Im Gastkommentar sprechen sich Helena Katzenberger und Lukas Bayer für eine COP26 vor Ort in Glasgow aus. Die beiden engagieren sich in der Organisation CliMates Austria und nehmen derzeit an den Zwischenverhandlungen online teil.

Die jungen Aktivistinnen und Aktivisten in Glasgow haben eine Botschafter an die Spitzenpolitik: Netto-Null-Emissionen von Kohlendioxid bis 2050.
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Besser als nichts, aber mehr auch nicht. Das beschreibt die derzeit stattfindenden Zwischenverhandlungen der Vereinten Nationen, die die Weichen für die große Klimakonferenz – die COP26 im November in Glasgow – stellen sollen, ganz gut. Normalerweise würden sich gerade Staatsdelegierte, NGOs, Lobbygruppen und andere externe Beobachterinnen und Beobachter in Bonn treffen und bis in die Nacht hinein verhandeln. Aufgrund der Covid-Pandemie trifft man sich dieses Jahr virtuell. Bei den jährlichen Zwischenverhandlungen wird zwar nichts fixiert, doch was hier nicht klappt, klappt in Glasgow nimmermehr.

18 Monate sind seit der letzten Klimakonferenz vergangen. Viele sind ungeduldig und fürchten weitere Verzögerungen. Unterschiedliche Zeitzonen und so manche instabile Internetverbindung erschweren die Verhandlungen. Es trifft wieder einmal jene am härtesten, die ohnehin schon benachteiligt sind. Andererseits waren noch nie zuvor bei einer Zwischenverhandlung derart viele Beobachterinnen und Beobachter zugelassen. Ihre Statements werden manchmal sogar mit denen der Staaten durchmischt, damit möglichst alle zu Wort kommen. Man spürt zwar, dass sich die Organisatorinnen und Organisatoren sehr um Inklusion und Fairness bemühen. Aber das kann die fehlenden informellen Gespräche nicht kompensieren.

Austausch fehlt

Wer denkt, dass eine zweiminütige Rede einer betroffenen Person aus dem Amazonasgebiet auch nur irgendetwas gegen die Regenwaldrodungen ausrichten könne, der war noch nie auf einer Klimakonferenz. Wer nicht zu den Mächtigsten zählt, hat nur wenige Chancen auf Einflussnahme. Eine Möglichkeit sind bilaterale Treffen. Im Falle der Regenwaldrodung könnte man beispielsweise auf ein Treffen mit brasilianischen Staatsdelegierten drängen. Solche Treffen sind auch derzeit möglich, doch virtuell bekommt man viel seltener eine Zusage.

Am Ende ist ausschlaggebend, was zwischen den Verhandlungen passiert. Natürlich ist es nicht die feine englische Art, hochrangige Staatsbeamte auf dem Weg zur Toilette anzusprechen, aber leider oft die einzige Möglichkeit, wirklich etwas zu bewirken.

Konferenz vor Ort

Die Klimakrise betrifft uns alle, aber sie trifft nicht alle gleich. Menschen aus dem globalen Süden haben mit weit drastischeren Auswirkungen zu kämpfen als wir. Aber einige wenige entscheiden, was dagegen unternommen wird. Damit die nächste Klimakonferenz im November nicht zur elitären Pseudoshow wird, muss mit allen Mitteln sichergestellt werden, dass sie vor Ort stattfinden kann. Nur so werden auch jene Stimmen gehört, die sonst untergehen würden – im wahrsten Sinne des Wortes.

Alles steht und fällt mit dem Corona-Management. In Großbritannien grassiert gerade die noch ansteckendere Delta-Variante, und die Fallzahlen steigen wieder. Die britische Regierung hat vor kurzem zwar angekündigt, man werde allen Staatsdelegierten Impfstoffe zur Verfügung stellen, doch noch ist unklar, ob selbiges auch für externe Beobachterinnen und Beobachter gilt. Wenn nicht, würde dies erneut vulnerable Gruppen benachteiligen. Eine faire und inklusive Klimakonferenz gibt es nur dann, wenn allen akkreditierten Personen rechtzeitig eine Impfung ermöglicht wird. Die Kosten dafür liegen im sechsstelligen Bereich, das ist durchaus tragbar.

Welches Szenario?

Außerdem muss ehestmöglich entschieden werden, in welchem Format die COP26 stattfinden wird. Es braucht Klarheit darüber, welches Szenario wie viele Teilnehmende vorsieht – insbesondere die Zahl an zugelassenen Beobachterinnen und Beobachtern sowie Medien. Wichtig ist auch ein ausgeklügeltes Sicherheitskonzept mit genügend Testkapazitäten, Quarantäneoptionen und einem fairen Impfplan. Je länger eine endgültige Entscheidung auf sich warten lässt, umso größer ist die Gefahr, dass der inklusive Charakter der kommenden Verhandlungen stark in Mitleidenschaft gezogen wird. Insbesondere indigene Gruppen und Teilnehmende aus dem globalen Süden benötigen genügend Vorbereitungszeit, um Visa zu beantragen und andere Formalitäten zu erledigen. Wird zu spät klar, welches Szenario letztendlich eintritt, kann es sein, dass gerade solche vulnerablen Gruppen ausgeschlossen werden.

Die Zwischenverhandlungen gehen noch bis zum 17. Juni im Online-Format über die Bühne. Es ist ein bisschen wie ein Zoom-Date: Man sieht und hört sich zwar, aber die zwischenmenschlichen Interaktionen und der emotionale Austausch gehen während der Datenübertragung komplett verloren. Trotzdem ist es schön zu sehen, dass sich nach mehr als einem Jahr endlich wieder etwas regt. Das Warten hat lange genug gedauert. (Helena Katzenberger, Lukas Bayer, 16.6.2021)