Ruiss: "Man hat andere Seiten am Fußball entdeckt."

Foto: AP/Leutner

Text aus der Erstausgabe der ballesterer bibliothek, seit 19. November im Zeitschriftenhandel und digital im Austria-Kiosk erhältlich.

Foto: ballesterer

"Ich war für ganz schnelle, kurze Sachen immer gut und überraschend genug", sagt Gerhard Ruiss. Der Schriftsteller spricht nicht über seine Gedichte, sondern seine Fähigkeiten als Fußballer. 2006 gehörte er zu den Gründern der österreichischen Autorenmannschaft, jetzt wartet der ehemalige Nachwuchskicker von Slovan auf sein Abschiedsspiel. Pandemiebedingt musste es schon mehrfach verschoben werden. "Ich möchte es haben, bevor ich 71 werde. Schön langsam braucht es Jüngere."

ballesterer: Was ist das Wiener Kaffeehaus für Sie?

Gerhard Ruiss: Viel Zeit für Leute mit wenig Geld. Man kann lange bei einem kleinen Braunen sitzen, hat ein Zeitungsangebot und kann Leute treffen. Wenn es zum Stammcafé wird, ist es eine Art erweitertes Zuhause. Das kommt aus der Tradition des knappen Wohnraums, denn damit betritt man den erweiterten, leistbaren beheizten Wohnraum. Im Kaffeehaus gibt es Auszeiten. Es hat diese Aura auch in einer Zeit, die so ins Rasen gekommen ist, behalten.

ballesterer: Welche Rolle spielt der Fußball im Kaffeehaus?

Gerhard Ruiss: Historisch eine große, in der Wiener Kulturtradition hat der Fußball eine wesentliche Rolle gespielt. Die Wirtshäuser waren die Orte für die großen, unmittelbaren Emotionen, da konnte man die Euphorie oder den Frust ausleben. In den Kaffeehäusern hat man grundsätzlicher geredet. Sie waren ein Ort, um zu sinnieren – über den Fußball, über das Leben, über die Welt.

ballesterer: Die Blüte war in der Zwischenkriegszeit. Als Sie in den 1970er Jahren erstmals publiziert haben, war da der Fußball noch Thema?

Gerhard Ruiss: Er war in der Publizistik damals nicht wirklich wichtig. Und es ist auch zu Brüchen gekommen, weil der Fußball ein Aufstiegsmodell geworden ist. Auf einmal ist es um Geld gegangen. Das war in meiner Jugend, als ich bei Slovan/Olympia gespielt habe, noch anders. Im besten Fall hätte man Vertragsspieler werden können und hätte damit vielleicht die Hälfte des Gehalts von einem Ausbildungsberuf bekommen. Verdiente Fußballer haben am Ende ihrer Karriere auf eine Tankstellenpacht hoffen können. Aber ab den 1970ern hat es neue Aufstiegsmodelle gegeben – für die einen, indem sich die Universitäten geöffnet haben, für die anderen unmittelbarere Wege wie durch den Fußball und die Popkultur, die keine besondere Zusatzausbildung benötigt haben. Das waren selbst gewählte Wege der Jugendkulturen.

ballesterer: Haben die Berührungsängste der Hochkultur, wenn man sie so definieren will, auch mit Klasse zu tun gehabt?

Gerhard Ruiss: Die einen Aufsteiger haben sich sicher von den anderen abgegrenzt. Viele dieser Generation haben sich ihrer Geschichte entledigt. Ich nicht, weil ich dafür zu sehr Gemeindebaukind war. Das habe ich nie vergessen. Und ich habe immer großen Respekt vor dem Fußball gehabt. Den muss man auch erst einmal spielen können. Für mich war er immer ganz wichtig, aber er war nicht alles.

ballesterer: Sie haben Schriftsetzer gelernt. War das eine attraktive Lehre für junge Fußballer?

Gerhard Ruiss: Es hat immer Mannschaften gegeben, auch in der Staatsdruckerei, aber das war reines Freizeitvergnügen. Einige von uns haben besser gespielt, einige weniger gut, einige waren ambitioniert, aber nicht begabt, und die meisten sind irgendwann wieder ausgestiegen. Der Fußball war auch unter Autoren eine Freizeitbeschäftigung, aber es hat keine intellektuelle Befassung damit gegeben. Das wichtige Thema war ein anderes: das Aufbegehren gegen das Establishment.

ballesterer: Und der Fußball war kein Teil davon?

Gerhard Ruiss: Nein, der ist irgendwo gestanden. Er war weder rebellisch noch eine Stütze des Establishments.

ballesterer: Wann haben Sie zum ersten Mal über Fußball geschrieben?

Gerhard Ruiss: Ganz bewusst 2002. Für "Mein Leid am Mittwoch" habe ich einen Beitrag zur österreichischen Fußballmentalität geschrieben. Die Anthologie geht auf die Gefühlslage ein, die jemand, der den österreichischen Fußball und seine Geschichte liebt, gut kennt. Am Mittwoch war Europacuptag, das hat selten im Triumph geendet. Manchmal gibt es Zwischenhoffnungen, dann wieder eine Serie von Niederlagen, es ist überwiegend eine Leidensgeschichte.

ballesterer: Inwieweit sieht man im Fußball eine österreichische Mentalität? Auch viele Ihrer Gedichte aus dem Band "Gegen den Ball" handeln vom Sudern über unverschuldete Niederlagen.

