Setzt auf das Begreifen, auch im haptischen Sinn: der Autor und Töpfer Edmund de Waal.

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Anlässlich seines neuen Buchs Camondo treffen wir Edmund De Waal zum Zoom-Gespräch. Der Objektkünstler und Autor, dessen erstes Buch Der Hase mit den Bernsteinaugen ab dem 12. November in Wien im Rahmen von "Eine Stadt ein Buch" 100.000 Mal gratis abgegeben wird, sitzt in seinem Londoner Studio und erzählt von Nachforschungen sowie der aktuellen Ausstellung im Pariser Museum Nissim de Camondo, dem früheren Wohnsitz des jüdischen Sammlers.

STANDARD: In Ihrem Buch schreiben Sie Briefe an Camondo und sprechen ihn als Freund an. Warum?

Edmund De Waal: Dadurch schaffe ich eine Nähe zur Vergangenheit. Man kann sich nicht aussuchen, zu wem in der Geschichte man sich hingezogen fühlt. Ich spaziere mit Camondo durch sein Haus und spreche mit ihm. Also ist er mein Freund, und die Tatsache, dass er vor 80 Jahren gestorben ist, wird irrelevant.

STANDARD: Im Gegensatz zum üblichen Weg, sich Kunstwerken zu nähern, indem man den Sehsinn einsetzt, verwenden Sie Ihre Hände und den Tastsinn. Wie kamen Sie dazu?

De Waal: Seit ich fünf Jahre bin, töpfere ich. Durch die Erforschung der Welt mithilfe meiner Hände wird es möglich, sich komplizierte Geschichten zu erschließen und die Welt nicht sofort in einem konzeptuellen oder kritischen Sinn zu verstehen, sondern eben haptisch. Wenn wir aufwachsen, wird uns beigebracht, das Berühren aufzugeben und visuell wahrzunehmen. Ich bin da gegensätzlicher Meinung. Denn die Welt ist voller Spuren, die Menschen in Form von Objekten zurückgelassen haben. Diese können mit den Händen wiederbelebt werden.

STANDARD: Solange es Zeitzeuginnen gab, konnte man auf deren Erzählungen zurückgreifen, jetzt bleiben Gegenstände, die wir befragen.

De Waal: Auch wenn es bloß Scherben und Fragmente sind. Das Bild der Scherbe, des zerbrochenen Gefäßes ist ein wichtiger Bestandteil unserer Kultur, zum Beispiel sitzt Hiob auf einem Haufen kaputter Töpfe. Das soll daran erinnern, dass alles einmal zerbrechen wird. Außerdem, sobald man eine Scherbe in der Hand hat, hat man auch eine Geschichte. Damit kann erzählt, neu gedacht werden, was davor war. (De Waal holt einen geflickten Teller, dessen Bruchstellen in Gold gefasst sind und erklärt:) Der ist aus Meissen, ein perfektes Beispiel, um mit Scherben Geschichten zu erzählen.

STANDARD: Sie vergleichen sich ja mit Camondo. Sein Haus wurde zum Museum. Sie aber wollen, dass die Objekte, die Sie erzeugen, in Bewegung bleiben.

De Waal: Ich verstehe schon, warum er so leidenschaftlich will, dass alles an seinem Platz bleibt, denn er trauert um seinen im Ersten Weltkrieg gefallenen Sohn. Er hat dieses Haus eingerichtet, während die Welt sich draußen auf schreckliche Weise zu ändern begann. Indem ich ihm schreibe, schreibe ich an mich selbst, als Erinnerung daran, was man in dieser Welt kontrollieren kann und was nicht. Du schaffst dieses Ensemble oder arbeitest an einer Installation, alles soll perfekt sein und so bleiben. Aber du weißt, dass das unmöglich ist.

STANDARD: Er wollte Beständigkeit, weil sich die Welt für jüdische Familien gefährlich veränderte.

De Waal: Ich fühle eine starke Empathie für ihn. Er baut seine Sammlung auf, verliert seinen Sohn und möchte für immer inmitten seiner exquisiten 18.-Jahrhundert-Seifenblase voller Schönheit leben. Also schenkt er sie (die Sammlung, Anm.) Frankreich, auch um zu beweisen, wie wunderbar assimiliert er ist.

STANDARD: Um sein Haus zu errichten, zerstört er aber vorher das Haus seines Vaters, dann lebt er darin, dann wird es zum Museum, eine Zeitkapsel.

De Waal: Ja, eine erstaunliche Dynamik. Er will seinen Vater ehren, braucht aber Raum, um Neues zu kreieren. Dann will er die Erinnerung an seinen gefallenen Sohn bewahren und übergibt die Sammlung an eine Zukunft nach ihm. Nissim de Camondo will etwas schaffen, das ewig hält. Wir aber wissen, was tatsächlich geschehen wird. In der Ausstellung, die ich nun dort gestaltet habe, versuche ich erneut, Leben hineinzubringen: die Schubladen zu öffnen, unvollendete Briefe auf den Schreibtisch zurückzulegen, den Dachboden zugänglich zu machen. Am Eröffnungsabend war es bewegend zu sehen, dass in allen Räumen Licht war, Schatten von Menschen, die sich drinnen bewegten, manche standen im Innenhof. Das Haus war seit 1936, als es Museum wurde, nicht mehr so voller Lärm, so voller Leute.

