Die Synagoge am Tag nach der Geiselnahme.

Foto: AP/Brandon Wade

Colleyville – Warum? Das ist die zentrale Frage einen Tag nach der Geiselnahme in einer Synagoge im texanischen Colleyville. Zu den Hintergründen äußerte sich dann US-Präsident Joe Biden. "Das war ein Terrorakt", sagte Biden am Sonntag am Rande eines Termins in Philadelphia. Der Demokrat lobte den Einsatz der Polizei, bei dem alle Geiseln unverletzt freikamen. "Sie haben einfach großartige Arbeit geleistet."

Am Samstagvormittag Ortszeit hatte ein Mann in der 26.000-Einwohner-Stadt nahe Fort Worth während eines Gottesdienstes vier Geiseln genommen – darunter den Rabbi – und sich dann stundenlang im Gebäude verschanzt. Abends gab es den ersten Teilerfolg: Der Täter ließ eine männliche Geisel frei. Nach mehr als zehn Stunden dann drangen Spezialkräfte des FBI ins Gotteshaus ein und retteten alle Geiseln. Der Täter kam ums Leben.

Live dabei

Zumindest teilweise konnte man bei der Geiselnahme live dabei sein. Denn der Gottesdienst wurde auf der Facebook-Seite der Gemeinde übertragen. Laut der Lokalzeitung Fort Worth Star Telegram war zu hören, wie der Täter schimpfte und fluchte. Mehrmals soll er gesagt haben, dass er niemanden verletzen wolle – und dass er vermutlich sterben werde. Irgendwann wurde der Livestream beendet.

Zu den genauen Hintergründen der Tat gaben sich die Behörden bedeckt. Der verantwortliche FBI-Beamte Matt DeSarno erklärte lediglich, die Ermittlungen würden globale Reichweite haben. Britische Medien wie die BBC berichteten, der Täter sei Brite gewesen. Dies wollte das britische Außenministerium anfangs am Sonntag nicht explizit bestätigen. Es erklärte lediglich, ein britischer Mann sei in Texas ums Leben gekommen.

Mittlerweile bestätigten aber die britischen Behörden, dass zwei junge Männer in Manchester (Großbritannien) festgenommen wurden – in welchem Zusammenhang sie mit der Geiselnahme in den USA stehen, ist unbekannt. Weitere Details wurden zunächst nicht bekanntgegeben.

Doch nicht der Bruder

Auf der anderen Seite des Atlantiks berichteten US-Medien, der Täter habe eine Gefangene mit mutmaßlichen Verbindungen zur Terrorgruppe Al-Kaida freipressen wollen. Unter anderem schrieb die Washington Post, es handle sich dabei um die pakistanische Wissenschafterin Aafia Siddiqui, die in einem nahe gelegenen Gefängnis in Texas einsitzt. Siddiqui war im Juli 2008 im afghanischen Ghazni festgenommen und 2010 wegen eines Angriffs auf US-Soldaten in Afghanistan von einem US-Bundesrichter zu 86 Jahren Haft verurteilt worden.

Berichte, dass es sich bei dem Täter um ihren Bruder handelt, dementierte Siddiquis Anwalt. Wohl zurecht: Die Polizei gab am Sonntag die Identität des Geiselnehmers bekannt: Demnach handelte es sich tatsächlich um den 44 Jahre alten britischen Staatsbürger. Derzeit gebe es keine Hinweise darauf, dass weitere Personen involviert waren, hieß es weiter.

Die Geiselnahme steht in einer Reihe von anderen antisemitischen Angriffen in den USA in den vergangenen Jahren. Im April 2019 stürmte der 19-jährige John E. eine Synagoge in Poway in Kalifornien und erschoss dort eine Besucherin des Gottesdienstes. Die Polizei sprach danach von einem Hassverbrechen. Rund sechs Monate davor, im Oktober 2018, ermordete ein weiterer Angreifer, Robert D. B., in einer Synagoge in Pittsburgh elf Menschen. (ksh, mesc, APA, 16.1.2022)