Designer Justin Fuchs steht vor einer voll behangenen Kleiderstange. Es handelt sich um die zweite "Raws"-Kollektion seiner Streetwear-Marke Peso. Sie besteht aus weißen, grauen, schwarzen Shirts und natürlich Hoodies. Einen der Kapuzenpullover legt er im Vorstellungsvideo auf die Waage. Das Display zeigt 1.327 Gramm an.

Der Hoodie ist ein Brummer. Und alles andere als eine Ausnahme. Seit geraumer Zeit setzen Streetwear-Marken wie Peso, Live Fast Die Young oder auch MAM Vienna auf dickere Stoffe. Selbst Kollektionen, die im Sommer das Licht der Welt erblicken, prahlen mit dem Gewicht. Das Motto: je dicker, desto besser.

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Schaut man sich den eben angesprochenen "Heavy Stone Zip"-Kapuzenpullover auf der Internetseite von Peso an, steht dort als erste Information: "510 gsm heavy Stoffqualität". Das Label Live Fast Die Young geht noch einen Schritt weiter. Auf der Rückseite des "Heavy Tee" steht in großen Lettern "300 g/m²" geschrieben.

Das Gewicht der Klamotten ist längst kein Beiwerk mehr, die Marken werben damit. Doch was genau sagen die Angaben aus? "Die Stoffdicke, oder besser gesagt das Stoffgewicht, wird in Gramm pro Quadratmeter gemessen", erklärt Adelheid Call, Designerin und Dozentin an der Universität für angewandte Kunst Wien. "Gsm" ist lediglich die englische Bezeichnung, "grammage per square meter".

Marketingschachzug

Doch sind schwerere Stoffe gleichzusetzen mit höherer Qualität, Frau Call? Das könne man so pauschal nicht sagen, erklärt die Expertin. Sie sagt aber auch: "Die Entwicklung ist interessant. Man will niederschwellig vermitteln, dass es sich hier um ein hochwertiges Produkt handelt."

Wer die Qualität eines Kleidungsstücks erkennen will, muss es in der Hand haben, sagt die Textilexpertin Adelheid Call. Hier versteckt sich Kanye West in einem wohnlichen Hoodie.
Foto: Picturedesk.com / Action Press / Marauder

Call vermutet vor allem Marketing hinter dem Schachzug der Streetwear-Marken. Die Qualität eines Stoffes zu erkennen sei für einen Laien nicht einfach. Tatsächlich ist unsere Kleidung seit den 1960er-Jahren immer leichter geworden. Davor bestand ein Großteil der Mode aus reiner Wolle, erst im Laufe des Zweiten Weltkriegs kam die Chemiefaser hinzu. Sie trug dazu bei, das Gewicht von Kleidung drastisch zu reduzieren.

"Nehmen wir beispielsweise Mantelflausch von früher, das hat gut und gerne mal 900 bis 1200 Gramm pro Quadratmeter gewogen", sagt Call. Die Tendenz zum Leichteren sei der Bequemlichkeit geschuldet. "Schwere Klamotten sind zum Reisen unpraktisch."

Kapuzenpullover der Marken Y-3
Foto: Hersteller

Dicke Wolle hingegen sei alles andere als ein Qualitätsmerkmal, sagt Call. "Langfaserigkeit ist hier ein Qualitätsmerkmal, wohingegen Kurzfaserigkeit eher schlecht ist. Jetzt kommt aber der Clou: Kurzfaserige Baumwolle lässt sich nur dick verarbeiten." Eigentlich gelten vor allem leichte Kleidungsstücke als hochwertig: "Ich habe hier ein Shirt aus Merino, das wiegt 130 Gramm." Kaschmir, also der Inbegriff von Leichtigkeit, wiege meist nur 80 Gramm auf den Quadratmeter.

Dazu muss gesagt werden, und das weiß die Textilexpertin natürlich auch: Streetwear ist eine andere Welt. Je standfester ein Stoff, desto eindrucksvoller wirken die Silhouette und die Kleidung am Körper. "Oversized" und "baggy" sind das Gebot der Stunde. Ein Trend, der übrigens längst keine reine Männerdomäne mehr ist. Der Großteil der modernen Streetwear ist unisex. Da würde ein dünner Merino- oder Kaschmirpullover nicht ins Bild passen.

Hand anlegen

Aber wenn die Dicke eines Stoffes kein Kriterium ist, was dann? Wie unterscheidet man denn nun gute von weniger hochwertiger Mode? "Es gibt ein paar Dinge, auf die ich beispielsweise beim Secondhand-Shopping achte", sagt die Expertin.

Streetwear von Justin Fuchs' Marke Peso
Foto: Hersteller

Es sei wichtig, den Stoff in der Hand zu halten. Einmal zusammenzudrücken und wieder loslassen. "Springt er wieder in seine Form zurück, ohne Falten zu hinterlassen, ist das ein gutes Zeichen." Das Pilling, also kleine Stoffknötchen auf der Oberfläche, sei ein Hinweis auf schlechte Qualität. Um ganz sicherzugehen, mache sie, wenn gerade keiner hinschaut, gerne eine Reißprobe. "Wenn da etwas passiert, haben Sie auch anderen Kundinnen und Kunden einen Gefallen getan."

Im Endeffekt gehe es aber vor allem um eines: Vertrauen. Denn ein verbindliches Siegel, eine Kennzahl für Qualität, gibt es nicht. Weder die Dicke noch das Material an sich sind Garantien dafür, wie lang ein Kleidungsstück hält. "Nachhaltigkeit übrigens auch nicht", fügt Call hinzu.

"Wenn Sie allerdings einmal ein Teil kaufen und hellauf begeistert sind, dann merken Sie sich die Marke." Call führt als Beispiel einen Hoodie der Marke Y-3 aus der Zusammenarbeit von Adidas und dem Designer Yohji Yamamoto an. "Der ist aus feinem, hochwertigem Sweatermaterial", sagt sie und streicht dabei über die Ärmel. "Zwei Jahre ist der jetzt alt, unzählige Male gewaschen, und er sieht immer noch aus wie neu." Das zeuge von Qualität. Gewicht: 800 Gramm.

Qualität kostet

Für diese Qualität muss man bezahlen. Ein Y-3-Kapuzenpullover kostet um die 250 Euro. Wer dafür ein ausgefallenes Design erwartet, wird enttäuscht. Das "Y-3"-Logo ist auf der linken Brust farblich leicht abgesetzt, der Rest monochrom. Viel Geld für einen Hoodie, den gibt es auch anderswo billiger.

Call empfindet das Verhältnis von Preis und Qualität sowieso als verzerrt: Fast Fashion mache das Verständnis für Qualität kaputt. Für Retailer wie Zara und H&M und Onlinegiganten wie Shein gibt es keinen Grund, auf hochwertige Materialien zu setzen. Das zeigt ein Blick ins Sortiment: Ein Hoodie von H&M aus Biobaumwolle wiegt 460 Gramm pro Quadratmeter.

Bei den anderen Kleidungsstücken des Herstellers fehlt die Angabe, ebenso bei Zara. Dass Gewicht nicht alles ist, weiß auch Justin Fuchs: "Gewicht heißt nicht immer krasse Qualität. Verarbeitung und Stoff heißt krasse Qualität", sagt er im Vorstellungsvideo. Expertin Call würde sagen: Wer Qualität erkennen will, muss sie in der Hand haben. (Thorben Pollerhof, RONDO, 18.10.2021)