In einer Atmosphäre wie bei einem Rockkonzert stellte Präsident Nayib Bukele Krypto-Investoren die Pläne für Bitcoin City vor.

Foto: AP/Salvador Melendez

Der kleine mittelamerikanische Staat El Salvador an der Pazifikküste setzt auf die Kryptowährung Bitcoin. Nachdem im September Bitcoin neben dem US-Dollar als offizielles Zahlungsmittel eingeführt wurde – ein weltweit bisher einzigartiges Vorgehen –, wälzt Präsident Nayib Bukele weitere ehrgeizige Pläne. Vor Investoren präsentierte er am Wochenende Bitcoin City – eine eigene Stadt rund um die Kryptowährung, die in der Region La Unión entstehen soll. Das Besondere: Als Sonderwirtschaftszone sollen dort abgesehen von einer Mehrwertsteuer, die in El Salvador üblicherweise 13 Prozent beträgt, keine weiteren Steuern anfallen.

"Investieren Sie hier und verdienen Sie so viel Geld, wie Sie wollen", rührte Bukele die Werbetrommel. Er hat dabei offenbar besonders sogenannte Miner im Visier, die über Rechenleistung neue Bitcoin erzeugen. Über ein Geothermiekraftwerk, das durch den Vulkan Conchagua gespeist wird, soll die Energie erzeugt werden, die dafür nötig ist. Vergangenes Jahr hat China, wo etwa 70 Prozent aller Bitcoin geschürft wurden, der Mining-Industrie wegen des enormen Strombedarfs den Stecker gezogen. Vom Exodus der Branche will nun auch El Salvador profitieren.

Kosten von 300.000 Bitcoin

Die Regierung werde die Infrastruktur zur Verfügung stellen, private Investoren sollen dann Büros, Einkaufszentren und Wohnungen errichten. Die Kosten dafür bezifferte Bukele mit etwa 300.000 Bitcoin. Nach derzeitigem Bitcoin-Kurs von etwa 57.000 Dollar entspricht dies 17,3 Milliarden Dollar. Auch zur Finanzierung des Projekts setzt der 40-jährige Staatschef teilweise auf die Kryptowährung. Nächstes Jahr will er erstmals auf Bitcoin lautende Staatsanleihen begeben.

Aber klingt das nach einer tragfähigen Strategie? Kryptoexperte Beat Weber von der Oesterreichischen Nationalbank ist nicht überzeugt. "Das Ganze ist schon auch aus der Not geboren", sagt er über die ehrgeizigen Pläne des Präsidenten. "Es geht darum, ausländische Investoren zu begeistern." Diese sollen in ein Offshore-Steuerparadies gelockt werden. "In diesen Überlegungen kommen die Bürger in El Salvador nicht vor", betont Weber.

Holprige Einführung

Bereits die Ankündigung, die Kryptowährung neben dem Dollar als gesetzliches Zahlungsmittel einzuführen, sei erstmals vor US-Publikum auf einer Bitcoin-Konferenz erfolgt. "Schon das zeigt, worum es geht", sagt Weber. Tatsächlich verlief die Einführung im September holprig und führte zu Protesten der Bevölkerung, in der längst nicht alle Bukeles Begeisterung für Bitcoin teilen. Erst war die eigene elektronische Geldbörse namens Chivo, was so viel wie "cool" bedeutet, mit 30 Dollar Startguthaben in Bitcoin nicht für alle mobilen Geräte erhältlich, dann gab es auch weitere Anfangsprobleme.

Die Folge: Im Alltag bezahlen die 6,5 Millionen Bürger weiterhin fast nur mit Dollar, obwohl Händler Bitcoin annehmen müssen, die technisch dazu in der Lage sind. Auch Steuern können damit bezahlt werden. Aber wegen der hohen Wertschwankungen hält Weber Bitcoin als gesetzliches Zahlungsmittel für ungeeignet. "Geld muss einen stabilen Wert haben", betont er.

Im "Global Competitiveness Report" des Weltwirtschaftsforums liegt die Volkswirtschaft El Salvadors auf dem 103. von 141 Rängen. Bisher lebte das Land vom Export von Kaffee, Zucker, Shrimps, Baumwolle und Gold sowie Chemikalien und Textilien. Ob sich nun auch eine Bitcoin-Industrie etabliert oder das Projekt auf Sand gebaut ist, bleibt abzuwarten. Allein die Ausgabe von Staatsanleihen in Bitcoin ist hochriskant. Sollte dessen Wert gegenüber dem Dollar weiterhin stark ansteigen, würde dies im selben Ausmaß auch auf die Staatsschulden zutreffen. (Alexander Hahn, 23.11.2021)