Ars-Electronica-Direktor Gerfried Stocker.

Foto: Ars Electronica - Robert Bauernhansl

Linz – Eine Combo aus Musikern und ihren Avataren, ein Projekt, das Kriegshandlungen mittels Wolken entlarvt, und ein Stück Geschichtsaufarbeitung aus Asien sind die Gewinner der Goldenen Nicas aus dem Prix Ars Electronica. Direktor Gerfried Stocker sah einen "aktivistischen Turn". Die zeitgenössische Tech-Kunst beschäftige sich mit "Klimawandel, Flüchtlingsthematik, Kriegsgeschehen und der Herausforderung der digitalen Transformation in einer für Menschen adäquaten Weise".

Mit 3.158 Einreichungen aus 86 Ländern war der Prix trotz Pandemie starkbesetzt, zumal mit dem "Isao Tomita Special Prize" (5.000 Euro) und den gemeinsam mit dem Österreichischen Außenministerium initiierten "Award for Digital Humanity" (10.000 Euro) zwei neue Auszeichnungen hinzukamen. Erstmals waren auch die "Awards of Distinction" mit 3.000 Euro dotiert. Eine Reaktion auf die "wirklich große Not" der Kunstschaffenden, die oft mangels Budget Projekte nicht finalisieren konnten, sagte Ars-Electronica-Direktor Stocker in einer Pressekonferenz am Montag in Linz.

"Musikwelt außerhalb der westlichen Schublade"

In der biennal vergebenen Kategorie Digital Musics and Sound Art gab es mit 1.150 "so viele Einreichungen wie noch nie", sagte Prix-Organisatorin Emiko Ogawa. Die Goldene Nica ging an "Convergence" des Deutschen Alexander Schubert. Er führt vor Augen, wie fragil die Wirklichkeit ist, die oft unveränderlich scheint. In der 35-Minuten-Performance spielen Menschengemeinsam mit ihren mittels Künstlicher Intelligenz (KI) kreierten Avataren. Die Auszeichnungen gingen an das zufällig gleich heißende Projekt "Convergence" von Douglas McClausland und "A Father's Lullaby" von Rashin Fahandej.

Der erste Isao Tomita Special Prize, den die Familie des japanischen Musikers und Komponisten gestiftet hat, ging an "Apotome" des Briten Khyam Allami und des niederländischen Kreativstudios Counterpoint. Sie würden "die Musikwelt außerhalb der westlichen Schublade entdecken" und Grenzen überschreiten, zitierte Ogawa aus dem Jury-Statement.

Mangel an weiblicher Perspektive in AI

Die Goldene Nica in der Computer Animation erhielt der Chinese Guangli Liufür "When the Sea Sends Forth a Forest". Die Arbeit thematisiert die verlorenen Erinnerungen der chinesischen Bevölkerung Kambodschas in den 1970er-Jahren im Regime der Roten Khmer. Die Auszeichnungen gingen an "AIVA" der Künstlergruppe Veneta Androva, die den Mangel an weiblicher Perspektive in AI kritisiert, und "Opera" von Erick Oh.

In der biennalen Kategorie Artificial Intelligence and Life Art reichen Künstlerinnen und Künstler aus etlichen Richtungen, von Transgenic- über Bio- bis Software- und Environmental-Art ein. Die Goldene Nica ging an "Cloud Studies" desinternationalen Kollektivs Forensic Architecture. Sie analysieren unterschiedliche Arten von toxischen Wolken und dokumentieren so oft geheim gehaltene Kriegshandlungen bzw. Bombenabschüsse aus der Luft. Ihre Untersuchung zur Herbizid-Kriegsführung in Gaza wurde in einem offiziellen Bericht der UN zitiert.

Transgender-Personen im Weltraum

Ausgezeichnet wurde auch "The Museum of Edible Earth" von Masharu über die alte Praxis des Verzehrens von Erde und Adriana Knoufs "TX-1 tranxxeno lab", das die biochemischen Bedürfnisse von Transgender-Personen im Weltraum untersucht. In der Jugendkategorie "U19" ging der Hauptpreis an "re-wire" von Felix Senk, Emil Steixner und Max-Jakob Beer von der Höheren Graphischen Bundes-Lehr- und Versuchsanstalt in Wien, die eine "nachhaltige" Musikmaschine aus Elektroschrott bauten, die 16 verschiedene Loopsabspielen kann .In der Altersgruppe 14 bis 19 wurden auch viele dystopische Beiträge eingereicht, der Klimawandel war großes Thema.

Den erstmals ausgeschriebenen Award for Digital Humanity gewann "Branch Magazin: A Sustainable and Just Internet for All" von Climate Action Tech. Das Magazin zeichne sich aus durch die großartige Verbindung von Nachhaltigkeit und technisch-industrieller Welt, um die Auswirkungen des Klimawandels abzuschwächen, so Stocker. Nach der Nica für die Hongkong-Protestbewegung im Vorjahr und damit verbundenen Reaktionen habe man im Kontakt zu chinesischen Kultureinrichtungen und Künstlern zur Normalität zurückgefunden, so Stocker, und sei wieder in Gesprächen über künftige Ausstellungen. (APA, 14.6.2021)