In China wurde die Macht von Wechat selbst der Regierung schon unheimlich.

Foto: Reuters/Florence Lo

Das Unternehmen Meta, bis vor kurzem noch als Facebook firmierend, hat vieles: Da wäre das weltweit größte Social Network, nach wie vor Facebook genannt. Gleich zwei Messenger, neben dem Facebook Messenger auch das global beliebteste Chat-Werkzeug Whatsapp. Die Foto- und Videostory-Plattform Instagram. Dazu auch noch eine Flohmarktplattform, einen Datingdienst, einen Bezahlservice. Und natürlich einen Werbeservice, der Zahlungswilligen auf vielen dieser Plattformen Reichweite verschafft. Die Aufzählung ist nicht vollständig.

Es mag die umfassendste Aufstellung der westlichen Tech-Konzerne sein, aber es ist beileibe nicht die einzige Konzentration zahlreicher Angebote unter einem Dach. Auch mit Google kann man längst nicht nur Websuchen machen, sondern auch Preise vergleichen, Video-chatten, bezahlen, mit dem Sprachassistenten Restauranttische buchen (wenn auch noch nicht bei uns), auf ein umfangreiches kostenloses oder kostenpflichtiges Sortiment an Musik und Videos zugreifen. Die Aufzählung ist nicht vollständig.

Auch Apple, Amazon und Microsoft sind längst nicht mehr nur noch Computerverkäufer, Onlinehändler oder Softwarefirmen. Auch hier findet man teils mit riesiger Marktdominanz ausgestattete Dienste aller Art, von denen sich viele an private Nutzer richten.

Der logische nächste Schritt

Doch was ist der nächste Schritt? Die Anzahl der Angebote, die man selbst schafft, zukauft oder zumindest von Drittfirmen integriert, wird absehbar weiterwachsen. In einigen Städten sieht man in Google Maps etwa schon freie Leih-E-Scooter, die auch für Routenplanung berücksichtigt werden können.

Dass eines Tages auch das Mieten über die Karten-App möglich ist, scheint keine besonders abenteuerliche Prognose zu sein. Es erspart dem Nutzer die Installation einer weiteren App. Niemand ist auf Dauer bereit, für jeden einzelnen Service eines Anbieters ein eigenes Programm zu installieren, schon gar nicht, wenn es dutzende davon gibt. Und ein guter Teil der Dienste ist bereits auf eine solche Art "zentralisiert", nicht am Handy, sondern über die Sprachassistenten.

Doch auch die "Super-Apps", die zunehmend mehr täglich genutzte Funktionen auf einer einheitlichen Plattform bzw. in einer App am Telefon versammeln, dürften nur noch eine Frage der Zeit sein.

Wechat, die App für den Alltag

Dass Facebook zu Beginn dieses Textes dezidiert als "westlicher" Tech-Konzern bezeichnet wurde, hat gute Gründe. Denn andernorts ist die Super-App bereits Realität: China. Dort ist es das vom Tech-Giganten Tencent betriebene Wechat (Weixin), das mittlerweile die Rolle als "Plattform für (fast) alles" innehat. Gestartet als Messenger, gehören nun zahlreiche Zusatzfunktionen dazu. Man kann mit der App Stromrechnungen bezahlen, Geld schicken und empfangen, Arzttermine buchen, Taxis bestellen, Essen ordern, Nachrichten lesen, Jobs suchen und sogar ein Visum für manche Länder beantragen. Auch hier gilt: Die Aufzählung ist nicht vollständig – und zwar bei weitem nicht.

Im ersten Quartal 2021 meldete Wechat 1,24 Milliarden User. Gemeint ist dabei nicht die noch höhere Gesamtzahl, sondern die Anzahl der monatlich aktiven Nutzer. Aktuelle Zahlen darüber, wie viele es außerhalb Chinas sind, gibt es nicht. Geschätzt wurde die Zahl 2020 auf 100 bis 200 Millionen, davon alleine 19 Millionen in den USA. In die Expansion wurde in der Vergangenheit durchaus Geld gesteckt, 2013 etwa engagierte man Fußballstar Lionel Messi für eine Werbekampagne. In einigen asiatischen Ländern ist Wechat recht erfolgreich. Im Westen hingegen fehlt das große Interesse, die Nutzerschaft dürfte sich hauptsächlich auf die chinesische Diaspora beschränken.

Erschwerend kommt hinzu, dass Auslandsnutzer sich aufgrund eines neuen Datenschutzgesetzes in China nun entscheiden müssen, ob sie ein Konto bei Weixin oder bei Wechat betreiben wollen. Denn die heimische und internationale Sparte werden künftig strenger getrennt.

