"Mental Load", oder: Ein Leben inmitten von Klebezetteln.

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Wien – Oft entwickelt sich in Familien eine einseitige Dynamik – die Frau und Mutter übernimmt die Organisation; nur sie weiß, wann das Kind zur Ärztin muss und dass man dafür im Kindergarten Bescheid sagen sollte. Die Rede ist von "Mental Load" – den "unsichtbaren Aufgaben im Unternehmen Familie", wie es Psychotherapeutin Barbara Schrammel von der Beratungsstelle "Frauen* beraten Frauen*" nennt. Nicht selten sind die betroffenen Frauen überfordert.

Mental Load, das ist laut Schrammel, die Vorträge und Workshops zum Thema abhält, die "unsichtbare Schwester der Care-Arbeit". Zu wissen, ob und wann ein Kind geimpft werden muss, den Termin zu organisieren und die E-Card zurechtzulegen – diese Tätigkeiten beschreibt der Begriff Mental Load. Beides laste zumeist auf den Schultern der Frauen, sagte die Psychotherapeutin. Laut der letzten Zeitverwendungsstudie aus den Jahren 2008/2009 verbringen Frauen im Schnitt drei Stunden und 42 Minuten täglich mit Hausarbeit, bei den Männern sind es knapp zwei Stunden.

Das Kümmern beginnt früh

Mental Load ist laut Schrammel zumeist weder Frauen noch Männern ein Begriff. In ihren Vorträgen und Workshops erhalten die Frauen oft zum ersten Mal ein Wort für den Zustand, in dem sie sich befinden, berichtete sie. Die Frauen würden dankbar aufnehmen, dass sie nicht selbst dafür verantwortlich sind, wenn sie nicht alle Aufgaben schaffen. Es handle sich um ein strukturelles Problem.

Doch warum fallen Frauen wie selbstverständlich in diese Rolle? Mädchen kümmern sich früh um Puppen und Kuscheltiere, nahm Schrammel auf die unterschiedliche Sozialisation der Geschlechter Bezug. Nach wie vor sei es gang und gäbe, dass Frauen die Erwerbsarbeit reduzieren, wenn ein Kind ins Spiel kommt. Sie gehen länger in Karenz und nehmen damit Gehaltseinbußen hin, während laut Daten der Arbeiterkammer Väterkarenzen bei acht von zehn Paaren kein Thema sind. Frauen würden oft auch den "Emotional Load" tragen und sich alleine dafür verantwortlich fühlen, dass es allen in der Familie gut geht.

Wollen Paare die Arbeit gleicher aufteilen, brauchen sie Zeit und Austausch. Darüber reden sei nicht genug, man müsse die Tätigkeiten sichtbar machen. Dafür gibt es etwa Listen im Internet. Und auch politische Maßnahmen seien wichtig: Der oft geforderte Ausbau einer zeitlich flexiblen Kinderbetreuung, die vor allem am Land fehlt, sowie Anreize für Väterkarenzen. Nehmen Väter die Karenz länger in Anspruch, bemerken sie auch die vielen "To-Dos", die abgearbeitet werden müssen. Das sie das vorher nicht tun, sei kein Vorwurf, denn: "Man sieht es nicht, wenn man es nicht selber tut", stellte Schrammel fest. Sie plädierte dafür, dass sowohl Mütter als auch Väter ihre Arbeitszeit auf 30 Stunden in der Woche reduzieren. Ein derartiges Modell fordern auch Arbeiterkammer und ÖGB mit der Familienarbeitszeit.

Neue Rollenbilder

Wird der Mental Load geteilt – und damit nicht nur die Tätigkeiten selbst, sondern auch die Verantwortung dafür -, gewinnen auch Männer. Sie erhalten eine "Beziehung auf Augenhöhe". Beschäftigen sie sich im Zuge dessen mehr mit ihren Kindern, erleben diese sie als vollwertigen Part in der Familie. "Nicht nur als Familienernährer, sondern als jemanden, an den man sich genauso wenden kann mit den eigenen Anliegen, Wünschen und Bedürfnissen." Genauso sollen sich nicht nur Männer, sondern auch Frauen für die finanziellen Aspekte in der Familie zuständig fühlen. Leben sie ihren Kindern keine klassischen Rollenbildern vor, könnten Eltern den "Kreislauf durchbrechen".

Um das Thema sichtbarer zu machen – denn nur wenn man das Phänomen kenne, könne man die derzeitige Situation verändern -, plant "Frauen* beraten Frauen*" eine vom Bundeskanzleramt finanzierte Kampagne mit Workshops und Vorträgen rund um den Muttertag. Die Beratungsstelle hat sich dafür den "Mental Load Award" ausgedacht, den jeder an Frauen, die mit dem Phänomen zu kämpfen haben, vergeben können soll. (APA, 25.2.2022)