jährige beim Wiener Immobilienkonzern Immofinanz ein. Überraschend kam, dass Pecik kurz darauf im Chefsessel Platz nahm. Nun betreibt Immofinanz die Übernahme des Mitbewerbers S Immo.

Es geht um viel, beide Unternehmen sind gemeinsam etwa 3,6 Milliarden Euro wert – und notieren im ATX, sind also Aushängeschilder der Wiener Börse. Aber läuft die Sache nach Wunsch? Zunächst hatte die Corona-Krise zu deutlichen Kursverlusten beider Gesellschaften – jeweils mit Pecik als Investor an Bord – geführt. Nun blicken auch Behörden genau auf die Transaktionen, und das Übernahmeziel S Immo spielt auf Zeit.

Staatsanwaltschaft prüft

Vorwürfe gegen Immofinanz-Chef Pecik werden in einer anonymen Anzeige an die WKStA erhoben, die dem STANDARD vorliegt. Darin wird ihm vorgehalten, seit seinem Einstieg mit Immofinanz-Aufsichtsrätin Bettina Breiteneder, die dem Gremium seit Herbst auch vorsteht, ein verborgenes Syndikat zu unterhalten, um Kontrolle über die Gesellschaft zu erlangen. Pecik soll demnach in eigenem Interesse und des Syndikats gehandelt haben und gegen die Interessen anderer Aktionäre, konkret bei der Immofinanz-Kapitalerhöhung im Juli 2020.

Die WKStA bestätigte den Eingang der Anzeige, sie werde auf Vorliegen eines Anfangsverdachts geprüft. Soll heißen, die Behörde hat noch nicht entschieden, ob sie auf Grundlage des Schreibens Ermittlungen aufnehmen wird.

Besteht ein verdecktes Aktionärssyndikat bei der Immofinanz? Nein, sagt Konzernchef Ronny Pecik.
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In einer Stellungnahme bestreitet Pecik, Teil eines verdeckten Immofinanz-Aktionärssyndikats zu sein. Breiteneder betont, dass ihr die entsprechende Anzeige nicht vorliege, ihr aber keine "wie auch immer gearteten verdeckten Aktionärssyndikate" bekannt seien. Beide erklären, abgesehen von ihren Funktionen in der Immofinanz, keine Geschäftsbeziehungen zueinander zu unterhalten. Es gilt die Unschuldsvermutung.

Der Anzeige zufolge soll das Aktionärssyndikat die Kontrolle günstig nach dem Kursrutsch zu Beginn der Covid-Krise bei der Kapitalerhöhung im Juli 2020 ausgebaut haben, bei der das Bezugsrecht, gewissermaßen ein Vorkaufsrecht der Altaktionäre, ausgeschlossen wurde. Insgesamt geht es um eine Kapitalaufstockung um 20 Prozent, die teilweise auch über eine Pflichtwandelanleihe erfolgte.

Ohne Bezugsrecht

Pecik und Breiteneder begründen die Transaktion mit einer Kapitalstärkung und der Absicherung der Beurteilung der Ratingagentur Standard & Poor’s. Die Platzierung sei zum Börsenkurs erfolgt, ergänzt Breiteneder, der Bezugsrechtsausschluss sei zuvor von der Hauptversammlung abgesegnet worden.

Kritik an der Kapitalmaßnahme kam vom inzwischen verstorbenen Kleinaktionärsvertreter Wilhelm Rasinger, damals auch Aufsichtsrat der S Immo. Die Pläne würden "zu einer Unzeit" kommen, da der Börsenkurs derzeit deutlich unter dem inneren Wert der Immofinanz liege, sagte Rasinger im Juni 2020 laut einer Agenturmeldung. Für eine Stärkung der Liquidität sah er keinen Handlungsbedarf.

Seit Mitte März offiziell untersucht wird der Pecik-Einstieg bei der Immofinanz von der Übernahmekommission. Sie prüft, ob Pecik im Februar 2020 beim Kauf des 10,7-prozentigen Aktienpakets, das er mit dem slowakischen Geschäftspartner Peter Korbacka erwarb, sowie folgenden kontrollrelevanten Maßnahmen – es geht wohl um die Kapitalerhöhung – ein Pflichtangebot an andere Aktionäre hätte stellen müssen. Ein solches muss gelegt werden, wenn ein Anteilseigner oder eine Aktionärsgruppe Kontrolle über eine börsennotierte Gesellschaft erlangt. Das Nachprüfungsverfahren bei Immofinanz erfolgt auf Antrag von Petrus Advisers um den Investor Klaus Umek, laut eigenen Angaben mit weniger als fünf Prozent an Immofinanz beteiligt.

Ruhende Stimmrechte

Zwar lässt sich die Übernahmekommission bei laufenden Verfahren nicht ins Blatt schauen, Leiter Thomas Barth skizziert aber mögliche Folgen. Sollte eine Pflichtverletzung festgestellt werden – also damals ein Pflichtangebot nötig gewesen wäre –, so würden die Stimmrechte der betreffenden Aktionäre ruhend gestellt und andere, damalige Aktionäre könnten zivilrechtlich Schadenersatz fordern. Alternativ könne das Pflichtangebot nachgeholt werden.

Länger als erwartet wird das Immofinanz-Kaufangebot an S-Immo-Aktionäre von der Übernahmekommission geprüft und liegt dadurch auf Eis. Kurz zuvor hat Immofinanz Mitte März die Offerte von 18,04 Euro auf 22,25 Euro erhöht. Der Gesellschaft gehören seit 2018 bereits 26,5 Prozent an der S Immo, die von Peciks RPR-Gruppe sowie der Signa-Gruppe um den Immobilieninvestor René Benko stammten. Im Gegenzug ist S Immo mit 13,4 Prozent an Immofinanz beteiligt.

Dadurch ebenfalls auf Eis liegt die von Immofinanz erstrebte Abschaffung des Höchststimmrechts von 15 Prozent, da S Immo die Ende April dafür vorgesehene Hauptversammlung absagte. Diese soll nun erst nach der Annahmefrist des Immofinanz-Angebots stattfinden, damit die Aktionäre auf dieser Basis über das Höchststimmrecht abstimmen können.

Ein Sesselrücken gab es zuletzt im Aktionärskreis der Gesellschaft. Neu an Bord bei der S Immo mit 10,5 Prozent ist die Aggregate-Holding um den Österreicher Günther Walcher, die auch mit 26,6 Prozent am deutschen Immokonzern Adler Group beteiligt ist. Zuvor hatte sein Partner Korbacka im November eine fünfprozentige Beteiligung gemeldet. Die Anteile stammten jeweils von Pecik und dessen Schweizer Partner Norbert Ketterer.

Weiterhin in der Luft hängt der Verkauf eines mehr als zehnprozentigen Immofinanz-Pakets von Pecik und Korbacka an Aggregate, dem der Slowake bis Ende März hätte zustimmen müssen. Ob es dazu kam, sei noch "juristisch unklar" und müsse geprüft werden, heißt es aus der Immofinanz. Erfolgt diese Transaktion, will Pecik auch den Immofinanz-Chefsessel räumen. (Alexander Hahn, 6.5.2021)