Zum Glück braucht es meist nicht viel. Manchmal reichen auch ein Wasserschlauch und eine Wiese.

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Glück ist eben Glück; Unglück Unglück. So denken wohl viele. Versuchen wir uns an einer Definition von Glück: Was Glück genannt wird, ist das deckungsgleiche Zusammenfallen einer inneren Verfasstheit mit äußeren Umständen.

Zwei Beispiele: Ich habe Durst – und da findet sich doch auch schon eine munter sprudelnde Quelle, direkt neben meinem Weg! Der faule Schüler hat nur wenig für die Prüfung gelernt: Da befragt ihn der Prüfer doch genau über den Stoff, den der Faule zufällig durchgenommen hat!

Allein diese beiden Beispiele zeigen, dass die Verbindung zwischen dem, was wir Glück nennen, und der moralischen Welt, nun ja, fragwürdig ist. Selbst der Verbrecher noch kann Glück haben – zumindest seinem Sinn nach.

Daraus ersehen wir leicht: Glück ist etwas Subjektives, eine Empfindung, die nicht jeder, der zufällig Zeuge eines solchen Glücksfalls ist, teilen wird oder muss. Ja es ist geradezu eine der Haupteigenschaften von Glück, dass es manchmal gut teilbar ist, in anderen Fällen kaum, in gewissen Fällen gar nicht.

Wer kann denn das Glück teilen, das der Forscher im Moment der angestrebten Entdeckung empfindet? Das des Verliebten im Moment, da er erhört wird? In solchen Fällen sagen wir: Wie froh oder glücklich muss der Mann oder die Frau in dem Moment doch gewesen sein!

"Ich freu mich so mit dir!"

Glück religiös aufgefasst ist Gnade, hierarchisch Gunst. Im ersten Fall ist es meist – oder kann es zumindest sein – Belohnung, im zweiten Fall herrscht bereits jene Unberechenbarkeit, mit der man, Glückspilz oder Unglücks rabe, jedenfalls zu rechnen hat. Gnade stellt auf ein Verdienst ab, Gunst – na, ich weiß nicht.

Der Abglanz fremden Glücks ist naturgemäß nicht das Glück selbst. "Ich freu mich so mit dir!" In solchen Fällen freue ich mich an der Freude des anderen, an der guten Laune, die der hat. Ich bin sozusagen zu einem Fest gerade recht gekommen – gerne feiere ich mit.

Bei diesem Beispiel fällt gleich auf, dass die schöne Frucht der Freude sich von hinten oft rasch mit Rost oder einer anderen Krankheit überziehen kann: mit sogenannten Hintergedanken, mit Bedenken, Argwohn oder gar Neid. So kann das nicht weitergehen, wird das nicht weitergehen, darf das nicht weitergehen!

Wie oft geschieht es nicht, dass der nüchterne Sinn des ins fremde Glück Geratenen sich bald Fragen stellt wie: Was freut er sich nur so? Er wird schon sehen. Was wird oder kann aus alledem noch werden? Ja, hat er denn nicht bedacht, dass ...? Ganz ungerufen tauchen die bissigen Schnauzen der Einwände auf, um das frische Glück erst zu beschnuppern, um es dann, ja, zu zerfetzen und herunterzureißen.

Kategorie ohne Verstand

Was der Glückliche am wenigsten wünscht oder brauchen kann, sind Einwände, mögen sie noch so durchdacht und eventuell sogar klug sein. Ich würde nicht so weit gehen zu sagen: Der nachprüfende Verstand ist ein Feind des Glücks – und doch ist an der Vorstellung etwas dran, wie wir nur zu gut wissen. Wer sich zu sehr auf sein Glück verlässt, sieht sich oft bald vom Glück verlassen.

An der Stelle ist anzumerken, dass Glück sozusagen eine Kategorie ohne Verstand ist. Dummes Glück ist eben auch Glück – gottlob oder wie immer wir sagen wollen.

Geteiltes Glück ist gewiss am schönsten. Am allerschönsten aber der Fall, wo wir andere beglücken, die zugleich uns beglücken; wie das in der Liebe gelegentlich der Fall ist oder sein kann. Zumindest wünschen wir es so. Und wie wir es wünschen! Vielleicht oder oft ist wohl ein bestimmter Wunsch Vater oder Mutter des betreffenden Glücks, das dann regelrecht als rosiges Kindlein und ganz unschuldig daherkommt.

Das Glück will erobert werden

Es gibt da die Redewendung: sein Glück machen. Der oder die hat sein oder ihr Glück gemacht. Wie sollen wir das verstehen? Allerhöchstens kann der Mensch durch sein Tun gewissermaßen Einladungen ans Glück aussprechen – kommen muss es von selbst. Launisch ist das Glück: Diese Einladung nimmt es an, jene nicht. Es kommt wohl auch vor, dass ein und dieselbe Einladung das Glück herbeiruft – oder, fatalerweise, genau das Gegenteil: das Unglück.

