Woher kommt, kurzfristig, das Gas, mit dem viele Haushalte heizen – und viele Unternehmen ihre Produkte herstellen?

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"Die Welt danach ist nicht mehr dieselbe wie die Welt davor", sagte der deutsche Bundeskanzler Olaf Scholz in seiner denkwürdigen Rede vor dem Bundestag. Scholz sprach von einer Zeitenwende, die Wladimir Putins skrupellose Invasion in die Ukraine eingeläutet habe. Die Frage ist nun, ob Europa gewillt und fähig ist, diese Zeitenwende konsequent und langfristig anzunehmen – und entsprechend zu handeln.

Die kurzfristige Empörung und Hilfsbereitschaft vieler Menschen ist angesichts der erschreckenden Bilder aus der Ukraine groß – in Deutschland, in Österreich, in der gesamten EU. In der öffentlichen Debatte überbieten einander viele gerade in Aufforderungen, was "wir" alles tun könnten und sollten. Das ist gut so, es spricht für hohes demokratisches Bewusstsein, Solidarität und Empathie. Was lange nicht möglich schien, hat Putin kurzfristig erreicht: Die Europäische Union scheint so geeint und entschlossen wie selten zuvor.

Mit allen Mitteln

Aber was passiert, wenn sich dieser Krieg über Monate, gar Jahre hinzieht? Was bleibt dann noch von der jetzigen Entschlossenheit? Sind wir Europäer dann immer noch bereit, den Autokraten Putin und sein kleptokratisches Regime mit allen Mitteln zu bekämpfen? Denn das heißt auch: Wir müssen mehr Geld an der Tankstelle ausgeben, unsere Wohnungen vielleicht um ein bis zwei Grad kühler beheizen – und vielleicht höhere Steuern für die Erschließung alternativer Energiequellen zahlen.

Europa hat Wladimir Putin viel zu lange falsch eingeschätzt. Fatalerweise. Seit dem Fall des Eisernen Vorhangs, nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion ist es für Europäerinnen und Europäer kaum mehr vorstellbar, dass ein Politiker auf diesem Kontinent anders als rational und ökonomisch orientiert agieren könnte. Mit Frieden und wachsendem Wohlstand für alle als kleinstem gemeinsamem Nenner schien eine Formel gegen alle Streitigkeiten in Europa gefunden worden zu sein.

Gute Geschäfte mit Russland

Österreichische und deutsche Unternehmen haben in den vergangenen Jahrzehnten gute Geschäfte mit Russland gemacht – und Generationen von Politikern dieser Länder haben sich erfolgreich eingeredet, die wirtschaftlichen Verflechtungen würden Putin schon einfrieden. Diese Politik des Appeasement ist krachend gescheitert. Nun muss Europa konsequent einen anderen Weg gehen. Das muss allen Menschen in Europa bewusst sein. Das bedeutet Verzicht, Veränderung und eine große Anstrengung.

Für Österreich heißt es etwa ganz konkret: Wie wird sich die OMV künftig orientieren? Woher kommt, kurzfristig, das Gas, mit dem viele Haushalte heizen – und viele Unternehmen ihre Produkte herstellen? Wie schnell kann eine Umrüstung gelingen, und wie viel wird all das kosten? Es wird aber auch bedeuten, dass österreichische Banken und Technologieunternehmen ihr Engagement in Russland überdenken müssen. Sie alle werden neue Märkte finden müssen, das wird mühsam und ist wahrscheinlich zunächst mit wirtschaftlichen Verlusten verbunden.

Nicht gestillter Appetit

Viel spricht dafür, dass Wladimir Putins Appetit mit der Einverleibung der Ukraine nicht gestillt sein wird. Ihm schwebt, nach Imperatoren-Art, die Wiederherstellung eines großrussischen Reichs nach seiner Façon vor. Es muss allen Europäerinnen und Europäern bewusst sein, dass es fast jede Anstrengung wert ist, dagegenzuhalten. (Petra Stuiber, 28.2.2022)