Distance-Learning statt voller Hörsäle: Gerade das Ankommen an den Hochschulen bereitet vielen Schwierigkeiten.

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Die Corona-Pandemie hat im Herbst 2020 zu einem Anstieg der Studienanfänger an den Unis geführt. Im Vergleich zum Wintersemester davor ist die Zahl der Neuzugelassenen um 7,2 Prozent auf rund 48.200 gestiegen, die Zahl der ordentlichen Studierenden wuchs um 1,3 Prozent auf rund 268.300. Auch an den Fachhochschulen und Privatuniversitäten begannen im letzten Semester mehr Studierende, als im Jahr davor.

Seit November wird an den Hochschulen wieder von zu Hause aus studiert. Die Studierenden sind dabei oft auf sich allein gestellt und studieren abseits von Hörsälen, Campus und Studienkollegen. Einsamkeit oder Stress sind die Folgen, so das Ergebnis der Studierendenbefragung von Studo, einer Service-App für Studierende. 420 Studierende von Unis, FHs und Pädagogischen Hochschulen haben an der Umfrage zum Thema "Auswirkungen der Covid-19-Pandemie auf Studierende" teilgenommen. Nicht einmal ein Viertel der Studierenden fühlt sich aktuell mit den Studienkollegen verbunden. "Zu einem Studium gehören auch die Begegnungen auf dem Campus, spontane Diskussionen im Kurs und das Lernen mit der Lerngruppe in der Bibliothek", so die Rückmeldung der Befragten.

Im Distanz-Modus

My Euge Lau (19) studiert seit letztem Herbst Koreanologie im Bachelor an der Universität Wien.
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Ähnlich geht es auch My Euge Lau, sie hat nach der Matura im Juni 2020 ihr Bachelorstudium an der Universität Wien begonnen. "Ich hatte große Erwartungen an das Uni-Leben. Weil ich noch zu Hause wohne, habe ich mich darauf gefreut, rauszukommen und neue Leute kennenzulernen, in die Vorlesungen zu gehen und danach noch etwas zu unternehmen. All das, was man sich so unter dem Studentenleben vorstellt", sagt sie. Ihr Uni-Alltag findet nun aber ausschließlich vor dem Bildschirm statt. Die meiste Zeit sitze sie deshalb allein an ihrem Schreibtisch. Der Einstieg in den neuen Lebensabschnitt falle ihr schwer.

"Es gab zu Beginn des Wintersemesters zwar Online-Einführungsveranstaltungen, zu denen bin ich aber gar nicht gekommen, weil ich am Anfang so verloren war", sagt sie. Ihrer Meinung nach wäre die Universität stärker in der Pflicht gewesen, Studienanfängerinnen und -anfänger abzuholen. Gerade unter den aktuell sehr ungewöhnlichen Umständen. "Ich denke schon, dass der Start nie so einfach ist, aber ich merke auch in meinem Umfeld, dass sich viele aktuell besonders schwertun", sagt sie. Richtig angekommen an der Uni fühle sie sich deshalb auch jetzt, Monate später, nicht.

Seit dem Ende des Lockdowns im Handel hat Lau nun einen Nebenjob. "Das gibt meinem Alltag wieder mehr Struktur, und ich komme aus der Wohnung. Ich habe dort auch die Möglichkeit, meine Kolleginnen und Kollegen besser kennenzulernen", sagt sie. Außerdem könne sie dadurch auch Geld verdienen und für Reisen oder ein Auslandssemester sparen. "Am meisten würde ich mir wünschen, ein Semester oder sogar ein Jahr im Ausland verbringen zu können. Gerade bei einem Sprachstudium wäre das sehr wichtig", sagt sie. In die Zukunft blickt sie dennoch positiv. Bald möchte sie sich nämlich für ein zweites Studium inskribieren und so noch einmal neu starten.

Fehlender Austausch

Rafael Gindl (24) hat im Wintersemester 2020 sein Masterstudium an einer Fachhochschule begonnen.
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Auch Rafael Gindl hat im Herbst ein neues Studium begonnen, er hat sich für ein Masterstudium an einer Fachhochschule entschieden. Doch auch er fühlte sich nie richtig angekommen: "Das Bachelorstudium war für mich die beste Zeit meines Lebens. Meine Erwartungen an das Masterstudium wurden leider überhaupt nicht erfüllt."

Der Umstieg ins Distance-Learning sei, so Gindl, nicht gut gelungen. Dieser wäre zu spät erfolgt, und er selbst habe sich aufgrund der steigenden Fallzahlen oft unwohl gefühlt. "Ich habe meine Bedenken geäußert und wurde damit überhaupt nicht ernst genommen", sagt er. Neben fehlenden Sicherheitsmaßnahmen war Gindl auch unzufrieden mit der Wissensvermittlung: "Ich hatte nicht das Gefühl, dass es wirklich darum geht, etwas zu lernen, sondern nur darum, Inhalte abzuarbeiten."

Wie vielen anderen fehlten auch ihm in der Pandemie die Vernetzung und der Austausch mit Studienkolleginnen und -kollegen. "Nur über Videocalls kommt das Zusammengehörigkeitsgefühl nicht zustande. Im Bachelorstudium habe ich viele gute Freunde gefunden. Partys oder mal etwas trinken zu gehen, das ging jetzt natürlich nicht", sagt er. Doch auch das gehöre für ihn eigentlich zum Studentenleben dazu.

Aufgrund seiner schlechten Erfahrungen hat sich Gindl nun dazu entschieden, das Studium abzubrechen und sich verstärkt auf seinen Nebenjob zu fokussieren. "Ich kann natürlich nicht beurteilen, wie das Studium ohne Pandemie abgelaufen wäre. Aber für mich war es die richtige Entscheidung", sagt er. Im Herbst möchte er ein neues Masterstudium beginnen, an derselben Hochschule, an der er auch seinen Bachelor absolviert hat. Als verloren sieht er die vergangenen Monate dennoch nicht: "Ich konnte mich beruflich weiterentwickeln und habe gemerkt, was mir an einem Studium wirklich wichtig ist." (Anika Dang, 17.5.2021)