Ein Bild, das bald nur noch der Vergangenheit angehören soll: Carl Spitzwegs Meisterwerk "Der arme Poet" von 1839.

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Der Befund ist seit Jahren klar: Zahlreiche Studien haben mittlerweile ergeben, dass die überwiegende Mehrheit der Kunst- und Kulturschaffenden in Österreich und anderen europäischen Ländern von ihrer Arbeit nicht vernünftig leben kann. 1000 Euro Durchschnittsverdienst, prekäre Verträge und Versicherungslücken sind häufig. Das vielbemühte Bild vom brotlosen Künstler, es ist demnach kein Relikt früherer Jahrhunderte, sondern brandaktuell.

Mit dem türkis-grünen Regierungsprogramm hat die Thematik unter dem Schlagwort "Fair Pay" auf Betreiben der Grünen verstärkt Eingang in die politische Arena gefunden. Passiert ist seither nicht viel. Die Pandemie hat aber gezeigt, wie dringend der Handlungsbedarf wäre. Und sie hat die Problematik aufgrund des finanziellen Schadens für die Kulturbranche, der europaweit mit 199 Milliarden Euro beziffert wird, freilich noch verschärft.

Am vergangenen Donnerstag ging Kulturstaatssekretärin Andrea Mayer (Grüne) in die Offensive und lud zu einem öffentlichen "Fairness-Symposium" ins Wiener Konzerthaus. Gut besucht und professionell auch online umgesetzt (mit eigener Website sowie Livestream mit Fragemöglichkeit) sollte die eintägige Veranstaltung mit einer Reihe an Impulsreferaten als eine Art Kick-off-Event dienen. Erstmals zeigte sich hier eine Kulturverantwortliche des Bundes mit ihren Kolleginnen und Kollegen der Bundesländer, um zu signalisieren, dass man gemeinsam an einem Strang zieht. Das ist auch notwendig, denn Kulturförderung ist zum überwiegenden Teil Ländersache.

Alle an einem Strang?

Die bislang größten Initiativen kommen von Wiens Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler (SPÖ) und dem grünen Salzburger Kulturlandesrat Heinrich Schellhorn. Beide bemühen sich schon jetzt, sogenannte Honoraruntergrenzen für mehr und mehr Kunstsparten festzulegen, an denen sich Förderwerber orientieren sollen. Ziel ist, dass dies auf ganz Österreich ausgeweitet wird. Offiziell sind alle Länder an Bord, ob dem wirklich so ist oder Alleingänge drohen, wird erst die Praxis zeigen.

Teile der seit Jahren mit der Thematik befassten Interessengemeinschaften aus der Kulturszene haderten jedenfalls schon im Vorfeld mit der Konzeption des Symposiums, manche sagten daher ihre Teilnahme ab. Ihr Vorwurf: zu viel Show, zu wenig Konkretes, zu verwässerte Themensetzung. "Vor lauter Fairness-Themen ist vom Fair-Pay-Ansatz nichts mehr zu sehen", urteilte etwa Gerhard Ruiss von der IG Autorinnen Autoren.

Fairness als weites Feld

Ziel des Symposiums schien es aber zu sein, die ganze Breite des Themas inklusive internationaler Beispiele zu zeigen. So präsentierte sich etwa Themis, eine Vertrauensstelle gegen sexuelle Belästigung und Gewalt im Kulturbetrieb, die in Berlin seit 2018 über 1000 Beratungsgespräche mit 650 Betroffenen geführt hat.

Auch Österreich wird eine solche zentrale Vertrauensstelle demnächst einrichten. Fair Pay, so eine Erkenntnis des Symposiums, sei jedenfalls auch hierbei ein wesentlicher Hebel. Denn wenn Beschäftigte keine finanziellen Nöte mehr befürchten müssten, sei es leichter, sich gegen potenziell übergriffige Vorgesetzte zur Wehr zu setzen.

Allheilmittel Untergrenzen

Als Allheilmittel gepriesen wird aktuell das Modell Honoraruntergrenzen. Vorgestellt wurde auf dem Symposium das Berliner Modell, das von Berlin aus seit 2015 nach und nach auf ganz Deutschland ausgeweitet wird. Konkret funktioniert es so: Die staatlichen Subventionsgeber legen in ihren Förderkriterien von den Interessengemeinschaften erarbeitete Verdienstuntergrenzen fest, an die sich Förderwerber halten sollen. Wer als Veranstalter Künstler fair bezahlt, hat bessere Chancen auf Subvention.

Verpflichtend machen könne man die Honoraruntergrenzen aus wettbewerbsrechtlichen Gründen aktuell nicht, aber schon der Anreiz, bei Förderanträgen bevorzugt zu werden, reiche für signifikante Verbesserungen aus, berichtete der Berliner Kulturbeamte Stephan Behrmann. Der Effekt, daraus machte er kein Geheimnis, sei zunächst der, dass "weniger Künstler besser gefördert werden. Das klingt erst mal bescheuert, aber es ist notwendig."

Im zweiten Schritt gehe es dann darum, gute Lobbyarbeit auf politischer Ebene zu machen, um insgesamt höhere Kulturbudgets zu erreichen. Eine Strategie, die in Deutschland gefruchtet habe. Wenn Österreich beide Punkte in einem Aufwaschen hinbekomme, sagt Behrmann, sei das nur zu begrüßen.

"Fair-Pay-Gap" für ganz Österreich erhoben

Andrea Mayer kann jedenfalls jetzt schon auf die Erfahrungen aus Salzburg zurückgreifen: Dort ist es gelungen, den sogenannten "Fair-Pay-Gap" zu erheben, also jene Summe an öffentlichen Geldern, die fehlt, um faire Bezahlung sicherzustellen. Es waren 2,5 Millionen Euro, die nun binnen dreier Jahre tatsächlich aufgeschlagen werden. Nur 14 Prozent der Förderwerber konnten es sich laut Umfrage leisten, ihren Künstlern faire Gagen zu zahlen.

Der Bund hat nun beim Gallup-Institut eine Erhebung des "Fair-Pay-Gap" für ganz Österreich in Auftrag gegeben. Bis Ende des Jahres werde das Ergebnis vorliegen, danach, so das Ziel, sollen Honorarempfehlungen überall etabliert werden.

Die Interessengemeinschaften beobachten das mit wachsender Ungeduld. Und auch mit Skepsis. Denn an anderer Stelle, dem aktuellen Gesetzesentwurf zum Urheberrecht, hat man bislang völlig auf sie vergessen – im Gegensatz zu Deutschland, das seine Künstler bei der Novellierung besserstellen wird. 14 Tage läuft noch die Begutachtungsfrist. Andrea Mayer gelobte auf dem Symposium, sich für Verbesserungen am Entwurf einzusetzen. Ihr Appell an die Künstler: "Bleiben Sie uns gewogen, nur gemeinsam sind wir stark." (Stefan Weiss, 1.10.2021)