Wer viel barfuß geht, trainiert die Fußmuskulatur.

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Luftige Kleidung ist bei der aktuellen Sommerhitze das Gebot der Stunde. Nur die Füße bleiben bei vielen Menschen den Großteil des Lebens sicher in den Schuhen verwahrt. Dabei wäre Barfußgehen ein gutes Training für die Füße – zumindest wenn man es nicht übertreibt.

Carsten Stark ist Fußkartograf und behandelt in seiner Praxis in München Menschen mit unterschiedlichen Fußproblemen. Er hat über das Thema bereits mehrere Bücher geschrieben und ist selbst begeisterter Barfußgeher. Ohne Schuhe werde die natürliche Bewegung des Fußes gefördert und die Aufmerksamkeit auf die Füße gelenkt, erklärt Stark, während man durch Schuhe schlampiger gehe, weil man nicht so sehr auf den Untergrund achten muss.

Uneingeschränkt empfehlen will Wolfgang Schneider, Orthopäde und Leiter des Fuß- und Sprunggelenkszentrums im Herz-Jesu Krankenhaus in Wien, das Barfußgehen aber nicht. Er rät, bei der Frage, ob mit oder ohne Schuh, den Hausverstand einzusetzen: "Ich würde niemandem raten, barfuß auf den Berg zu gehen, weil die Verletzungsgefahr für die Fußsohle zu groß ist", sagt er.

Das Training der Fußmuskulatur durch das Weglassen der Schuhe findet Schneider zwar sinnvoll – aber nur dort, wo es passt, etwa im Garten, auf dem Sportplatz oder am Strand: "Aber wenn man von dieser Idealsituation abweicht, muss der Fuß durch einen Schuh geschützt werden."

Nicht übertreiben

Vom Barfußgehen gänzlich abgeraten wird bei offenen Wunden auf den Füßen und bei bestimmten Fehlstellungen, bei denen man zum Verknöcheln neigt. Auch Diabetikerinnen und Diabetiker, bei denen die Sensibilität in den Füßen oft geringer ist, sollten die Schuhe anlassen.

Übertreiben sollte man das gezielte und bewusste Barfußgehen aber auch mit gesunden Füßen am Anfang nicht, meint Carsten Stark: "Die meisten Füße sind ja schwach, sie sind verformt, sie sind entwöhnt, sie sind nicht mehr vorbereitet darauf, die Belastung des Körpers in voller Wucht zu tragen." Daher empfiehlt er, anfangs mit fünf Minuten ohne Schuhe auf weichem, unebenem Untergrund zu starten und sich dann von Tag zu Tag zu steigern.

Womit man nach den ersten Gehversuchen über Stock und Stein rechnen muss, ist ein Muskelkater in den Füßen oder an der Wade. Viele würden den Schmerz im Fuß nicht als Muskelkater erkennen, sagt Stark, der im Zweifel einige Tage Pause empfiehlt.

In die richtige Richtung

Auf die Fußgesundheit sollte man auch beim Schuhkauf achten: Viele Schuhmodelle sind zu spitz, zu eng und werden zu klein gekauft. Stark rät dazu, Modelle zu wählen, die den Fuß so wenig wie möglich einschränken. "Man sollte darauf achten, dass der Schuh zum Fuß passt und nicht umgekehrt." Daher sollte im Geschäft die Einlegesohle aus dem Schuh genommen werden und der Fuß drauf platziert werden. Mindestens vier der fünf Zehen sollten darauf Platz haben, bei vielen hätten nur drei Zehen Platz.

Vor dem längsten Zeh muss außerdem mindestens ein Zentimeter Platz sein. Auch wichtig zu wissen: Die meisten Menschen haben nicht ihr gesamtes Erwachsenenleben lang die gleiche Schuhgröße, weil ihr Fußgewölbe mit der Zeit absinkt, "der Fuß wird mit der Zeit breiter und länger", sagt Stark. Bis zu zwei Schuhgrößen kann man also auch als Erwachsener im höheren Alter noch dazugewinnen.

Orthopäde Schneider plädiert auch bei der Schuhauswahl für den Hausverstand: Hochhackige Schuhe seien in Ordnung, wenn man sie nicht täglich stundenlang trägt. Und gegen Flipflops am Strand sei im Urlaub auch nichts einzuwenden. Der Trend hin zu Sneakers, die mittlerweile auch zum Anzug oder dem Kostüm kombiniert werden, ist für ihn jedenfalls ein Schritt in die richtige Richtung. (zof, 31.7.2022)