Mehr Kapitalmarkt löst die Klimakrise nicht, sagt der Ökonom Kurt Bayer. Dazu braucht es schon die richtige Politik und öffentliche Gelder.

Sich starkmachen für das Klima, das kann man auch an den Kapitalmärkten. Ob das reicht, ist umstritten.
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Eine hochrangige Runde, bestehend aus Alpbach-Präsident Andreas Treichl, Axel Weber, dem Chef der schweizerischen UBS, EU-Finanzkommissarin Mairead McGuinness, Breugel-Thinktank-Vizechefin Maria Demertzis und Thomas Wieser, dem früheren Eurogruppengeschäftsführer, plädiert – DER STANDARD berichtete – dafür, die Klimakrise in Europa durch eine Verstärkung der Kapitalmarktfinanzierungen zu bekämpfen.

Argumentiert wird dies mit der Notwendigkeit, auch privates Kapital für die notwendigen Investitionen zu gewinnen. Angeführt wird der alte Hut, dass Unternehmensfinanzierung in Europa nur zu 25 Prozent über den Kapitalmarkt, aber 75 Prozent über Banken laufe, während diese Relation in den USA in etwa umgekehrt ist. Suggeriert wird, dass Letztere besser, Erstere schlechter, weil weniger dynamisch finanziert wären. Der Brexit hätte zusätzlich den größten europäischen Risikokapitalmarkt, London, aus der EU verabschiedet, die Schweiz als zweitgrößter Risikokapitalgeber sei Nicht-EU-Mitglied.

Sichere Gewinne

Die vorgeschlagene Lösung daher: In der EU müsse endlich die "Kapitalmarktunion", also der gemeinsame Kapitalmarkt, vollendet werden, eine Steigerung der Kapitalmarktfinanzierung auf 35 Prozent würde das notwendige Investitionskapital sicherstellen. Vor allem Start-up-Finanzierung in junge, ideenreiche Unternehmen würde einen wichtigen Beitrag leisten.

Die Europäerinnen und Europäer, vor allem die Jungen, müssten endlich ihr Sparkapital nicht in Sparbücher – die keine Zinsen abwerfen – und Lebensversicherungen investieren, sondern "mehr Risiko" nehmen und ihre Ersparnisse in den Kapitalmarkt investieren.

"Wir brauchen eine Kapitalmarktunion, um in jene Zukunft zu gelangen, von der alle sprechen."
EU-Finanzkommissarin Mairead McGuinness

Erstaunlich dabei die Aussage von McGuinness: "Unternehmen und Investoren wollen Sicherheit." Im Klartext: Die kleinen Sparer müssen mehr (alles?) Risiko tragen, Unternehmen und Großanleger brauchen Sicherheit. Was für eine verkehrte Welt! Üblicherweise spricht die Ökonomie vom Unternehmertum als Risikonehmer, von Investitionen als risikoreich; von Gewinn als gerechte Belohnung für Risikotragung. Und jetzt: Die Konsumenten, die Jungen, die Sparerinnen und Sparer sollen das Risiko tragen, damit Unternehmen und "Investoren" – gemeint sind Financiers und nicht die eigentlichen Unternehmer, die in reale Anlagen, Maschinen und Gebäude investieren – ihren Gewinn sicher nach Hause tragen können.

Kaum eine Rede in Alpbach davon, dass "die Finanzmärkte" vor zehn Jahren die größte Wirtschafts- und Finanzkrise über uns gebracht haben, kaum eine Rede davon, dass viele Anlagefonds, die sich das grüne Mäntelchen umhängen, bei genauerer Betrachtung mehr in fossile Anlagen investieren als in grüne, keine Rede davon, dass mehr als die Hälfte der Kapitalmarktumsätze mit "Schattenbanken", also nichtregulierten Fintechs und Private Equity und Geldfonds gemacht wird und Regulatoren sich weltweit die Zähne an den Versuchen ausbeißen, die hochspekulativen Pyramidenspiele, genannt Kryptowährungen, regulativ in den Griff zu bekommen. Keine Rede davon, dass in den letzten 20 Jahren die Börsenkurse um ein Vielfaches der Wirtschaftsleistung gestiegen sind (S&P heuer bereits um mehr als 20 Prozent) und viele Experten tagtäglich einen massiven Einbruch, eine neue Finanzkrise, erwarten.

"Klimasünder" USA

Klar ist, dass die Bewältigung der Klimakrise hohe Investitionen benötigt, um die Dekarbonisierung von Wirtschaft und Gesellschaft durchzusetzen. Dafür ist zweifellos auch sehr viel privates Kapital nötig. Klar ist aber auch, dass mit Investitionen und Technologie, die Gewinne abwerfen, allein weder die Klimakrise zu bewältigen ist, noch jene Umweltkrisen zu lösen sind, die keine neuen "Märkte" bereitstellen, zum Beispiel die Meeresverseuchung, die Erhaltung und Wiederherstellung der Biodiversität, die Bodenversiegelung, und viele andere. Diese Bereiche brauchen entweder öffentliches Geld (keine Gewinne!) und Ge- und Verbote, also gute und strikte Regulierung und deren Umsetzung.

Die kapitalmarktaffinen USA haben bisher trotz hoher Kapitalmarktquoten, trotz riesiger Risikokapitalmärkte, mindestens ebenso große (sogar deutlich größere) "Klimasünden" begangen wie die EU. Mehr Kapitalmarkt löst also keine Klimakrise. Die überhohen, dort erwarteten Renditen haben das Kapital in vollkommen falsche Kanäle gelenkt. Die Flutung der Geldmärkte mit Geldern durch die Zentralbanken haben riesige Blasen in den Realitäten- und Kapitalmärkten erzeugt, jedoch bisher keine positive Wirkung gegen die Klimakrise erkennen lassen.

Es geht daher nicht darum, die instabilen Kapitalmärkte auf Kosten größerer Risikotragung durch die Sparerinnen und Sparer zu vergrößern, nicht um die Illusion eines dadurch "guten Kapitalismus", sondern um die richtige Politik. In einzelnen Fällen mögen Kapitalmarktinstrumente richtig sein, um den Klimawandel zu bekämpfen, in anderen sind es clevere Bankenfinanzierungen oder – horribile dictu – öffentliche Gelder. Die Diskussion in Alpbach hat dem Klima jedenfalls einen Bärendienst erwiesen. Angesichts der Teilnehmer an dieser Diskussion ist allerdings kaum anderes zu erwarten. Schade um ein wichtiges Thema! (Kurt Bayer, 2.9.2021)