Das Thema künstliche Intelligenz (KI) löst zumeist Reaktionen im Superlativ aus. Entweder wird sie als "größte Chance" oder "extreme Gefahr" bezeichnet. Fakt ist, dass die KI in der vergangenen Dekade in beinahe jeder Branche ordentlich umgerührt hat. Vor allem große unstrukturierte Datenmengen lassen sich durch maschinelles Lernen effizient aufbereiten. Keine Onlineplattform kommt mehr ohne entsprechende Algorithmen aus.

In einem aktuellen Blogbeitrag auf voxeu.org thematisiert der renommierte Ökonom Daron Acemoğlu vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) die Gefahren von künstlicher Intelligenz und Automatisierung. Er fürchtet, dass sie vor allem im Bereich Big Data eher negative soziale Auswirkungen mit sich bringt als den erhofften Nutzen. Auch Gefahren für Güter- und Arbeitsmarkt erkennt er. Acemoğlu schickt allerdings voraus, dass das Problem nicht in der Technologie per se liege, sondern darin, wie Konzerne mit Daten umgehen.

Ein Roboter beim Sortieren in einem Logistikzentrum. Wenig qualifiziertes Personal wird zunehmend durch Maschinen ersetzt.
Foto: REUTERS/Clodagh Kilcoyne

"Maschinelles Lernen kann Produktqualität verbessern, was dem Konsumenten grundsätzlich zugutekommt", schreibt Acemoğlu. "Sammeln aber Firmen viele Daten über ihre Kunden, resultiert das schnell einmal in Preisdiskriminierung." Sprich, niemand bezahlt denselben Preis. Man kennt das beispielsweise von Flugtickets.

Weiters könne ein Unternehmen in einem Oligopol – also viele Konsumenten und wenige Anbieter – den Wettbewerb gut einschränken, wenn es seine Kunden gut kennt. Beispielsweise weil sie durch gezielte Personalisierung an die Firma gebunden werden und selbst dann nicht zur Konkurrenz wechseln, wenn deren Angebot günstiger wäre. Man kennt das von den großen Tech-Konzernen.

Sorge wegen Manipulation

Eine noch größere Gefahr sieht Acemoğlu, wenn Unternehmen Konsumenten durch Wissensvorsprung manipulieren. Das passiere vor allem dann, wenn Kunden nicht ausreichend verstehen, wie Datenanalysen ihr eigenes Verhalten vorhersagen und dieses dann genutzt werden kann. So habe etwa der US-Einzelhandelsriese Target erfolgreich Schwangerschaften von Frauen prognostiziert und ihnen subtil Werbung für Babyartikel zukommen lassen. "Werbung enthielt schon immer manipulative Elemente, durch KI-Tools wurde das verstärkt", meint Acemoğlu.

Interesse steigt

Rund um den Globus finden Betriebe immer mehr Gefallen an künstlicher Intelligenz, wie die Studie "State of AI 2021" vom Unternehmensberater McKinsey zeigt. Jährlich werden dafür weltweit mehr als 1.800 Interviews in Unternehmen geführt. 56 Prozent der Befragten nutzen KI in mindestens einer Unternehmensfunktion, das sei ein Plus von sechs Prozent gegenüber 2020. Den größten Sprung habe es in Lateinamerika gegeben, von 41 auf 53 Prozent. Und bei mehr als einem Viertel beeinflusse künstliche Intelligenz zunehmend das Unternehmensergebnis.

Den US-Arbeitsmarkt betrachtet der türkisch-amerikanische MIT-Ökonom ebenfalls mit Sorge. Viel deute darauf hin, dass Ungleichheit am Arbeitsmarkt wachse, das habe unter anderem mit zunehmender Automatisierung zu tun. Wenig qualifiziertes Personal würde verstärkt durch Roboter ersetzt. Zwar habe es diesen Effekt auch vor KI-Zeiten gegeben, doch seit 2016 habe die Entwicklung rasant zugenommen.

Um Nähe zu vermeiden, werden in Zeiten der Pandemie noch mehr Roboter in Werken und Lagern installiert.
Foto: Getty Images

Die Pandemie befeuert diesen Trend noch mehr. Um Nähe zu vermeiden, würden noch mehr Roboter in Werken und Lagern installiert, wie eine andere McKinsey-Studie zeigt. Auch kämen mehr Serviceroboter im Kundenumgang zum Einsatz – oder in Büros, um Prozesse zu automatisieren. Dass Automatisierung in naher Zukunft zu Massenarbeitslosigkeit führt, ist jedoch nicht zu erwarten.

Totale Kontrolle

Weiters fürchtet Acemoğlu zunehmende Überwachung des Personals. Zwar könne strengere Kontrolle zu mehr Effizienz und Kosteneinsparungen führen, doch vom sozialen Standpunkt gesehen sei das oft überzogen. Mitarbeiter leisten zwar mehr, und der Betrieb hat kaum monetäre, dafür aber soziale Kosten.

Daron Acemoğlu will nicht nur schwarzmalen, er sieht grundsätzlich viel Potenzial in der Technologie. Seiner Meinung nach fehlt es jedoch an einem umfassenden Regelwerk. Wo es keine Regulierung für KI gibt, entwickle sich vieles in die falsche Richtung, und Konzerne bekämen zu viel Macht. "Es wäre naiv zu glauben, der Markt allein gleicht soziale Defizite und Gewinne durch Datenmonopole aus." Acemoğlu fordert eine Ex-ante-Regulierung, die den Einsatz von künstlicher Intelligenz etwas verlangsamt. Vor allem dort, wo politischer und sozialer Frieden am Spiel stehen.

Was er fordert, ist schwierig. Die USA und China haben ganz eigene Standpunkte. In Europa fehlt noch Handfestes. Im April legte die EU-Kommission einen Gesetzesentwurf vor, der den Einsatz der Technik regeln soll, Beschluss gibt es hier aber noch keinen. (Andreas Danzer, 13.12.2021)