Elvis Costello in Lauerstellung. Gleich wird es laut.

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Es gibt wenige Songschreiber, die mit einem derartigen Namedropping in der Nachfolge Bob Dylans durchkommen: In seinem neuen Song Trick Out the Truth erwähnt Elvis Costello nicht nur Godzilla oder die legendäre britische Steuernachlassheilige und Nacktreiterin Lady Godiva aus dem elften Jahrhundert. Auch der Name Gustav Mahler wird in diesem hübsch hingeschluderten Beserlschlagzeugschleicher einfach so zur Gaudi fallengelassen.

Dazu gesellen sich Werwölfe, das historische Phänomen Marx, sowohl von der Brüder-Seite um Groucho als auch vom Genossen Karl aus betrachtet, Benito Mussolini (Buh!) oder die schöne Helena (Yeah!). Die wichtigste Beauty-Influencerin der Antike löste damals immerhin den Trojanischen Krieg aus, was zu angenehm zeitlosen und noch heute gern gehörten Räuberg’schichten führte. Elvis Costello nimmt das alles mit Humor. Er näselt sich mit tapfer geschlagener Gitarre durch die Weltgeschichte.

Das Lied taucht gegen Ende seines neuen, nunmehr 32. Studioalbums auf. The Boy Named If (And Other Children’s Stories) soll laut Künstler davon handeln, endlich erwachsen zu werden. Es geht um die Auseinandersetzung mit dem kleinen imaginierten Freund "If" (für "imaginary friend") auf der Schulter, der einem ständig Flausen in den Kopf setzt. Er hindert unseren rüstigen 67-jährigen König Elvis daran, endlich erwachsen zu werden.

Zünftig, aber zivilisiert

Das Gegenteil kann aber auch der Fall sein. Seine stimmlich wie eh und je verschnupft agierende Hochnäsigkeit mag sich in den Texten dazu nicht eindeutig äußern. Das Album dauert jedenfalls eine knappe Stunde. Danach ist man um 55 Minuten älter geworden. Für eine glückliche Jugend ist es angebracht, diese immer jetzt sofort (!!!) in Angriff zu nehmen, bevor man im Alter wieder zum Kleinkind mutiert. Insofern will Costello also wahrscheinlich nicht vernünftig werden.

Er schwingt gemeinsam mit seiner Stammband The Imposters dieses Mal voll im Saft stehend wieder die angezerrte elektrische Gitarre, als gäbe es kein Leben jenseits der goldenen Jugendzeit. Er kann das sogar noch im Stehen erledigen. Das Kreuz hat sich vom vielen Rocken unter dem Gewicht seiner Fender Jazzmaster noch nicht Richtung Sitzkonzert verabschiedet.

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Der kleine Freund namens If sorgt jedenfalls bei Elvis Costello 2022 dafür, dass es in Liedern wie Farewell, OK oder Penelope Halfpenny mit zünftig, aber zivilisiert gedroschener Klampfe, Bass, Schlagzeug und einer pflichtgemäß wimmernden Kirtagsorgel wieder einmal zugeht wie am Anfang von früher. This Year’s Model, ein legendäres Album von Elvis Costello, stammt aus 1978. Aktuell wurde es knapp vor The Boy Named If als immergrüne Popperle an der Schnittstelle von gemütlichem Pub-Rock, rattenscharfem Punk und zackiger New Wave mit jungen hispanischen Sängern und Sängerinnen neu eingespielt: Spanish Model ist mit Klassikern wie Pump It Up oder (I Don’t Want To Go To) Chelsea ebenso eine Anschaffung wert wie The Boy Named If.

Das mit dem herzhaften Songwriting am Limit der eigenen künstlerischen Ausdrucksfähigkeit hat sich natürlich inzwischen längst gelegt. Immerhin verfeinerte Elvis Costello seine Kunst über die Jahrzehnte dank Alben im Zeichen des Easy Listening, der Klassik, des Jazz, des Funk, Country und Soul. Kollaborationen mit Paul McCartney, Allen Toussaint, The Roots, Burt Bacharach, dem Brodsky Quartet, Bill Frisell, Anne Sofie von Otter sowie Ehefrau Diana Krall zeugen von der musikalischen Diversität und Furchtlosigkeit Costellos.

Hauptsache laut

Er schreckte bisher nur vor dem unvermeidlichen Elton John zurück. Schmäh. Es gibt auf Youtube eine Liveversion des Klassikers Makin’ Whoopee von Elvis gemeinsam mit Diana Krall und Elton "Mein Name ist Duett" John.

Offensichtlich aber braucht Costello bei allem Eskapismus und alten klassischen Alben wie Punch The Clock oder Blood & Chocolate zwischendurch auch eine rockig im Sinne der Beatles, nicht der Rolling Stones, praktizierte Erdung mit der alten Stammband The Imposters. In Quartettbesetzung könnte man vom kleinen Equipment her gesehen zur Not auch im Hobbykeller spielen. Hauptsache laut.

"There are lies you will hear, that they’re singing right now, right here, right here in this song" : Ruhiger kann es auf The Boy Named If auch werden, etwa im hübschen Midtempo-Song My Most Beautiful Mistake. Trotzdem er dieses Mal textlich ein wenig schwächelt, haut Elvis Costello zwischendurch dann tolle Strophen und Kalauer wie diese raus: "She was a part-time waitress with a dream of greatness / That nobody knew of or even suspected / Though it was sometimes reflected in the slant of a mirror / It was buried so deep and so dear."

Der Mann bleibt relevant.

(Christian Schachinger, 20.1.2022)