Unter dem Titel "Der Schneeleopard" finden sich gleich zwei aktuelle Titel: ein Sachbuch und der Bestseller von Sylvain Tesson.

Foto: PIcturedesk.com / dpa / D. u. M. Sheldon

Alles hängt mit allem zusammen. Wie subtil die Myriaden irdischer Spezies zusammenhängen, davon bekommt man einen Eindruck, schlägt man Adam Nicolsons The Sea is Not Made of Water auf und beginnt mit dem ersten Kapitel.

Auf das, logischerweise, eines über den vorsokratischen Philosophen Heraklit folgt, kein Wunder bei einem Autor wie dem hochgebildeten Engländer, 5th Baron Carnock und Enkel Vita Sackville-Wests, der 2014 ein hinreißendes Buch über Homer schrieb.

Er kann faszinierend über etwas so Abseitiges schreiben wie sein Projekt, auf dem Land seiner Frau in Argyllshire, Schottland, "rock pools" anzulegen. Und nimmt dabei mit auf eine große Reise durch Fauna und Flora mit großartigen Porträts von Anemonen und Krebsen und Wirbellosen, von dort weiter zum Homo sapiens, zu dessen Kampf, Überleben, seinen Destruktionen.

Adam Nicolson, "The Sea is not made of water. Life between the Tides". € 29,30 / 384 Seiten. William Collins, 2021
Cover: William Collins

In geradezu lyrischer, melodiös ausbalancierter Sprache schreibt der beneidenswert neugierige Nicolson. "Leben ist wie die Tide", liest man da, "reich an Verlust und Gewinn, wachsend, vergehend." Vielleicht einer der schönsten englischsprachigen Bücher über die Natur, die heuer erschienen sind.

Abtauchen und wegfliegen

Viel tiefer als Nicolson geht die deutsche Meeresbiologin Julia Schnetzer. Sie taucht ganz ab. In die lichtlosen Tiefen der Ozeane. Nicht nur zu den im Titel aufscheinenden fluoreszierenden Haien, auch zu Schildkröten, zu Plastikmüll, der in 10.000 Meter Tiefe sich findet, auch zu ausgefallenen Kreaturen wie Wasserläufern, aber auch zu Viren.

Kurios wie verwunderlich, und von Schnetzer immer wieder angeführt: Der Mars ist aktuell weitaus gründlicher erforscht und kartiert als die Ozeane und deren Böden. Das Ganze wird, die 36-jährige gebürtige Münchnerin hat sich auch einen Namen als Science-Slammerin gemacht, mit leichter Hand präsentiert, ist nur gelegentlich, wenn sie umstandslos das Publikum zu duzen sich anschickt, zu anbiedernd.

Julia Schnetzer, "Wenn Haie leuchten. Eine Reise in die geheimnisvolle Welt der Meeresforschung". 18,50 Euro / 288 Seiten. Hanserblau, Berlin 2021
Cover: Hanser Verlag

Dafür ist es kenntnisreich und tatsächlich eine mehr als reizvolle, niedrigschwellige Einführung in Meeresbiologie und Ozeanwissenschaft. Nicht wenigen kolportierten Halb- bis Viertelwahrheiten und kursierenden Gerüchten entzieht sie die Grundlage, etwa was Haie, insbesondere den Weißen Hai, angeht.

Und schildert in diesem Zuge das erst seit kürzerem bekannte Phänomen des "White Shark Café" im Pazifik zwischen Kalifornien und Hawaii, alljährlicher Treffpunkt der keineswegs orthodox küstennahen Haie, und wie sie dort adaptiv ihr Fressverhalten verändern, wobei Hai-Balzverhalten, ganz zu schweigen vom Hai-Sex, noch immer im kaum erhellten Dunkel liegt. Selbst im Sommer, wenn viele am Strand noch immer den Kurzschluss Weißer Hai ("You’re gonna need a bigger boat") Steven-Spielberg-Film ziehen.

Schöner Sommer

Schwalbe und Sommer, der Kurzschluss ist sprichwörtlich. Aber was macht die Schwalbe eigentlich? Wer und was ist sie? Der Engländer Stephen Moss, Jahrgang 1960, aus der Grafschaft Somerset, der preisgekrönte Naturdokumentationen fürs Fernsehen drehte und an einer Hochschule in Bath lehrt, nähert sich ihr mit empathischer Verve. Man könnte sich kaum einen sympathischeren Schwalben-Begleiter und -Erklärer wünschen.