Mehr Dienste, mehr Daten

Auf den ersten Blick erscheint eine solche Super-App als komfortabel. Statt sich für alle möglichen Dienste eigene Apps installieren zu müssen, benötigt man nur noch eine. Für integrierte Services von Drittanbietern reicht das Anlegen eines Accounts. So manche Serienfreunde träumten angesichts des immer größer werdenden Anbieterfelds von der Möglichkeit, Netflix, Amazon Video, Disney+ und Co in einer App nutzen zu können. Ihr Wunsch könnte in Erfüllung gehen.

Aber sollte er das auch? Die Vereinigung zahlreicher eigener und fremder Dienste an einer Stelle ermöglicht auch einen beträchtlichen zentralisierten Datenfluss. Selbst ein oberflächlicher Datenaustausch kann schon vieles preisgeben: wann wir einen Arzttermin buchen, wann und wo wir gerne Videos streamen, was unsere Lieblingslokale und Onlineshops sind oder mit wem wir oft Nachrichten austauschen.

Wesentlich "neugierigere" Varianten, die die Datenflut, die manche Tech-Konzerne heute schon generieren, deutlich übersteigen, sind leicht denkbar, und auch recht strenge Datenschutzregeln, wie sie durch die DSGVO etabliert wurden, schützen nicht gegen alle Formen digitaler Neugier. Die Anbieter der Super-Apps gewinnen doppelt. Sie können nicht nur Transaktionen mitschneiden, die mit ihrer Mithilfe in ihrem Store oder mit ihrem Bezahlservice abgewickelt wurden, sondern erlangen auch mehr Wissen für zielgerichtete Werbung.

Gleichzeitig bestimmen sie über ihre stetig wachsende Reichweite aber auch über Gedeih und Verderb anderer Services mit – schlicht, indem sie entscheiden, wer auf ihrer Plattform anbieten darf und wer nicht. Interessenkonflikte sind vorprogrammiert.

Die Gewinnung und Vermarktung solcher Informationen ist nicht der einzige Faktor. Auch die Nutzung einer Super-App zur Überwachung ist ein nicht zu unterschätzendes Risiko. Dass die chinesische Regierung dank Wechat recht schnell und friktionsfrei an viele Daten ihrer Bürger kommt, darf als gegeben angenommen werden. Ähnliche Dienste in westlichen Gefilden dürften auf erhöhtes Interesse der Behörden stoßen. Und sollte genau an jenem "Hub" ein Datenleck auftreten, freuen sich Cyberkriminelle ebenfalls über einen Jackpot.

Marktmachtdiskussion

Während auf der einen Seite Behörden und verschiedene Politiker immer wieder darauf drängen, verschlüsselte Messenger mit gefährlichen (und die Verschlüsselung de facto außer Kraft setzenden) Hintertüren auszustatten, muss auf der anderen Seite unweigerlich die Diskussion über die Marktmacht der Tech-Riesen geführt werden.

Klar, ein Szenario, das die Situation in China 1:1 abbildet, droht auf absehbare Zeit nicht. Das Überwachungsregime in China ist deutlich weiter fortgeschritten, und die westlichen Tech-Riesen stehen untereinander in erbitterter Konkurrenz. Es gibt ein Minimum an Datenschutz, der auch als Feature vermarktet wird. Zumindest nach außen wollen die Anbieter Nutzerinformationen nicht ohne weiteres preisgeben. Die Zusammenarbeit zwischen Silicon Valley und den Behörden – man erinnere sich an den Fall des iPhones des Attentäters von San Bernardino – ist durchaus konfliktreich.

Doch soll man die zunehmende Konzentration an Einfluss in immer mehr Sphären des Lebens deswegen zulassen, oder braucht es strengere Gesetze und Kartellregeln? Mittlerweile gibt es in den USA selbst bei den üblicherweise laut gegen Markteingriffe protestierenden Republikanern einige Befürworter der zweiten Option, wenn auch nicht unbedingt aus denselben Gründen, aus denen viele Demokraten darauf drängen. Auch in Europa ist die Frage zumindest auf der Agenda.

Auch in China selbst scheinen Super-Apps der Regierung nicht mehr ganz geheuer zu sein, wenngleich es hier vorrangig um wirtschaftliche Aspekte geht. Wechat und andere große Plattformen werden seit kurzem dazu verpflichtet, ihre Plattformen für konkurrierende Angebote zu öffnen, um sie nicht mit schierer Marktmacht zu verdrängen. (gpi, 2.11.2021)