Eigentlich wäre es Zeit zum Feiern in Russland: Die letzte Röhre von Nord Stream 2 wurde verschweißt und in die Ostsee versenkt. Der Gaspreis ist nahe seinem historischen Allzeithoch. Sanktionen gegen das jahrelang vor allem aus Washington torpedierte Projekt sind nach einem Treffen von Präsident Joe Biden mit der deutschen Kanzlerin Angela Merkel kein Thema mehr.

Doch die Freude in Moskau bleibt gedämpft. Natürlich feierte die Besatzung des Verlegeschiffs Fortuna das Absenken der letzten Röhre, die mit der Nummer 200858 zu Wasser gelassen wurde. Gleichzeitig erinnerte die Nord Stream 2 AG als Betreibergesellschaft daran, dass die Arbeiten noch nicht beendet seien. Noch müssen die vom deutschen und dänischen Ufer aufeinander zulaufenden Teilstücke miteinander verbunden werden.

Bald soll Gas durch die Pipeline fließen. In Moskau herrscht aber Sorge, dass das Projekt weiterhin behindert wird.
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Danach stehen noch Dichtigkeitsprüfungen und die Zertifizierung der Pipeline an. Gazprom-Chef Alexej Miller verspricht, dass bis Jahresende Gas durch Nord Stream 2 fließen werde. Aus Konzernkreisen von Gazprom verlautet, dass die Lieferungen am 1. Oktober beginnen können.

Eigentlich sollte der zweite Strang der Ostseepipeline, mit einer Kapazität von 55 Milliarden Kubikmeter Gas pro Jahr genauso leistungsfähig wie Nord Stream 1, bereits vor eineinhalb Jahren fertiggestellt werden. Doch Sanktionen hatten den Bau immer wieder behindert.

Sanktionen als Hindernis

Die westlichen Partner von Gazprom, darunter auch die österreichische OMV, hatten sich daher als Teilhaber zurückgezogen und blieben lediglich als Kreditgeber an Bord. Auch Verlegefirmen, wie die Schweizer Allseas mit ihren Spezialschiffen, gaben aus Furcht vor US-Sanktionen Aufträge zurück, sodass Gazprom die Arbeiten schließlich im Alleingang bewerkstelligen musste.

Eine gewisse Furcht, dass das Projekt auch weiterhin behindert wird, herrscht daher in Moskau immer noch vor. Außenminister Sergej Lawrow sprach am Dienstag von einem "Frontalangriff, auch wenn alle verstehen und selbst die Amerikaner verstanden haben, dass Nord Stream 2 in wenigen Tagen fertiggebaut ist und in Betrieb gehen wird".

Moskau wird nicht müde, den wirtschaftlichen Charakter des Projekts zu betonen. Der abtretende OMV-Chef Rainer Seele haut in die gleiche Kerbe. Wäre Nord Stream 2 schon fertig, wäre die Energiesicherheit Europas größer. Auch der Produktionsausfall nach einem Brand in einer Verarbeitungsanlage im sibirischen Nowy Urengoi wäre so leichter zu kompensieren gewesen, meinte er zuletzt.

Doch Nord Stream 2 hat weiterhin viele Gegner: Zweifel, dass Russland seine Pipeline nicht als politisches Druckmittel einsetzt, bleiben vielerorts. Speziell die Ukraine klagt über steigende Risiken nach der Inbetriebnahme von Nord Stream 2. Einerseits wirtschaftlich, andererseits auch militärisch, da der Gastransit durch die Ukraine Moskau zu einer gewissen Mäßigung beispielsweise bei der Forcierung der Donbass-Frage zwinge, argumentiert die Regierung in Kiew.

Nord Stream 2 hat weiterhin viele Gegner. Speziell die Ukraine klagt über steigende Risiken nach der Inbetriebnahme der Röhre.
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Der Kreml bezeichnet die Vorwürfe als haltlos. Kiew fürchte vielmehr um seine Tantiemen. Tatsächlich gehen der Ukraine ohne den Transit etwa zwei Millionen Euro pro Jahr an Einnahmen verloren. Eine von der EU geforderte Verlängerung der Transitverträge über 2024 hinaus knüpft Russlands Präsident Wladimir Putin berechtigt an Abnahmegarantien des Westens.

Unsicherheitsfaktor Politik

Doch auch Russland muss um die Wirtschaftlichkeit von Nord Stream 2 bangen. Die EU-Kommission will die Pipeline der europäischen Gasmarktregulierung unterstellen. Gazproms Versuche, sich der Regulierung zu entziehen, sind vorerst gescheitert. Ein deutsches Gericht hat die Klage des Konzerns gegen die Anwendung des dritten Energiepakets auf Nord Stream 2 abgewiesen.

Das bedeutet zeitlichen und finanziellen Aufwand: Wegen der verordneten Trennung von Förderung, Transport und Vertrieb muss sich die Nord Stream 2 AG als unabhängiger Betreiber der Pipeline zertifizieren lassen. Daneben muss Gazprom Kapazitäten für andere Gaslieferanten freihalten, was die Effizienz von Nord Stream 2 senkt.

Sorge bereitet Moskau auch die Bundestagswahl in Deutschland. Mit einer Beteiligung der Grünen an der Regierung würde die Unterstützung Berlins für die Pipeline bröckeln. Die Grünen gelten generell als kritisch gegenüber der Kreml-Politik. Zudem haben Umweltschützer in den vergangenen Jahren mehrfach gegen den Pipeline-Bau geklagt. Sie kritisieren, dass die Pipeline fünf Naturschutzgebiete in der Ostsee kreuze, denen "irreparable Schäden" drohten. Eine grüne Regierung dürfte solche Einwände höher bewerten als das bisherige Kabinett. (André Ballin, 9.9.2021)