Stephen Moss, "Über die Schwalbe". Übersetzt von Marion Herbert und Annika Klapper. 23,70 Euro / 224 Seiten. Mit 37 Abbildungen. DuMont-Verlag, Köln 2021
Cover: Dumont Verlag

Er beginnt im Kleinen, im eigenen Garten, dem größeren Umkreis, erweitert den Radius sukzessive bis zur Isle of Wight und reist dann den Langziehern, über die man bei ihm sehr viel, von Biologie über Ökologie bis Geografie, erfährt, bis ins östliche Südafrika nach.

Fröhliche, ausnehmend leicht erzählte Wissenschaft ist das, unterhaltsam, dabei seriös. Höchstlöblich auch: Der schön gestaltete, fest gebundene Band ist mit anmutigen farbigen Schwalbendarstellungen aus dem 19. Jahrhundert ausgestattet. Dieses Schwalbenbuch macht tatsächlich einen schönen Sommer.

Allegorische Reportage

Ebenso flatterhaft, noch mysteriöser ist der Schneeleopard. Über den nun gleichzeitig zwei Bücher erschienen sind, jenes aus 1978 des Amerikaners Peter Matthiessen, für das er in den USA innerhalb eines Jahres den renommierten National Book Award zwei Mal verliehen bekam, einmal in der Kategorie "Contemporary Thought", das zweite Mal in der Rubrik "General Non-Fiction", und das um 40 Jahre jüngere aus der Feder Sylvain Tessons.

Sylvain Tesson, "Der Schneeleopard". Übersetzt von Nicola Denis. 20,60 Euro / 192 Seiten. Rowohlt, 2021
Cover: Rowohlt

Dieser, mittlerweile Ende 40, ist einer der Reisenden der französischen Gegenwartsliteratur und fleißiger Publizist. 2019 brach er mit dem Tierfotografen Vincent Munier in den Osten Tibets auf, um Schneeleoparden zu sichten. Das gelang auch. Überraschend tauchten zwei Exemplare auf. Munier fotografierte gebannt, Tesson schaute. Und bewunderte. Doch dieses rare Tier interessiert ihn im Grunde nicht. Was er vielmehr vorlegt, ist eine allegorische Reportage – eine von Buddhismus und Daoismus unterfütterte Reise in die Stille, ins Warten, ins Leben-vertropfen-Lassen, in Dauer und Zeit und Harren und Verwandeln.

Spirituelles Ereignis

In sehr französischer Manier ist Tesson hochpathetisch. Der Weltwanderer, der 2012 von seinem Hausdach abstürzte, acht Monate im Spital zubrachte und seither darauf achten muss, nichts mehr am Rücken zu tragen, versucht nahezu ohne Unterlass, Aphorismus auf Bonmot auf Gedankensplitter folgen zu lassen. Und entwertet Tier und Landschaft dadurch. Liest man langsam und genau, was er formuliert, entpuppt sich nahezu alles aus seiner Feder als oberflächlich und als schein-philosophisch. Tesson, der Richard David Precht der Naturschriftstellerei, betont, nicht eitel zu sein – und ist dadurch ganz besonders enorm exaltiert eitel.

Dass so etwas im Pariser Literaturbetrieb gut ankommt, belegt die Auszeichnung mit dem Prix Renaudot. An einigen Stellen erwähnt er den amerikanischen Autor Peter Matthiessen und dessen Buch über Schneeleoparden, das laut ihm merkwürdig sei, weil es darin gar nicht um das Tier gehe, sondern um Matthiessen selber.

Peter Matthiessen, "Der Schneeleopard". Übersetzt von Maria Csollány und Stephan Schuhmacher. Überarbeitet und mit einem Nachwort von Bernhard Malkmus. 39,10 Euro / 352 S. Matthes & Seitz 2021
Cover: Matthes & Seitz-Verlag

Jetzt liegt, ein Zufall der Natur, Matthiessens Der Schneeleopard nach 40 Jahren neu vor, in durchgesehener deutscher Übersetzung und mit einem informativen Nachwort. Und dieses Buch erweist sich als sprachliches wie als spirituelles Ereignis. Denn tatsächlich war Matthiessen (1927–2014), der im Oktober 1973 mit einem Wildbiologen in unwegsamem Gelände im hohen, bitterkalten westlichen Tibet unterwegs war, der rare Schneeleopard nur ein Aufhänger. Aber was für einer!

