Ein Sicherheitsbeamter in Schutzkleidung kontrolliert an einem U-Bahn-Eingang in Schanghai die QR-Codes der Fahrgäste.

Foto: Reuters / Aly Song

Als "demoralisiert" hat Jörg Wuttke die Stimmung unter Expats jüngst bezeichnet. Der Präsident der Europäischen Handelskammer in Peking setzt sich seit Jahren für die Belange ausländischer Geschäftsleute in China ein. Viele der Ausländer dort seien seit zwei Jahren nicht mehr daheim gewesen. Insgesamt sinke die Zahl der Expats stetig – noch 260.000 sind es an der Zahl, so viele Ausländer leben im kleinen Luxemburg auch. Vor zehn Jahren waren es noch über 300.000.

Schuld daran hat vor allem die Zero-Covid-Politik der Regierung. Die Grenzen sind seit Mitte März 2020 geschlossen. Nur mit einer speziellen Einladung, unzähligen PCR-Tests, Impfnachweisen und einer zwei- bis dreiwöchigen strikten Hotelquarantäne ist eine Einreise überhaupt noch möglich. Und es ist kein Ende in Sicht: Bis Ende 2022 sollen die Grenzen auf jeden Fall noch geschlossen bleiben.

Warum aber hält Peking so strikt an dieser Zero-Covid-Strategie fest? Zwar gibt es auch in westlichen Ländern einige Vertreter dieser Politik, diese aber besetzen eher Nischenpositionen. Zu unrealistisch, zu kurzfristig sei diese Strategie, und vor allem ist sie mit Grundrechten nicht vereinbar. In Peking aber ist diese Politik Staatsräson.

Plötzlicher Umschwung

Das bedeutet: Wann immer irgendwo ein Covid-Fall gemeldet wird, werden ganze Städte mit Millionen Menschen abgeriegelt und vom Reiseverkehr getrennt. Wer sich zufällig an einem solchen Ort befindet, hat Pech gehabt: Es folgt eine 14-tägige Quarantäne. Der Vorteil: Im Rest des Landes geht das Leben ungehindert weiter. Wer diesen Herbst zum Beispiel in Schanghai verbrachte, erlebte volle Restaurants und Bars. Covid ist in China die meiste Zeit kein Thema. Bis es dann ganz plötzlich eines ist.

Der Nachteil dieser Strategie: Es gibt kein Ende. Anfangs glaubte man, China verschließe sich einfach so lange, bis man Impfungen habe, und öffne dann die Grenzen. Nun hat man Impfungen schon seit einigen Monaten (Chinas Impfquote liegt bei rund 80 Prozent), aber die halten das Virus nicht auf, sondern verhindern bestenfalls schwere Verläufe. Peking hat sich mit seiner Zero-Covid-Strategie in eine Sackgasse manövriert, aus der es kein Entkommen gibt. Natürliche Immunität konnten Chinesen so auch nicht entwickeln.

Das fällt auch immer mehr Entscheidern in Peking auf. Vor einigen Wochen konnte man deswegen erstmals Artikel von Professoren und Wissenschaftern in der Hongkonger Zeitung "South China Morning Post" lesen, die sachte darauf hindeuteten, dass man vielleicht über Alternativen nachdenken müsse. In China werden Gedanken, die gegen die Linie sind, oft über Bande gespielt: Chinesen in Hongkong oder den USA beginnen, vermeintlich ketzerische Gedanken zu äußern, die dann langsam vom Zentrum in Peking aufgegriffen und integriert werden.

"Magische Kugel"

Spätestens seit Omikron aber ist wieder Schluss mit diesen Gedankenspielen. Am Montag zitierte die linientreue chinesische Zeitung "Global Times" den chinesischen Chefepidemiologen Wu Zunyou: Die Strategie Pekings habe 200 Millionen Infektionen und drei Millionen Tote verhindert. Diese Strategie sei die "magische Kugel" in der Seuchenbekämpfung Chinas.

Solche Zahlenspiele sind freilich immer beeindruckend – welcher Politiker im pandemiegeplagten Europa würde nicht gern von sich behaupten, Millionen Menschen das Leben gerettet zu haben.

Das eigentlich Interessante aber folgte ein paar Absätze später: Dort nämlich erklärt Epidemiologe Wu, was passieren würde, wenn China die Grenzen öffnen und dem Beispiel der USA folgen würde: Das hätte täglich 630.000 Infektionen zur Folge. Würde man die Strategie Großbritanniens kopieren, käme man auf 270.000 Infektionen pro Tag.

Weitere Isolation

Wie genau die Zahlen zustande kamen, erklärte Wu nicht. Klar aber ist: China kann und wird die Grenzen bis auf weiteres nicht öffnen. Sobald dies geschieht, würden die Infektionen in schwindelerregende Höhen steigen. China muss sich also weiter isolieren und seine teure Zero-Covid-Strategie fortführen.

Was das bedeutet, erfuhren zuletzt die Einwohner von Manzhouli, einer 200.000-Einwohner-Stadt in der Inneren Mongolei. Nachdem dort 21 Bewohner positiv getestet wurden, verhängte man Ausreise- und Ausgangssperren über die Stadt. Alle Bewohner mussten am Montag zum Massentest. (Philipp Mattheis aus Schanghai, 1.12.2021)