Das erste Auto auf Kredit – für einen jungen Oberösterreicher war es der Einstieg in eine unheilvolle Laufbahn mit stetig steigenden Schulden.

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"Ich habe ziemlich auf die Nase fallen müssen, damit ich endlich aufwache." Im Rückblick gibt sich Albert, der eigentlich anders heißt, geläutert. Das Problem des der 29-jährigen Linzers: Er ist hoffnungslos überschuldet. Wie hoch seine Verbindlichkeiten genau sind, weiß er gar nicht auswendig. Seine Betreuerin von der Schuldnerhilfe Oberösterreich, die das Gespräch mit Albert vermittelte, springt ein: etwa 66.000 Euro waren es Ende des Vorjahres.

"Ich will niemandem die Schuld geben", sagt Albert und schildert seine Laufbahn. Es zeigt sich: Es geht um stets schnelle Glücksgefühle, die er sucht – ein Muster, das sich durch Alberts bisheriges Leben zieht. Mit sechs Monaten migrierte er mit seinen Eltern in die oberösterreichische Landeshauptstadt. Seine Mutter hatte einen guten Umgang mit Geld, der Vater weniger – er feierte und spielte Poker, was Albert nicht verborgen blieb. Als Jugendlicher kam die Scheidung der Eltern. "Für mich war das sehr schlimm."

Der Eintritt ins Erwachsenenalter mit 19 oder 20 Jahren begann mit der ersten eigenen Wohnung und einem Kredit für ein Auto über 11.000 Euro. Schon diesen sollte Albert nie gänzlich tilgen können, da sich die Fixkosten in seinem Leben läpperten. Er habe immer alles zurückzahlen wollen, behauptet er, wenngleich er nur mit großer Mühe über die Runden kam. Loch auf, Loch zu, der Konsum erfolgte oft auf Kredit, Albert geriet mitten in die Schuldenspirale. "Ein Teil von mir hat gewusst, es ist falsch", sagt er rückblickend.

Kein Einzelfall

Albert ist kein Einzelfall, schon Jugendliche oder junge Erwachsene tappen immer häufiger in die Schuldenfalle. Eine Entwicklung, die durch die Pandemie begünstigt wurde, wie aus dem Schuldenreport 2021 der Dachgesellschaft ASB Schuldnerberatungen hervorgeht. Denn diese Altersgruppe ist besonders stark von der Jobmisere der Corona-Krise betroffen, wobei Arbeitslosigkeit generell für alle Altersklassen einer der Hauptgründe für Überschuldung ist. Zudem sind junge Menschen heute auch mehr finanziellen Versuchungen ausgeliefert als vorangegangene Generationen im selben Alter.

Eine Fülle an Fixkosten ist dazugekommen, etwa für das Handy – oft der teure Vertrag mit vermeintlichem Gratishandy der Oberklasse. Dazu kommen Streamingdienste sowie der Vertrag mit dem Fitnessstudio und die in den vergangenen Jahren enorm gestiegenen Wohnkosten. Auch der Trend zu elektronischen Bezahlmethoden spielt eine Rolle, da sie Geld ausgeben psychologisch erleichtern, da der Trennungsschmerz bei Bargeld spürbar größer ist. Und wenn das Geld nicht reicht, wird das Konto überzogen, also der teuerste aller Kredite in Anspruch genommen. Falls auch diese Geldquelle versiegt, kann man heutzutage fast alles über Ratenzahlungen, also einen Konsumkredit, erwerben.

Soziale Medien

Auch diverse soziale Medien erhöhen den Konsumdruck für Jugendliche, etwa durch Influencer, die im Endeffekt meist etwas bewerben würden. "Junge Menschen suchen Ideale, bei Social Media werden sie bedient. Wenn man dazugehören will, muss man mitkonsumieren", sagt Ferdinand Herndler, Geschäftsführer der Schuldnerhilfe Oberösterreich. "Das wird nicht mehr aufhören, damit muss man umgehen lernen", sagt er über diese Entwicklungen. Jugendliche müssten Verzicht und Geduld lernen, da nicht alles Erreichbare auch sofort leistbar sei.

Herndler will auch mit der Mär aufräumen, dass Sparen nichts mehr bringt, da es keine Zinsen mehr abwirft. "Das Gegenteil ist der Fall", betont der Experte. Wenn etwa die Waschmaschine kaputt werde und man nichts auf der hohen Kante habe, müsse man auf einen Konsumkredit zurückgreifen, bei dem über die Laufzeit sogar sehr hohe Zinsen fällig werden.

