Abkürzungen wie "lol" kommen aus der weiblichen Sphäre, meint Matthias Heine. Weitestgehend sei Jugendsprache aber immer noch männlich dominiert.

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Wenn Sie sich in Anbetracht jugendsprachlicher Ausdrücke nur "lost" fühlen, sei Ihnen die Lektüre von Matthias Heines neuem Buch, einer lesenswerten anekdotischen Recherche zur deutschen Jugendsprache der letzten 500 Jahre, ans Herz gelegt. Im Gespräch mit dem Autor über die Merkmale dieser speziellen Gruppensprache, deren Sprecherinnen und Sprecher sie nach innen als Erkennungszeichen und nach außen als Abgrenzung verwenden, zeigt sich, dass vieles, was uns heute neuartig bis befremdlich vorkommt, eigentlich ein alter Hut ist.

STANDARD: Sie gehen in Ihrem Buch ganze 500 Jahre in der deutschen Jugendsprache zurück. Welche Kontinuitäten sind Ihnen aufgefallen?

Heine: Wenig überraschend war die Jugendsprache der letzten Jahrhunderte sehr männlich dominiert und eine Sprache privilegierter Gruppen. Das heißt nicht, dass es keine anderen Spielarten von jugendlicher Sprache gab, zum Beispiel von Handwerksburschen oder Mädchen, aber wir bekommen sie in den Quellen nicht zu fassen. Überliefert ist in den ersten Jahrhunderten hauptsächlich die Sprache der Studenten. Sie haben früh angefangen, sie aufzuzeichnen, Wörterbücher zu schreiben.

STANDARD: Sie schreiben, dass Jugendsprache bis heute relativ männlich dominiert ist und sich das erst jetzt ändert. Inwiefern?

Heine: Zwar gibt es einerseits diese fast schon Comic-haft überzogenen Vorstellungen von Männlichkeit, die durch den Hip-Hop-Jargon vermittelt werden, wie die "Bitches", die gefälligst zur Verfügung zu stehen haben, oder der "Babo", der weiß, wo es langgeht. Auf der anderen Seite ändert sich aber gerade durch gewisse soziale Medien, die wie Tiktok oder Instagram weiblich dominiert sind, etwas. Weiblichen Einfluss kann man aber schon früher beobachten. Abkürzungen wie "lol" oder "rofl" kamen durch das SMS-Schreiben auf, und das war anfangs ein Frauen- und Mädchenphänomen. Es gibt bis heute sicher keine Männer, die ihren besten "Kumpel" als "BFF" bezeichnen würden. Man sagt immer "Das ist meine BFF", weil es eine Prägung aus der weiblichen Sphäre ist.

DER STANDARD beschäftigt sich in einer ressortübergreifenden Serie mit unterschiedlichen Aspekten des Sprachwandels.
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STANDARD: Den Vorwurf, dass die Jugend am Sprachverfall schuld oder mitbeteiligt sei, hört man immer wieder. Wie war dasin der Vergangenheit?

Heine: Ich glaube, dass diese Angst vor dem Sprachverfall durch Jugendsprache relativ neu ist. Die Angst vor dem Sprachverfall an sich ist ja ein Phänomen des 19. und des 20. Jahrhunderts. Da kommt so etwas wie Sprachkritik überhaupt erst auf, man denke an Karl Kraus, den großen Österreicher, der hinter den sprachlichen Verirrungen ideologische Verwirrungen witterte. Früher, zu Zeiten Goethes und Schillers, gab es noch keine Einheitssprache. Es war noch nicht so genau geregelt, was Standardsprache ist. Heinrich Heine hat die studentensprachlichen Ausdrücke der damaligen Zeit teilweise in seiner Literatur benutzt, und niemand hat daran Anstoß genommen. Die Jugend hat man natürlich immer schon für irgendwie gefährlich und verachtenswert gehalten, aber man hat das nicht so sehr an der Sprache festgemacht.

STANDARD: Jugendsprachliche Ausdrücke geben immer auch das Lebensgefühl einer Generation, eines Milieus wieder, wenn wir zum Beispiel an dasJugendwort des Jahres 2020, "lost", denken. Welche Beispiele gibt es aus früheren Zeiten?