Leben, Lebenssinn und Sinnsuche

In beeindruckend biegsamer, ungemein kraftvoller, dabei kristalliner Prosa denkt im Gewand eines Abenteuerberichts physisch wie psychisch extrem fordernder Wochen im Himalaja Matthiessen, damals seit einem Jahr Witwer, über sich, das Leben, Lebenssinn und Lebenssinnsuche nach, über die sichtbare Welt und spirituelle Welten, über das große Ganze und das scheinbar ganz Kleine. Ein wahrhaft beeindruckendes Buch, ein großartiger Autor, von dessen umfangreichem Werk auf Deutsch beschämenderweise derzeit nur dieser bibliophil gestaltete schöne Band vorliegt.

Unübersehbar dagegen sind Elefanten, denen die englische Verhaltensbiologin Hannah Mumby, die seit dem Jahr 2019 in Hongkong lehrt, ein empathisches kluges Porträt widmet. Das Rüsseltier: nicht Dickhäuter, sondern monumentales Sinnbild für Würde, Weisheit, Intelligenz. Nahezu alles erfährt man hier lebendig, fast zu anthropomorphisierend, zu menschennah, über diese Tiere, als Gottheiten verehrt, ob des Elfenbeins abgeschlachtet.

Hannah Mumby, "Elefanten. Das Leben der Riesen zwischen Geburt, Familie und Tod". Übersetzt von H. Lutosch. 26,80 Euro / 304 Seiten. Hanser 2021
Cover: Hanser Verlag

Gestöber und Tsunami

Alle Genregrenzen ignoriert der Engländer Michael McCarthy, Jahrgang 1947, in Faltergestöber, auf Englisch im Jahr 2015 erschienen. Sein halbes Leben reiste der Umweltjournalist um die Welt. Doch nicht nur darüber, über Natur, landschaftliche Schönheit, Raubbau, Umweltzerstörung, Artensterben, schreibt er engagiert, erzürnt und ganz zu Recht erbost über menschliche Dumm- und Planungstumbheit.

Vielmehr ist sein Essay ein einziges Gestöber. Natürlich kommen Schmetterlinge vor, schließlich war früher mehr Insektengeschwirre.

Feier und Verlustanzeige

Aber McCarthy kreist ebenfalls um sich, seine Familie, seine Mutter, die, als er sieben, neun und elf Jahre war, psychische Zusammenbrüche erlitt, hospitalisiert wurde, genas, und darum, was das für ihn bedeutete und für seinen Bruder, der dies seelisch zu verarbeiten kaum in der Lage war.

Michael McCarthy, "Faltergestöber. Vom Glück, das die Natur uns schenkt". Übersetzt von K. Nölle und S. Schulte. 25,70 Euro / 240 Seiten. Matthes & Seitz 2021
Cover: Matthes & Seitz-Verlag

Sein Natur-Schmetterling-Buch ist allerdings nicht nur eine Verlustanzeige, es ist auch eine wunderbare Feier. "Wer in einen Wald geht", so McCarthys Landsmann Roger Deakin, "betritt eine andere Welt, in der er sich verwandelt."

Der im Jahr 2006 verstorbene Brite fügte literarhistorisch sehr listig hinzu: "Es ist kein Zufall, dass in Shakespeares Komödien Menschen in den Wald gehen, um zu wachsen, zu lernen und sich zu verändern." Nicht zufällig denkt man zusehends an Die Heilkraft der Natur, den britischen Nature Writing-Klassiker Richard Mabeys.

Heute akuter als je zuvor

Dass McCarthy final eine Art Metaphysik der Natur propagiert, will dann nicht so recht zu den anregend berührenden Seiten passen. "Lassen Sie uns", schreibt er ganz zum Schluss, "da das 21. Jahrhundert wie ein Tsunami über die Natur hereinbricht, mit seiner ganzen Zerstörungswut und gedankenlosen, gnadenlosen Vernichtung, diese neue Liebe zum Ausdruck bringen. Lassen Sie uns von ihr sprechen und sie lauthals verkünden." Was heute angebrachter, passender und akuter ist als noch vor sechs Jahren. (Alexander Kluy, ALBUM, 15.8.2021)