Chicago/Denver – Angesichts des zunehmenden Drucks auf die kriselnde Luftfahrtindustrie – Stichwort: CO2-Emissionen – scheint die Wiederbelebung des Überschallflugs fast unerhört. Hinzu kommt, dass sich nach dem Ende der Concorde der Traum vom Überschallfliegen scheinbar erledigt hatte. Das britisch-französische Verkehrsflugzeug Concorde, eines von nur zwei Überschalljets, die kommerziell betrieben wurden, flog von 1969 bis 2003, war lächerlich teuer und ein Umweltdesaster.

Im vergangenen September wurde bekannt, dass das kalifornische Start-up Boom Supersonic mit der US Air Force an der Entwicklung eines Überschallflugzeugs arbeitet, das als Air Force One eingesetzt werden könnte.
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Dennoch arbeitet eine Reihe von Start-ups an Über- und Hyperschallprojekten. Im Oktober letzten Jahres war Boom Supersonic das erste Unternehmen, das ein echtes Demonstrationsflugzeug, die XB1, präsentierte. Das Overture genannte Flugzeug kommt auf eine Fluggeschwindigkeit von Mach 2,2 und soll 2026 kommerziell durchstarten.

Nachfolger der Concorde

"Entweder wir scheitern, oder wir verändern die Welt", meint Gründer und CEO Blake Scholl gegenüber CNN. Seit dem Jet-Zeitalter der 1950er- und 1960er-Jahre habe sich die Reisedauer in Flugzeugen nicht mehr wesentlich beschleunigt – Scholl und sein Team hoffen, das zu ändern.

United Airlines hat bereits Jets für seine Flotte bestellt.
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Overture ist für 65 bis 88 Personen ausgelegt und wird sich auf über 500 hauptsächlich transozeanische Routen konzentrieren, die von der hohen Geschwindigkeit des Flugzeugs profitieren werden – mehr als doppelt so schnell wie die aktueller Verkehrsflugzeuge soll diese sein. Eine Reise von New York nach London würde nur drei Stunden und 15 Minuten dauern, während Los Angeles nach Sydney auf achteinhalb Stunden verkürzt werden könnte.

Deutlich günstiger

Der aktuelle Zeitplan von Boom Supersonic sieht vor, 2023 mit dem Bau des ersten Overture-Flugzeugs zu beginnen. "Wir sehen uns als Nachfolger der Concorde und kümmern uns um die wichtigsten Dinge, nämlich wirtschaftliche und ökologische Nachhaltigkeit", sagt Scholl gegenüber CNN. Sein Ziel ist es, dass die Fluggesellschaften in der Lage sein werden, Tarife zu einem Preis festzulegen, der mit der Business-Class vergleichbar ist – anders als bei der Concorde, die in den 1990er-Jahren rund 12.000 Dollar für einen Hin- und Rückflug verlangte, was heute 20.000 Dollar entspricht.

Weniger Passagiere, kurze Flugzeiten: Die Pandemie könnte zum Comeback des Überschallflugs beitragen.
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Scholl möchte den Überschallflug deutlich günstiger machen: In vier Stunden und für 100 Dollar solle man an jeden Ort der Welt fliegen können. Ein mehr als ambitionierter Plan. Der Vier-Stunden-100-Dollar-Traum sei jedenfalls das langfristige Ziel von Boom, sagt Scholl – zwei oder drei Flugzeuggenerationen später. Ein weiteres ambitioniertes Ziel: Boom möchte ein 100 Prozent kohlenstoffneutrales Flugzeug bauen.

Nachhaltiger Kraftstoff

Dazu Scholl: Für viele sei es schwer, sich von der Vorstellung zu lösen, dass Reisen mit Überschall von Natur aus teuer und verschwenderisch sein müsse. Aber, sagt Scholl, es habe sich seit den 1960ern technologisch sehr viel verändert: Kohlefaser statt Aluminium, Computersimulation statt Windkanal etc. "Wir haben die Art und Weise, wie wir Düsentriebwerke bauen, komplett verändert, sodass diese jetzt leiser und spritsparender sind", erklärt er. Das bedeute, dass die Kosten für den Überschallflug stark gesunken seien, gleichzeitig sei man jetzt in der Lage, die Flieger für alternative Kraftstoffe zu optimieren. Schon jetzt sollen die Jets mit 100 Prozent nachhaltigem Kraftstoff fliegen und viel effizienter als die Concorde sein.

Boom Supersonics Projekt stößt offenbar auf großes Interesse: Eigenen Angaben zufolge gebe es insgesamt schon 70 Bestellungen.
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Die Pandemie spiele Boom in die Hände, meint Scholl. Denn zum einen hätten in den Überschallfliegern weniger Passagiere Platz und zum anderen wären diese auch viel kürzer gemeinsam unterwegs.

Airlines zeigen Interesse

Das Interesse an Booms Projekt ist offenbar groß. Boom Supersonic hat nach eigenen Angaben insgesamt schon 70 Bestellungen im Auftragsbuch. Mit United Airlines stellt nun eine große US-Fluggesellschaft die Weichen für ein Comeback des Überschallflugs. Das Unternehmen teilte unlängst mit, 15 Überschallverkehrsflugzeuge vom Typ Overture bestellt zu haben. Die Vereinbarung enthält zudem eine Kaufoption für 35 weitere Maschinen. Allerdings sind die Jets noch in der Entwicklung. Erste Flüge sind erst ab 2026 geplant, der Transport von Passagieren nicht vor 2029. Finanzielle Details nannten die Unternehmen nicht.

Neben Boom Supersonic entwickelt unter anderem auch der US-Rivale Aerion mit Unterstützung von Airbus einen Geschäftsflieger, der anderthalbfache Schallgeschwindigkeit erreichen soll. (max, APA, dpa, 7.6.2021)