Urzeitkrebse heißen so, weil es sie schon seit hunderten Millionen Jahren gibt, in denen sie sich äußerlich nicht merklich verändert haben. Sie sind strikt ans Wasser gebunden und besiedeln dennoch Gewässer, die nur wenige Wochen oder Monate bestehen.

Zeiten der Trockenheit überstehen sie als Dauereier, die noch nach Jahrzehnten wieder zum Leben erwachen können. Im Haus des Meeres in Wien widmete sich kürzlich ein Themenabend der neuen Reihe "Wass-er-Leben" des Vereins Wissenschaft und Forschung den faszinierenden Tieren.

16 Arten von Urzeitkrebsen sind in Österreich zu finden. Durch geänderte Landnutzung und Trockenlegung von Sutten büßen sie jedoch zunehmend Lebensraum ein.
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Während in diversen Zuchtsets und Experimentierkästen bevorzugt Triops-Arten und Salinenkrebschen (Artemia) angeboten werden, umfassen die Urzeitkrebse – wissenschaftlich als Groß-Branchiopoden bezeichnet – tatsächlich drei Gruppen, nämlich die Feenkrebse oder Anostraca, die Rückenschaler (Notostraca) und die Muschelschaler (Conchostraca).

Ihnen allen gemeinsam sind zahlreiche dicht mit Blättchen besetzte Beinpaare, mit denen sie sowohl schwimmen als auch atmen und Nahrung erwerben können, und ihr Lebensraum, nämlich Gewässer, die nur für kurze Zeit bestehen. Sonst gibt es zwischen den drei Gruppen aber große Unterschiede: Feenkrebse haben keinen Panzer, schwimmen mit dem Bauch nach oben und filtern dabei mit ihren Beinchen Mikroorganismen und Schwebstoffe aus dem Wasser.

Die Muschelschaler haben am ganzen Körper einen Panzer und leben am Boden, wo sie ebenfalls organisches Material filtrieren, während die Rückenschaler gepanzerte Allesfresser sind, die ihre Nahrung vorwiegend aus dem Bodenschlamm wühlen. Zu ihnen gehört auch der größte heimische Urzeitkrebs, der Sommer-Schildkrebs (Triops cancriformis) mit bis zu elf Zentimeter Länge.

Unverwüstliches Erbe

Insgesamt gibt es 16 Arten von Urzeitkrebsen in Österreich, die meisten davon in den March- und den Donauauen. Überschwemmungen angrenzender Wiesen und Felder schaffen immer wieder vorübergehend flache Seen, Tümpel und Pfützen, in denen die Krebse leben.

Doch was passiert, wenn diese Gewässer nach ein paar Wochen oder Monaten austrocknen? Immerhin sind Urzeitkrebse strikt ans Wasser gebunden. Tatsächlich sterben die Tiere mit dem Austrocknen unweigerlich, doch sie hinterlassen ein ungemein widerstandsfähiges Erbe: sogenannte Dauereier.

Die Kügelchen sind so winzig, dass hunderte von ihnen in einen Stecknadelkopf passen, wie der Branchiopodenexperte Erich Eder von der Sigmund-Freud-Privatuniversität Wien erklärt, aber extrem zäh. Selbst jahrzehntelange Trockenheit kann ihnen nichts anhaben: Wenn sie wieder von Wasser umgeben sind, schlüpfen daraus kleine Larven, die sich innerhalb weniger Tage zu geschlechtsreifen Krebsen entwickeln.

Keine Stoffwechseltätigkeit

Doch die Dauereier halten noch mehr aus: Selbst nach Eintauchen in kochendes Wasser, flüssigen Stickstoff, der immerhin eine Temperatur von minus 210 Grad Celsius hat, oder stark ätzende Säuren war das Ergebnis immer gleich: Sobald die Eier ins Wasser verbracht wurden, schlüpften daraus unbeschadete kleine Larven.

Dabei handelt es sich bei den Dauereiern eigentlich nicht um Eier, sondern um Dauer-Zysten: In ihrem Inneren befindet sich nämlich kein undifferenzierter Gewebe-Brei, sondern der fertige Larven-Embryo, allerdings in völlig ausgetrocknetem Zustand.