Sparen bringt zwar keine Zinsen mehr, kein Erspartes zu haben kostet aber Zinsen – etwa wenn der Ersatz für die kaputte Waschmaschine mit Ratenzahlung beglichen werden muss.
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In der Schuldnerhilfe Oberösterreich hat man Herndler zufolge früh die zunehmende Gefährdung von Jugendlichen erkannt und steuert seit Jahren gezielt gemeinsam mit dem Land mit Bildungsangeboten dagegen. Workshops, Aktionstage oder der Finanzführerschein, damit erreiche man pro Jahr etwa 8.000 bis 9.000 Jugendliche, mit dem Polytechnikum als Hauptzielgruppe. Bemühungen, die langsam Früchte tragen: In Oberösterreich ist der Anteil der unter 30-Jährigen bei den Schuldnerberatungen zwischen 2008 und 2018 gegen den Trend von 37 auf 32 Prozent zurückgegangen. Finanzbildung ist also ein Schlüssel zum Erfolg.

Auch bei dem 29-jährigen Albert hapert es am Know-how über Finanzen. Auf die Frage, wie hoch die Zinsen für seine Kredite waren, antwortet er: "Darauf habe ich gar nicht geschaut." Auch einen vorübergehenden, finanziellen Höhenflug hat er nicht zur Tilgung der Altlasten genutzt. Als Mittzwanziger wechselte der gelernte Einrichtungsberater in den Autohandel, wo er laut eigenen Angaben zwischen 3.000 und 5.000 Euro netto pro Monat verdiente. Statt Schulden zurückzuzahlen, habe er sich daran gewöhnt, stets viel Geld zu besitzen. "Ich habe mich selbst ausgetrickst", sagt Albert.

Nach zwei Jahren ging es wieder abwärts. Eine Verlobung zerbrach, und Albert wurde gekündigt, der lukrative Job war wieder weg. "Eine Katastrophe", sagt der 29-Jährige rückblickend. Geld habe er sich damals im Umfeld ausgeborgt, weil er keine Kredite mehr bekommen habe – bis er im Internet auf Online-Kredite stieß. "Nach zehn Minuten habe ich 3.000 Euro bekommen als Arbeitsloser", sagt Albert, "aber das haben die auch gewusst."

Lockere Kreditvergabe

Albert empfindet eine derart lockere Kreditvergabe ohne Sicherheiten rückblickend als "sehr pervers". "Das ist ja kein Spaß, Kredite muss man zurückzahlen." Eine etwas einseitige Sicht – auch wenn es sehr leicht gemacht wird, auf diese Weise an Geld zu kommen, liegt auch beim Kreditnehmer die Verantwortung, nur jene Ausleihungen vorzunehmen, die man voraussichtlich wieder tilgen kann.

Albert konnte es nicht. Bei ihm kommt ein erschwerender Umstand hinzu: Er ist spielsüchtig und hat viel Geld an Automaten gelassen. Knapp fünf Prozent der Kunden Schuldnerhilfe teilen sein Schicksal – ein deutlich höherer Anteil als in der Gesamtbevölkerung, wo es etwa ein Prozent ist. "Das sind besonders schwere Fälle, weil man zuerst die Spielsucht angehen muss", betont Schuldnerberater Herndler.

In der Gesamtbevölkerung ist rund ein Prozent spielsüchtig, unter überschuldeten Personen sind es etwa fünfmal so viele.
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Dies hat Albert laut eigener Aussage getan und sich bei allen legalen Glücksspielanbietern sperren lassen. Als geheilt sieht er sich nicht, aber derzeit habe er das Problem im Griff. Der Grund für sein "Aufwachen", wie er es nennt: seine heute zweieinhalbjährige Tochter, die er mit einer neuen Partnerin großzieht. "Ich musste Verantwortung übernehmen für das Kind", sagt Albert. Er versuchte es mit diversen Jobs, aber: "Bist du so weit drinnen, kommst du nicht mehr raus."

Eine Tatsache, wie auch Herndler weiß: Sind einmal Betreibungen im Spiel, setzt sich eine Spirale aus Zinsen und Kosten in Gang, was die Schulden etwa alle vier Jahre verdoppelt. Die natürliche Reaktion der meisten Betroffenen: Den Kopf in den Sand stecken. "Das geht immer schief", betont Herndler. Zumal es wesentlich einfacher sei, zu Lösungen zu kommen, wenn man die Probleme früh angeht.

Mit Altlasten aufräumen

Auch Albert will mit seinen finanziellen Altlasten aufräumen. Seit 2019 ist er Kunde der Schuldnerhilfe und strebt einen Privatkonkurs an. Er hofft, dass die Gläubiger seinen Zahlungsplan auf fünf Jahre akzeptieren. Das ist ihm lieber als ein Abschöpfungsverfahren, das nach neuem Recht für redliche Schuldner auch nur drei statt fünf Jahre dauern kann. "Ich schaffe es", sagt Albert über die kargen Jahre eines Privatkonkurses und ergänzt: "Wenn ich es rückgängig machen könnte, würde ich nicht einmal einen Kaugummi auf Kredit kaufen." (Alexander Hahn, 21.8.2021)