Ein Kniefall vor dem Kultmaler des "Schreis", der aufgeht: Architektur und Ausstellungskonzept passen zusammen.

Foto: Ivar Kvaal

Auf dem Weg zum neuen Munch-Museum in Oslo stolpert man an einem aus schwimmenden Holzhäusern bestehenden "Sauna Village" vorbei. Vom Wasser eingerahmt ist das neue Ausrufezeichen der Stadt, das am Freitag eröffnet wurde. Mit seiner geknickten Turmspitze scheint es in die Tiefe zu schauen, auf die Schiffe im Hafen und die wagemutigen Schwitzenthusiasten, die bei Eiseskälte ein Bad im Oslofjord nehmen.

Was für ein Kontrast zu dem 1963 eröffneten Vorgänger im Arbeiterstadtteil Tøyen, zwei Kilometer nordöstlich vom Zentrum. Touristen verirrten sich eher selten zufällig dorthin. Daran änderte auch die Erweiterung von 1994 wenig – im Gegensatz zur neuen, von dem norwegischen Architekturbüro Snøhetta entworfenen Oper, die sich in der Bucht von Bjørvika vor der Innenstadt von Oslo schnell zum Kulturmagneten entwickelte.

In den Bauch schauen

Seitdem ist das ehemalige Werftenviertel zum Spielplatz für moderne Architektur aufgestiegen. Diese Erfolgsgeschichte setzt man mit dem spektakulären Kniefall vor dem Kultmaler des Bilds Der Schrei, den man nicht zuletzt aus Marketingzwecken ins Zentrum der Stadt holt, jetzt fort. Das 58 Meter hohe Hochhaus mit dreizehn Stockwerken, 26.000 Quadratmetern Grundfläche und einer horizontal gewellten Fassade aus recycelten Lochblechen geht auf das Konto des Estudio Herreros aus Madrid. Die Spanier haben ganz auf soziale Interaktion gesetzt: Die Eingangshalle ähnelt einer weitläufigen Piazza, elf Ausstellungshallen stapeln sich in die Höhe, und die an den riesigen Panoramafenstern angebrachten Rolltreppen erinnern an das Pariser Centre Pompidou.

Das Museum von außen.
Foto: AFP

Auf dem Weg nach oben gibt es immer wieder Gelegenheit, durch transparente Wände in den Bauch des Museumsbetriebs hineinzuschauen: von der Bibliothek über Büros bis zu den Werkstätten für die Restaurierung. Auditorium, Kino und Räume für Workshops passen auch noch hinein. Die Aussichtsplattform im 13. Stock erlaubt schließlich einen grandiosen Blick auf den Fjord, ein Schauspiel, das sich abhängig von den Lichtverhältnissen immer wieder verändert.

Aber erfüllt das Ausstellungskonzept auch die von der Architektur geweckten Erwartungen? Zumal es, wie es zuletzt etwa das MoMA in New York vorgemacht hat, auf jegliche Chronologie verzichtet? Denn es dominieren Themenschwerpunkte den Parcours. Mit Kapiteln wie "Sterben", "Die Anderen", "Das Ich" oder "Gender" hat man in Munchs Universum natürlich gerechnet, hier geht das Konzept erstaunlich gut auf, wenn man etwa durch die Gegenüberstellung des gleichen Motivs in unterschiedlichen Medien zu verstehen beginnt, wie Munch über Jahre hinweg die Wirkung zu verstärken suchte.

Schnell vorbei am "Schrei".
Foto: AFP

Auch dass der ikonische Schrei in einem abgedunkelten Raum zum Monument erstarrt, irritiert nicht wirklich. Die Inszenierung ist zwar der Lichtempfindlichkeit der drei Versionen geschuldet – Lithografie, Pastell und Tempera –, aber wohl auch dem Bedürfnis, einen Mona-Lisa-Effekt zu schaffen, der durch offene Sichtachsen auf Bilder von spazierenden Mädchen oder Männerporträts konterkariert wird.

Für eine Überraschung sorgen einige Räume mit gigantischen Deckenhöhen. Sie machen die Präsentation übergroßer Gemälde möglich. Dank eines großen Schlitzes an der Außenwand des größten Saals konnten diese Großformate, die nicht ausreichend Platz im Fahrstuhl fanden, mit einem Kran hinauftransportiert werden.

Für Freunde des Horrors

Der Aufwand hat sich gelohnt, denn selten hat man in einem Raum so viel Jenseitssehnsucht erlebt – in den starr blickenden Gesichtern der Männer und Frauen, die sich Richtung Himmel zu einem "menschlichen Berg" türmen. Dem Prinzip des Überdimensionalen kann auch Tracey Emin einiges abgewinnen. Ihre Sonderschau huldigt Munch mit fotografischen Einblicken in schlaflose Nächte. Die Erschöpfung der Britin manifestiert sich in ihrem gequälten Gesicht, das sie in Großaufnahmen bis zur Hochdecke installiert hat. Oder in einem Schrei, der als Hommage aus einer Videoinstallation ertönt.

Einblick in die geräumigen Hallen.
Foto: Reuters

Der dazugewonnene Platz ist ein Glücksfall: Unzählige faszinierende Werke, die vorher im Depot schlummerten, konnten dem Vergessen entrissen werden, etwa die Holzschnitte in einem Extraraum, Malutensilien und Munchs persönliche Gegenstände in einem großartig inszeniertem "Schattenraum", in dem seine Haushälterin als Geisterprojektion ihre Geschichte erzählt.

Den "Grünen Raum", genannt nach einer Gemäldeserie von 1907, sollten nur jene betreten, die immersive Elemente schätzen. Gezeigt werden Menschen in einem Zimmer mit grünen Tapeten. Die damals verwendete Farbe enthielt Arsen, weswegen man vermutet, sie könnte Munchs Bewusstsein getrübt haben. Aber welche Dosis Wahnsinn verträgt man selbst? Freunden gepflegten Horrors sei der Eintritt empfohlen – schlaflose Nächte sind garantiert.(Alexandra Wach, 25.10.2021)