Gerhard Ruiss: Das ist die österreichische Mentalität. Die kommt im Fußball sehr gut zum Ausdruck – unmittelbar, ungeschützt und direkt. Man ist immer ohnmächtig gegenüber den Verhältnissen. Das ist zwar Blödsinn, aber eine Ausrede, mit der man gut leben kann. Und im Fußball hat man immer ein Arsenal an Möglichkeiten, um nicht gewinnen zu können. Am Ende fühlt man sich aber als der moralische Sieger.

ballesterer: Hält die Mentalität der Realität stand? Wiener Fußballer wie David Alaba sind ja nicht nur moralische Sieger.

Gerhard Ruiss: Solche Spieler hat es auch schon früher gegeben. Aber ihre großen Karrieren finden nicht in Österreich statt, sondern erst, wenn die Spieler weggehen. Und es hat immer die gegeben, die sie vergeigen. Erich Hof war zum Beispiel ein Fußballgenie, eines der wenigen, die es überhaupt gibt. Aber er hat nur zum Wiener Sport- Club gepasst – und zum Nationalteam.

ballesterer: Wie ist der Sinneswandel in der Literatur Anfang der 2000er Jahre passiert?

Gerhard Ruiss: Man hat andere Seiten am Fußball entdeckt. Vielleicht auch, weil Begriffe wie Völkerverständigung im Kalten Krieg Floskeln des Warschauer Pakts waren, denen man keine Bedeutung zugemessen hat. Plötzlich war es wieder möglich, über so etwas wie Kulturaustausch nachzudenken – und man hat begriffen, dass Fußball eine Weltsprache ist. Verschiedene Kulturräume haben sich für den Fußball geöffnet, und es hat eine stärkere Durchmischung gegeben. Auch, dass Menschen vielleicht keine weiße Hautfarbe mitbringen, aber den Dialekt, um Wiener zu sein. Vorher gab es lange den Verdacht, der Fußball sei nationalistisch, rassistisch, männerbündlerisch. Dann hat man gesagt: Selbst wenn er so sein sollte, gibt es noch mehr Grund, sich mit ihm zu beschäftigen. Man muss die Auseinandersetzung dort austragen, wo sie stattfindet – auch mit intellektuellen Mitteln. Für mich ist die Nürnberger Akademie für Fußballkultur, die 2004 gegründet worden ist, darin ein großes Vorbild.

ballesterer: In Österreich gibt es immerhin das Autorenteam.

Gerhard Ruiss: Die Idee ist 2006 zufällig entstanden, die Ungarn haben einen Sparringpartner gesucht. Dann hat unser Kollege Reinhard Prenn Leute zusammengetrommelt. Die Grundidee war der Austausch zwischen Fußball und Literatur, und zwar ohne Betonung auf das jeweils eine. Also wir spielen nicht spaßeshalber Fußball und nehmen die Literatur ernst oder umgekehrt. Es hat ja irgendwann in den 1970er Jahren schon einmal ein Autorenteam gegeben. Das war aber dieses Fußballkasperltheater, das wir nicht wollten. Es sollte Gleichwertigkeit herrschen. Und wir wollten den internationalen Austausch. Es ging um Freundschaft. Wenn sich jemand zu sehr echauffiert hat, habe ich ihm immer gesagt: "Ich weiß, es geht um alles." Dann fällt jedem auf: "Na ja, okay, beruhige ich mich. Es geht eben nicht um alles."

ballesterer: Das Team hat das 565-seitige Buch "Gegen den Ball" herausgebracht. Wie ist es in der Literaturszene angenommen worden?

Gerhard Ruiss: Eigentlich gut, obwohl Anthologien grundsätzlich weniger Chancen auf Wahrnehmung haben. Das Buch ist ein Unikat, weil es nicht nur um Fußballtexte geht, sondern um das Autorenfußballteam. Es erstreckt sich über eineinhalb Jahrzehnte und korrespondiert mit all den Mannschaften, mit denen wir gespielt haben.

ballesterer: Sie haben 2020 Jahr den H.-C.-Artmann-Preis bekommen. Plaudert man bei solchen Anlässen nach der Ehrung über Fußball?

Gerhard Ruiss: Es kann vorkommen, ich lasse mich gerne darauf anreden. Das war ein wichtiger Teil meiner Geschichte. Sie erlaubt mir auch zu sagen, was mir an der Entwicklung im Fußball nicht gefällt. Am Fußball selbst gefällt mir alles, vor allem das sogenannte schöne Spiel. Wenn man zaubern kann, kann man zaubern. Meine Nichte Ines Ruiss hat für Neulengbach gespielt und einmal im Team. Von ihr hat man gesagt, sie sei Instinktfußballerin. So sehe ich das auch. Den Fußball muss man spüren, man kann nicht reflektiert spielen.

ballesterer: Reflektieren ist wahrscheinlich eines der wichtigsten Dinge beim Schreiben. Wie passt das zusammen?

Gerhard Ruiss: Beim Fußball folgt die Reflexion in der dritten Halbzeit. Da kann man ewig über Situationen nachdenken. Nur während des Spiels geht das nicht, das ist dem Schreiben gar nicht so unähnlich. Im Schreibfluss reflektiert man ja möglicherweise auch nicht, das beginnt erst bei der Überarbeitung. (Jakob Rosenberg, 26.11.2021)