Der russische Verteidigungsminister Sergej Schoigu bei Syriens Machthaber Bashar al-Assad in Damaskus.

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Der Zusammenhang mit den Meldungen über internationale Freiwillige, die an der Seite der Ukrainer gegen die russischen Invasoren in den Krieg ziehen wollen, lag auf der Hand: 16.000 Kämpfer im Nahen Osten warteten nur darauf, in die Ukraine zu kommen – warum sollte man sie nicht einsetzen, sagte Russlands Präsident Wladimir Putin, der andeutete, diese würden das sogar gratis tun.

Laut Quellen in Syrien haben sich schon tausende Freiwillige gemeldet, wobei es sich jedoch mit Sicherheit um bezahlte Söldner handelt. Es soll bereits mehrere Rekrutierungszentren in größeren Städten geben. Auf Facebook wurde ganz konkret um Angehörige der 4. Division geworben – der größten und bestausgerüsteten der syrischen Armee. 3000 US-Dollar wurden abhängig von Qualifikation und Expertise in Aussicht gestellt, allerdings ohne nähere Angaben, für welchen Zeitraum diese Bezahlung gilt. Gesucht werden "Kämpfer mit Erfahrung" für "Angriff und Konsolidierung".

Das russische Verteidigungsministerium postete ein Video, das angebliche syrische Rekruten zeigt, mit russischen und syrischen Fahnen und dem berühmten Symbol Z. Angeblich hat sich auch Suheil Hammoud angeschlossen, als "Abu Tow" bekannt, weil er für den Gebrauch der Panzerabwehrrakete BGM-41 TOW berühmt ist, übrigens ein US-System. Wie viel davon Propaganda ist, was daran stimmt, kann man nicht sagen. Syrien-Experten haben jedoch wenig Zweifel daran, dass das Kriegsland ein fruchtbarer Rekrutierungsgrund ist.

Vielen syrischen Soldaten und Milizionären geht es nach Jahren des Kriegs auch nicht viel besser als dem Rest der Bevölkerung. Die Not ist groß, die Perspektiven gering. Sie sind so erfahren und abgebrüht, wie es Russland für die Ukraine braucht, viele kennen den Häuserkampf. Und sie haben aus der zynischen Perspektive der Kriegsherren im Kreml noch einen Vorteil: Um sie werden keine russischen Mütter weinen, jene, die sterben, werden sang- und klanglos verschwinden.

"Trainingsgrund" Syrien

Russland, das 2015 direkt in den Syrien-Krieg eingriff und Machthaber Bashar al-Assad vor dem wahrscheinlichen Sturz rettete, hat in Syrien viel Erfahrung gesammelt. Manche bezeichnen es als "Trainingsgrund" Russlands für die Ukraine. Dort wurden die unterschiedlichsten Arten von regulärer und irregulärer Kriegsführung auch gegen die Zivilbevölkerung erprobt – mit vergleichsweise wenig Empörung aus dem Westen und gar keinen Konsequenzen für Russland.

Auch bei der Aufstellung von "Hilfseinheiten" und Milizen hat Russland in Syrien große Erfahrung gesammelt. Die 5. Division der syrischen Armee gilt als rein russisch-gesteuert. Sie besteht großteils aus ehemaligen Rebellen, die einfach die Seiten gewechselt haben und jetzt gegen die syrische Bevölkerung im Einsatz sind, etwa im Süden des Landes. Aber es gibt noch genug andere, irreguläre Milizen, die infrage kommen.

Auch von der russischen Sicherheitsfirma Wagner-Gruppe, die fast überall ist, wo sich Russland engagiert, ist immer wieder die Rede, einige Hundert Kämpfer sollen bereits in der Ukraine im Einsatz sein. Die BBC zitiert ein ehemaliges Mitglied der Gruppe, das berichtet, dass sie via Telegram angeworben werden. Um Rebranding bemüht, sollen sie sich jetzt "Die Falken" nennen" und unter der Leitung von Offizieren des russischen Militärgeheimdienstes stehen.

Was das für Syrien heißt, ist noch schwer abzuschätzen: ob Rebellengruppen erneut ihre Chance sehen, wenn tausende Kämpfer abziehen, die zuvor für das Regime und dessen Unterstützer – außer den Russen auch der Iran und schiitische Milizen – im Einsatz waren. Unter anderem die HTS (Hay’at at-Tahrir al-Sham) in der Provinz Idlib, die auch von den USA als Terrorgruppe designiert ist, könnte Morgenluft wittern. Der Süden Syriens war zuletzt permanent unruhig.

Ob sich das Assad-Regime stark genug fühlt, um auf tausende Kämpfer verzichten zu können, oder ob man sich einfach den russischen Wünschen beugen muss, sei dahingestellt. Sicher ist, dass Syrien für Russland militärisch wichtig bleibt, allein durch seine stark ausgebaute Militärbasis Khmeimim und den Mittelmeerhafen in Tartus. Gleichzeitig wird es mehr Raum – und Einfluss – für die Iraner in Syrien geben.

Assad gibt "grünes Licht"?

Assad ließ jedenfalls keinen Zweifel daran, dass er das russische Militärengagement in der Ukraine unterstützt. Ein syrischer Abgeordneter ließ sich sogar zur lächerlichen Aussage hinreißen, der Syrer habe Putin "grünes Licht" gegeben. Vor Beginn der russischen Offensive rückte man noch näher zusammen: Mitte Februar war der russische Verteidigungsminister Sergej Schoigu in Damaskus, kurz danach Syriens Außenminister Faisal Miqdad bei seinem Amtskollegen Sergej Lawrow in Moskau.

Man betonte den gemeinsamen "Kampf gegen den Terrorismus" und gegen die "westliche Heuchelei und Täuschung". Schon vor dem russischen Einmarsch erkannte Syrien die Unabhängigkeit von Luhansk und Donezk an. In der Uno-Generalversammlung war Syrien einer von fünf Staaten, die gegen eine Russland-kritische Resolution stimmten. Sogar der Iran enthielt sich. (Gudrun Harrer, 14.3.2022)