Heine: In den Sechzigern erlebt man, wie plötzlich der Drogenjargon vom "Joint" aufwärts in die Jugendsprache eindringt. Und das hat natürlich etwas mit jugendlichem Nonkonformismus zu tun, einer Distanzierung von der Elterngeneration mithilfe des Konsums "psychedelischer" Drogen. In den Siebzigern und Achtzigern erlebt man dann diese neue Innerlichkeit, dieses Gefühlige. "Betroffen" war ein Schlüsselwort.

Der studierte Germanist und Historiker Matthias Heine ist Feuilleton-Redakteur bei der "Welt".
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STANDARD: Sprechen wir über das buchtitelgebende "krass" – ein unkaputtbares Wort!

Heine: "Krass" hat es zweimal in der Jugendsprache gegeben. In der alten Studentensprache des 18. Jahrhunderts bedeutete es "naiv". Man bezeichnet damit Neulinge an der Uni, die noch nicht wussten, wie man sich dem Komment entsprechend, also cool, zu benehmen hat. Die wurden "krasse Füchse" genannt und von den älteren Studenten ausgebeutet. Daraufhin war das Wort negativ besetzt, etwa in Formulierungen wie "krasse Fehlentscheidung". In den 1990ern kommt es in einem positiven Sinn zurück: "krass" im Sinne von "wow, das haut mich um". Ein zweites Beispiel ist "dufte", von dem ich kürzlich erfahren habe, dass es in Österreich als typisches Piefkewort gilt. In Deutschland ist es der Inbegriff des altmodischen Jugendworts. Es kam um 1900 in Mode, und Ende der Sechzigerjahre sagten die Mädchen in Ulrike Meinhofs Film Bambule immer noch "dufte". Jugendsprache ist nicht so schnelllebig, wie man immer denkt.

Matthias Heine im Videointerview.
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STANDARD: Wann war Jugendsprache besonders politisch?

Heine: Zum Beispiel die von Friedrich Ludwig Jahn, dem Turnvater, geschaffene Turnersprache war sehr politisch. Sie war ja gegen den damals herrschenden Zeitgeist, also Metternich, Restauration, gerichtet. Gleichzeitig beginnt da bereits das Völkische zu brodeln, schon lange bevor der Nationalsozialismus kommt. Die Nationalsozialisten haben viele Wörter, die aus diesem Jargon kommen, aufgegriffen, zum Beispiel das Wort "Gau". Aber auch, wenn die Swing-Boys in den 1940er-Jahren Anglizismen benutzen und sich mit Jazz-Termini zuballern, hat das etwas Politisches. Das war ja eine Art innere Emigration und Widerstand gegen den NS-Zeitgeist.

STANDARD: Wie schätzen Sie die heutige Jugendsprache hinsichtlich ihres politischen Potenzials ein?

Heine: Sie wirkt auf den ersten Blick vielleicht unpolitisch, aber wenn Migrantenjargons in die Jugendsprache gelangen, ist das auch etwas eminent Politisches. Oder wenn im eher postadoleszenten Bereich nach neuen Bezeichnungen für non-binäre Identitäten jenseits aller als einengend empfundenen Genderschranken gesucht wird.

STANDARD: Zum Thema Denglisch. Ich habe kürzlich einen etwas jüngeren Kollegen gefragt, ob er weiß, was "eine patente Person" ist. Er meinte, das sei wohl "jemand, der shit done gettet". Er hat also die ganze, vor allem aus der Pop- und Internetkultur bekannte Phrase "to get shit done" in einen deutschen Satz eingebaut. Das war doch früher nicht so!

Heine: Ich würde auch annehmen, dass das zunimmt. Es gibt seit den Nullerjahren einen Schub der Englischkompetenz und der englischsprachigen Lebensweltlichkeit. Zunächst durch Videos, durch Sender wie MTV, aber auch durch heute obligatorische Auslandsaufenthalte. Andererseits hat es die Eindeutschung von englischen Ausdrücken gegeben, seit Anglizismen in der Jugendsprache rezipiert werden. Ein klassisches Beispiel ist das schöne altmodische Jugendwort "hotten" für tanzen. Da nahm man das englische Wort "hot", das in den Vierzigern auch bei Deutschen ein Synonym für Jazz oder Swing war, und machte daraus das deutsche Verb "hotten". Man hat sich schon damals die Sachen zurechtgebastelt. So wie man es ja auch in der alten Studentensprache mit dem Französischen und mit dem Lateinischen gemacht hatte. (INTERVIEW: Amira Ben Saoud, 10.5.2021)