Die Energiepreise befinden sich im Höhenflug. Neukunden müssen bei Strom bereits deutlich mehr zahlen, bei Gas sowieso.

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Im Oktober 2001 begann in der EU ein Experiment, das von weiten Teilen der Stromwirtschaft als zum Scheitern verurteilt eingestuft wurde: die freie Wahl des Stromanbieters durch die Konsumenten. Ein Jahr später war der Gasbereich an der Reihe – mit mehr oder weniger denselben Vorbehalten. Nun, zwanzig Jahre später, zeigt eine Zusammenschau von Zahlen den Erfolg des Experiments. Gleichzeitig jagen aber die Preise für Strom und Gas in nie gesehenem Ausmaß nach oben.

Laut einer Studie der Österreichischen Energieagentur im Auftrag der vor 20 Jahren gegründeten Regulierungsbehörde E-Control haben sich Österreichs Haushalte und Unternehmen durch die Liberalisierung der Energiemärkte kumuliert rund 28 Milliarden Euro erspart. Heruntergebrochen auf ein Jahr betrug die durchschnittliche Ersparnis der Haushalte bei Strom rund 305 Millionen und bei Gas etwa 149 Millionen Euro. Um einiges mehr konnten sich laut Studie Unternehmen und Gewerbebetriebe (Nichthaushalte) ersparen: bei Strom in Summe etwa 347 Millionen Euro pro Jahr, bei Gas sogar an die 630 Millionen.

Kein Patentrezept gegen Preisrallye

"Hätte es die Strom- und Gasmarktliberalisierung nicht gegeben, wären die Strompreise für Haushalte um 13 Prozent höher, jene für Nichthaushalte um zehn Prozent. Im Gasbereich müssten die Haushalte ebenfalls um 13 Prozent mehr bezahlen, Nichthaushalte sogar um 30 Prozent mehr", sagte E-Control-Chef Wolfgang Urbantschitsch am Dienstag.

Gegen den steilen Anstieg der Energiepreise, der seit Monaten anhält und sich wohl bis zum Ende der Heizperiode kommendes Frühjahr hinziehen dürfte, weiß auch die E-Control kein Patentrezept. Ratsam sei aber, dass Konsumenten ihre Strom- und Gaslieferverträge genau anschauen. Bei vorhandener Preisgarantie, die über die Heizsaison reiche, sei man wahrscheinlich gut beraten, den Höhenflug der Preise auszusitzen und sich erst im Frühjahr nach vielleicht günstigeren Alternativen umzusehen, sagt Urbantschitsch. Wer keine Preisgarantie und auch keine Vertragsbindung habe, sollte sich "möglichst zeitnah" nach Alternativangeboten umsehen.

80 Prozent noch nie gewechselt

Möglichst zeitnah deshalb, weil nun Bewegung in die Preise am Endkundenmarkt gekommen ist. Während Bestandskunden außer beim deutschen Anbieter Montana bisher von Preisanhebungen verschont geblieben sind, müssen Neukunden mit zehn Prozent und mehr an Preiserhöhungen rechnen, abhängig vom Produkt und vom Anbieter. Das veränderte Preisgefüge spiegelt sich im Tarifkalkulator der E-Control wider, wo die allermeisten Angebote von Strom- und Gaslieferanten in Österreich mit den dazugehörigen Preisen und Spezifikationen tagesaktuell zu finden sind.

Obwohl die mögliche Ersparnis beim Anbieterwechsel zuletzt geschrumpft ist und weiter schrumpfen dürfte, sei für Schnellentschlossene noch immer etwas zu holen. "Anfang Oktober betrug die mögliche Ersparnis beim Wechsel zum jeweils günstigsten Anbieter bei Strom 140 Euro mit Neukundenrabatt und 106 Euro ohne Rabatt. Bei Gas konnte man sich 337 Euro mit Neukundenrabatt ersparen und 240 Euro ohne", sagte Alfons Haber, Co-Vorstand der E-Control.

Höchste Ersparnis gab es 2017 und 2018

Im Rückblick betrachtet war ein Wechsel vom angestammten Stromlieferanten zum Bestbieter im Mai 2017 am attraktivsten: Damals konnten Konsumenten zwischen 216 Euro (Salzburg) und 346 Euro (Oberösterreich) einsparen. Bei Gas war das Ende 2018 mit einem Einsparpotenzial von 421 Euro (Tirol) und 699 Euro (Klagenfurt) der Fall. Die höchsten Wechselraten gibt es übrigens in Oberösterreich, was an den vergleichsweise hohen Preisen des lokalen Anbieters liegen dürfte.

Zwar haben seit Beginn der Liberalisierung in Summe bereits mehr als 1,8 Millionen Haushalte (40 Prozent) ihren Strom- und knapp 600.000 (fast 50 Prozent) ihren Gaslieferanten gewechselt, viele aber bereits mehrfach. Noch immer würden 79 Prozent der Strom- und 76 Prozent der Gaskunden vom lokalen Anbieter beliefert. Das zeige, dass es bei den Wechselraten noch Luft nach oben gebe, sagte Haber.

Gas sollte im Frühjahr günstiger werden

Für die derzeit hohen Gaspreise macht man bei der E-Control ein Potpourri an Ursachen wie der gestiegenen Nachfrage und dem vergleichsweise hohen CO2-Preis im europäischen Emissionshandel verantwortlich, der nicht zuletzt auch in der Stromproduktion durchschlägt. Während bei Gas ab kommenden April mit einer Entspannung bei den Preisen gerechnet wird, deuten die Future-Notierungen bei Strom im Großhandel auch 2022 auf ein Fortschreiben des hohen Niveaus hin. (Günther Strobl, 5.10.2021)