In dieser Phase konnte bei den Embryonen bis jetzt keinerlei Stoffwechseltätigkeit nachgewiesen werden. Nach klassischer Auffassung wären sie demnach tot, aber eben nur auf Zeit, was durchaus auch einen neuen Blick auf die Definition des Lebens angestoßen hat, wie Eder meint: "Die US-Raumfahrtbehörde Nasa etwa verzichtet heute auf die Notwendigkeit eines Stoffwechsels als Kriterium für Leben."

Überleben in der Wüste

Ob tot oder nicht: Die Dauereier garantieren jedenfalls die Verbreitung der Krebse. Die Weibchen einiger Arten tragen sie nämlich in leuchtend bunten Eibeuteln, wodurch sie von hungrigen Vögeln leicht entdeckt und gefressen werden. In deren Gefieder oder Darm können die Zysten über weite Strecken verbreitet werden. Der "umkehrbare Tod", wie Erich Eder es nennt, ermöglicht den Urzeitkrebsen auch die Besiedlung von Lebensräumen, die für Wassertiere auf den ersten Blick denkbar ungeeignet scheinen.

So findet sich in Australien die weltweit höchste Artenvielfalt an Branchiopoden, obwohl 70 Prozent des Kontinents von Wüsten und Halbwüsten eingenommen werden. Zur Regenzeit entstehen dort oft flache, aber großflächige Seen, in denen die Krebse vorübergehend hervorragende Lebensbedingungen finden.

Wie jedoch hat sich eine solche Lebensweise überhaupt entwickelt? Man nimmt an, dass die Urzeitkrebse nach ihrer Entstehung vor rund 500 Millionen Jahren lange Zeit im Meer lebten, 200 Millionen Jahre später aber in Binnengewässer auswichen, um den mittlerweile aufgekommenen räuberischen Fischen zu entgehen.

Tatsächlich ist der große Vorteil der vergänglichen Gewässer, in denen sie seitdem leben, dass diese keine Fische enthalten. Andere potenzielle Fressfeinde, die das Wasser neu besiedeln, brauchen für ihre Entwicklung gewöhnlich länger als die Krebse, sodass auch sie keine nennenswerte Gefahr darstellen.

Bedrohung in Parndorf

Dass die meisten heimischen Urzeitkrebse trotzdem gefährdet sind, liegt in erster Linie daran, dass ihre Lebensräume seltener werden: Sogenannte Sutten, also Stellen, an denen sich Regen-, Schmelz- oder Überschwemmungswasser über Wochen und Monate halten kann, werden häufig eingeebnet, um sie landwirtschaftlich besser nutzen zu können, oder fallen der Verbauung zum Opfer. So war ein burgenländisches Urzeitkrebsvorkommen durch die Erweiterung des Gewerbeparks Parndorf gefährdet.

Durch die Umsiedlung der Krebse und die Errichtung eines Naturschutzgebietes konnten die Tiere gerettet werden, aber "das Ziel kann nicht sein, alle Sutten unter Schutz zu stellen", erklärt Tobias Schernhammer vom Vienna Institute for Nature Conservation & Analysis (Vinca). Stattdessen läuft im Burgenland derzeit das Projekt "SuttenReich" des Österreichischen Kuratoriums für Landtechnik und Landentwicklung, mit dessen Hilfe Landwirte auf diese wertvollen Lebensräume aufmerksam gemacht und für deren Erhaltung gewonnen werden sollen.

Interessanterweise ist es unter anderem die rege Bautätigkeit von Wien, die die vorübergehenden Gewässer in Ostösterreich gefährdet, wie Schernhammer erklärt: "Der ausgehobene Humus wird verschenkt, und den verwenden die Landwirte gerne zum Verfüllen der Sutten."

Das ist umso bedauerlicher, als ausgerechnet Sutten in Äckern gut für viele Urzeitkrebse sind, denn Wasserflächen mit dicht bewachsenen Böden enthalten oft zu wenig Sauerstoff für sie. Wie sich die jeweilige Landbewirtschaftung auf das Vorkommen von Urzeitkrebsen und deren genetische Vielfalt auswirkt, will das Naturhistorische Museum Wien in nächster Zeit diesseits und jenseits der March untersuchen. (Susanne Strnadl, 9.11.2021)