Der Glückspilz verschweigt, vertarnt oder verbirgt gern die vorbereitenden Anstrengungen, die zu seinem Glück letztlich geführt haben, damit sein Glück – oho! – über dem Horizont der Wahrscheinlichkeit dann umso heller erstrahle. Solchen Naturen erhöht und ergänzt das Staunen, ja der Neid der zu kurz gekommenen Konkurrenten gelegentlich noch das eigene Glück. Von welcher Natur die jeweiligen Vorbereitungsmaßnahmen denn sein sollen, nun, das ist, wie gesagt, von Fall zu Fall ganz verschieden, dazu können wir keine Aussage machen und leider keine Hinweise geben.

Fest steht hingegen, dass es etwas wie Glücksbereitschaft oder Glücksgeneigtheit gibt, der dann am anderen Ende des menschlichen Spektrums etwas gegenübersteht, das man etwa Glücksvergessenheit oder gar Glücksfaulheit nennen könnte.

Das Glück will eben erobert, jedenfalls aber ergriffen sein. Was Wunder, dass es in der patriarchalischen Welt von gestern in Gestalt einer Frau, der Fortuna, dargestellt wurde.

Beinah idealistisch

An der Stelle sei vielleicht angemerkt, dass im Englischen "fortune" zwar Schicksal, Geschick oder Zufall bedeutet, aber auch Reichtum und Vermögen. In Redewendungen wie "to make a fortune" oder "to marry a fortune" ist das Glück ganz aufs Materielle heruntergebrochen. Dagegen nimmt sich die deutsche Fortüne mit der Bedeutung von Glück, aber auch schon Erfolg beinah idealistisch aus.

Stell dir dein künftiges Glück nicht allzu oft vor, male es dir nicht allzu bunt aus. Es könnte gut sein, dass, tritt das Glück dann tatsächlich ein, es dir schal und fad vorkommen wird.

Beim Nachdenken über, beim Besprechen von Glück, stellt sich im Sinn des Denkers oder Sprechers gar bald ein Ton, eine Nuance, eine Note ein, die man als schalkhaft oder frivol bezeichnen könnte. Ganz ernst kann man über Glück kaum sprechen. Es ist eine Leichtigkeit, eine Freihändigkeit, ja ein Übermut, der da bald aufkommt – vielleicht wirft da das launische Glück bloß sein Spiegelbild lachend ins Gemüt des Nachdenklichen zurück.

Glück bricht wie Glas

Wir kennen es alle: Wird erlittenes Leid zu groß, will es sich aussprechen. Dasselbe gilt vom Glück: Glück plaudert sich zu gerne aus. Damit nimmt es das Schicksal der frisch geschlagenen Münze, die herrlich erglänzt: Ist sie erst durch viele Hände gegangen, wird sie schmutzig und grau, was ja bald die Farbe von allem und jedem ist.

Glück bricht wie Glas. So mancher verstand es allerdings, gerade auf einem Scherbenhaufen sein Glück zu machen. Was so viel meint wie: Oft steht das Glück schon vor der Tür, während du im Haus noch danach suchst.

Im Wienerlied figuriert das Glück als Vogerl. Wird es auf die Leimrute gehen oder nicht? Wird es gar, handzahm, sich willig einfangen lassen oder sich, ganz unbedacht, auf die Schulter desjenigen setzen, der zufällig vorbeispaziert? Oder, was auch vorkommen soll, kackt es dir einfach frech auf den Kopf und fliegt davon in die blaue Luft – wo du doch schon geglaubt hast, seiner habhaft geworden zu sein?

Fragwürdiges Konzept

Ehrlich gesagt: Ich bin kein Freund der Vorstellung, Glück zu haben sei das Wichtigste, das Entscheidende im Leben. Wie fragwürdig ist doch das Konzept Glück! Der Hans im Glück des Märchens lehrt uns doch unhintergehbar, dass man sein Glück mit einem Klumpen Gold, einer Kuh, einer Gans, selbst mit einem Mühlstein machen kann – ja selbst mit einem Mühlstein, der einem in den Brunnen gefallen ist, mit anderen Worten: mit allem und jedem. Freilich, ganz ohne Glück geht im Leben wohl auch nichts.

Da es auf der Welt mehr Unglück gibt als Glück, erscheint es angeraten, sich zuallererst mit dem Unglück zu beschäftigen und damit, wie man damit umgehen soll. Dem einen rollte das Glück vor die Füße, dem anderen kommt das Unglück zwischen die Beine. Wahrhaft glücklich zu nennen ist im Grund wohl nur der, der mit Glück und Unglück gleichermaßen zurechtkommt, der es versteht, den Kopf oben zu behalten, wie immer es auch kommen mag, hell oder dunkel, so oder so. (Peter Rosei, ALBUM, 19.9.2021)