STANDARD: Für die Ausstellung haben Sie Porzellanobjekte kreiert, dünn wie Papier.

De Waal: Für mich als Objektkünstler und Autor haben Papier und Porzellan einiges gemeinsam. Beide weiß, beide ursprünglich aus China. Ich habe versucht, das zu verbinden, ins papierdünne Porzellan zu schreiben und die Objekte an verschiedenen Orten zu platzieren. Manche habe ich in Laden gesteckt, um mich mit Camondo als Briefeschreiber zu verbinden und in die Historie hineinzusprechen.

STANDARD: In Ihrem ersten Buch "Der Hase mit den Bernsteinaugen" kommt Paris besser weg als Wien. Nun, da Sie mehr über Antisemitismus in Frankreich erfahren haben, hat sich dieser Eindruck verändert?

De Waal: Ja. Eigentlich glaubte ich, die Rue de Monceau, wo das Ephrussi-Haus und das Camondo-Haus stehen, gut zu kennen. Als ich nun herausfand, was den jüdischen Familien hier geschehen ist, dem einen wurde alles geplündert, die anderen wurden deportiert, hat sich mein Blick auf die Straße und auf Paris verändert. Vielleicht sollte genau das passieren? Heute kann man durch diese Straße laufen, ohne im Geringsten Spuren des früheren jüdischen Lebens wahrzunehmen. Es gibt keine Stolpersteine, und im Museum informiert nur eine Tafel über die Schenkung. Durchstreift man dann alle Räume, erfährt man nichts über das Schicksal der jüdischen Familie, die das Haus bewohnte. Darum ist es notwendig, solche Gebäude mit Erinnerungen wiederzubeleben.

STANDARD: Wo sehen Sie Unterschiede in der Gedenkkultur zwischen Frankreich und Österreich?

De Waal: In meinem Buch spreche ich über unvollendete Vorhaben und wie wütend ich werde, wenn mir gesagt wird, ich solle lieber vorwärts schauen und nicht wieder über Vergangenes schreiben. Aber ich muss das tun, weil es immer noch nicht genug ist. In Frankreich hat sich der Konsens durchgesetzt, dass seine jüdischen Bürger ohnehin überlebt hätten, es ist schwierig, diese feste Meinung zu durchbrechen. Nach Wien komme ich seit 20 Jahren, und ich glaube, das Bewusstsein dessen, was geschehen ist, hat sich verändert. Eine wichtige symbolische öffentliche Anerkennung ist zum Beispiel die Rückgabe der österreichischen Staatsbürgerschaft an Holocaust-Opfer.

STANDARD: Im November werden freie Exemplare Ihres ersten Buchs über die Ephrussi-Familie in ganz Wien verteilt. Wie fühlt sich das an?

De Waal: Ist das nicht erstaunlich? Ich bin sehr berührt. Ich hatte dieses starke Bedürfnis, das Buch zu schreiben, und als ich im Palais Ephrussi war, um es zu präsentieren, war ich unsicher, wie es in Wien aufgenommen würde. Jetzt, elf Jahre später, wird das Buch in der ganzen Stadt verbreitet! Das ist ein unglaublich wichtiger Moment in meinem Leben.

STANDARD: Zwischen dem ersten und dem neuen Buch gibt es einige Unterschiede. Auch formal. Es hat viele Fotografien, Faksimiles, sodass es für sich einen Gedächtnisraum bildet.

De Waal: Ich hoffe, man hat während des Lesens das Gefühl, das Haus von Camondo zu begehen. Dass Leserinnen Zeit in diesen Räumen mit seiner Familie verbringen. Zeit verbringen heißt, seine Präsenz anzuerkennen und wahrzunehmen. Das ist der erste Akt im Gedenken.

STANDARD: Ist dieses Nachforschen als zumindest zeitweise Aufhebung der Diaspora zu verstehen?

De Waal: Sicher gibt es Momente, in denen Verbindungen erneut lebendig werden können. Aber so vielen Familien ist nichts geblieben. Sie können nicht irgendwelche Gebäude aufsuchen oder sich in einer Sammlung wertvoller Objekte wiederfinden. Geschichten können nur dort erzählt werden, wo es noch Spuren gibt. Als das erste Buch rauskam, erhielt ich viele Zuschriften von Menschen, die mir berichteten, dass das Einzige, was ihnen blieb, eine riesige Abwesenheit von Spuren war. Deshalb gehört zu Arbeit des Erinnerns auch, das Schweigen der anderen anzuerkennen.

STANDARD: In Ihrem Buch erwähnen Sie Jean Améry, den österreichischen Autor.

De Waal: Ich möchte wirklich, dass mehr Menschen Jean Améry lesen. Er wird immer wichtiger für mich, denn er spricht über Erinnern als aktives Verb. Für ihn ist das Gegenwart, ein ständiger Prozess. Améry lesen und aktiv erinnern müsste immer am Anfang stehen, sobald man sich mit Geschichte auseinandersetzt. (Sabine Scholl, ALBUM, 24.10.2021)