Ihren Kampf für ein besseres Deutschland bezahlten sie mit dem Leben: Hans Scholl, Sophie Scholl und Christoph Probst (v. li.).

Wittenstein/akg-images/Picturedesk

Am 22. Februar 1943 wurden die Todesurteile vollstreckt. Flugblatt Nummer sechs, verteilt auf der Münchner Universität, war den Mitgliedern der studentischen Widerstandsgruppe Weiße Rose zum Verhängnis geworden. Nach einem Schnellverfahren, zu dem die nervös reagierende NS-Bürokratie ihren fanatischsten Blutrichter Roland Freisler abgestellt hatte, wurden Christoph Probst, Hans Scholl und seine Schwester Sophie mit dem Fallbeil hingerichtet.

Hitler, über die Flugblattaktionen von Himmler persönlich in Kenntnis gesetzt, könnte sogar selbst den Tötungsbefehl erteilt haben. Am Tag ihrer Festnahme hatte Propagandaminister Joseph Goebbels mit einer Rede im Berliner Sportpalast die Deutschen auf den "totalen Krieg" eingeschworen. Rhetorisch bezogen sich beide, Goebbels und die Widerständler in Flugblatt Nummer sechs, auf die Freiheit des deutschen Volkes – wo der eine den endgültigen Übergang zum Vernichtungskrieg im Osten forderte, wollten die anderen nichts lieber als die Beseitigung der Nazi-Tyrannei.

Wie die Vernehmungsprotokolle zeigen, war Sophie Scholl bis zuletzt in ihrer Haltung unnachgiebig geblieben – das und der Faktor, dass sie mit 21 die Jüngste und die einzige Frau unter den Widerständlern war, sollte bei ihrer posthumen Ikonisierung, die sie als zentrale Figur aus der Gruppe Weiße Rose überlebensgroß hinauswachsen ließ, noch eine Rolle spielen. Dabei ist es eigentlich ihr älterer Bruder Hans, der historisch verbrieft als Kopf der Gruppe und mehrheitlicher Verfasser der Flugblätter gelten muss.

Dennoch ist der 100. Geburtstag von Sophie Scholl, die am 9. Mai 1921 in Forchtenberg geboren wurde und später mit ihrer Familie im süddeutschen Ulm aufwuchs, ein breit rezipiertes Ereignis. Im ganzen deutschen Sprachraum gibt es Gedenkveranstaltungen und Aktionen, zahlreiche Bücher sind rund um das Jubiläum erschienen.

Der Mensch hinter der Ikone

Für den evangelischen Theologen und Historiker der Weißen Rose, Robert M. Zoske, war es Anlass, genauer hinter den Mythos Sophie Scholl zu blicken, Kitsch und Verklärung abzustreifen und dem wahren Menschen nahezukommen. In Sophie Scholl: Es reut mich nichts – Porträt einer Widerständigen verlässt sich der Autor nicht auf die teils geschönten Nachkriegserzählungen u. a. von Inge Scholl, die ihrer Schwester Widerständigkeit von frühesten Tagen an zuschrieb, sondern beleuchtet offen und ehrlich die große Begeisterung, die die Scholl-Geschwister, insbesondere Sophie, anfangs für den Nationalsozialismus hegten.

Die Scholls waren protestantische Bildungsbürger, streng religiös, patriotisch, liberal und konservativ zugleich, auch elitär gesinnt. Vater Robert Scholl war Pazifist und hegte dabei großes Unbehagen gegen jede Form der Massenbewegung, egal ob nun faschistisch, sozialistisch oder demokratisch. Selbst zwar recht früh gegen Hitler eingestellt, hielt er einem antisemitischen Nazi, mit dem er persönlich befreundet war, stets die Stange. Die frühe Vereinnahmung der Scholls in der DDR als Helden des sozialistischen Antifaschismus gehört also eher ins Reich der Propaganda.

Sophie war, wie Robert M. Zoske insbesondere anhand der Briefkorrespondenzen herausarbeitet, vom Fieber der deutschen Romantik erfasst. Belesen und kunstsinnig schon in jungen Jahren, Schule und Universität eher abgeneigt, dafür vor allem: freiheitsliebend, pathetisch naturbegeistert, vom Triumph geistiger über materielle Werte überzeugt. Letzteres hatte, wie aus Briefen hervorgeht, zusammen mit religiös geprägten Schuldgefühlen auch Einfluss auf Sophies Sexualität. Die Liebe zu ihrem Freund Fritz Hartnagel, der als junger Offizier zunächst begeistert in den Krieg zog und in Stalingrad desillusioniert wurde, blieb weitgehend platonisch; die homoerotische Schwärmerei Sophies für ihre Freundin Lisa Remppis wurde letztlich enttäuscht.

Patriotischer Opfergang

All das wäre nicht weiter wichtig, würde es nicht doch auch viel über Sophie Scholls Frauenbild aussagen. Früh als burschikos beschrieben, später als stolz und eigensinnig, verabscheute sie das NS-Frauenideal patriarchal unterworfener Gebärmaschinen. Das entfremdete sie auch dem Bund Deutscher Mädel. Begeistert von der als Jugendbewegung geltenden NSDAP stieg sie dort bis zur Gruppenführerin auf. Eines der 100 Mädchen, die sie anführte, beschrieb Sophie als "sehr fanatisch für den Nationalsozialismus", zugleich auch als "romantisch, idealistisch, kommunistisch".

Viele Belege findet Zoske in seiner Biografie für melancholische, mitunter depressive Stimmungen, die Sophie stets tiefer im Glauben bestärkten. Den einen, die Augen öffnenden Moment plötzlichen Umdenkens gab es nicht – es war ein langsames Hinübergleiten in den Widerstand, da das Morden auf den Schlachtfeldern kein Ende nahm. Den Krieg hatte Scholl tatsächlich von Beginn an abgelehnt.

Als schließlich mit jeder Flugblattaktion das Risiko stieg, hatte Sophie Todesahnungen. Sie kanalisierte dies in immer tieferer religiöser Identifikation mit dem christlichen Märtyrertum, sodass ihr Tod heute laut Zoske "als patriotischer Opfergang für ein besseres Deutschland" zu werten ist.

Auf der letzten Seite ihres Tagebuchs zitierte Sophie Scholl Jesus Christus: "In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden." (Stefan Weiss, 9.5.2021)